HEIMSCHMUCK Kostbare Greise
Schon seit Jahren, so erzählt eine japanische Chronik, rätselten die Nachbarn des alten Takaie über das jugendliche Aussehen des Greises. Welches Wunder seine Stirn so glatt erhalte, fragten sie ihn schließlich.
Sein ganzes Leben lang habe er den Bonsai kultiviert, antwortete der Weise: »Wenn ich mein Werk betrachte, spüre ich nichts vom Reif des Winters.«
Die Kunst des »Baumes im Topf«, seit über tausend Jahren zelebriert, wird auch im industrialisierten Nippon weiter gepflegt. Ob auf dem Land oder in den Beton-Hochhäusern der japanischen Großstädte -- fast jede Familie hat ihren Bonsai, Gegenstand religiöser Verehrung und über Generationen weitergereicht.
Noch vor wenigen Jahren zählten die fernöstlichen Zwergbäume in Westdeutschland zu den Raritäten. Preise bis zu 50000 Mark pro Pflanze und schwierige Einfuhrbedingungen hielten den Kreis derer, die sich einen Bonsai leisteten, klein.
Doch mittlerweile, begünstigt durch zunehmende Vorliebe für exotisches Grün, gehören die asiatischen Winzlinge offenbar zu den Favoriten einheimischer Pflanzenfreunde:
* Rund 15 000 Bonsais verkaufte Hans-Karsten Kleeberg, größter deutscher und europäischer Bonsai-Importeur, allein 1978, fünfzehnmal soviel wie fünf Jahre zuvor. Zahlreiche Großgärtnereien und »Gartencenters« setzten die Miniaturbäume auf ihr Programm.
* Bonsai-Fans gründeten Clubs in Hamburg, Hannover und Heidelberg und veranstalten Kurse und Studienreisen ins Heimatland der Zwerggewächse.
* »Zum Sensationspreis von nur 99 Mark« werden Bonsai-Kiefern neuerdings sogar im Versandhandel angeboten, bei »Garten-Quelle« in Fürth ("Wertvolle Rarität aus Japan«, »mit Echtheitsurkunde!").
Nur etwa 20 bis 60 Zentimeter groß und 10 bis 120 Jahre alt sind die Baumzwerge, die -- normalerweise mit Qualitätsplomben und Herkunftspaß -- aus Japan eingeführt werden.
Seit rund 1000 Jahren, so lassen überlieferte Bildrollen vermuten, befassen sich die Japaner mit der Aufzucht von Bonsai. Die Jungpflanzen werden durch Beschneiden und Verdrahten so getrimmt, daß sie nach etwa zehn Jahren zur perfekten Miniatur eines in der Natur lebenden Baumes heranwachsen: Winzige Kirschbäume stehen da in Blüte, Buchen, Eichen und Ahorn entfalten winzige Blätter, ganze Wälder fügen sich zu einer Zwergenlandschaft.
Dabei wird die Natur, nach bestimmten Ritualen und verschiedene Stimmungslagen ausdrückend, manipuliert, »Stolz, majestätisch«, »leicht geneigt«, »windgepeitscht« oder »kaskadenförmig« können die Zwerge wachsen.
Zur Kunst des Verkleinerns gehört die fernöstliche Tugend der Geduld: Mit speziellen Werkzeugen müssen Zweige und Wurzeln regelmäßig beschnitten, die Erde reduziert und neu gemischt werden. Auch braucht der Pflegling genau dosierte Wasser- und Düngergaben, um das Ziel der vollkommenen Kleinheit zu erreichen.
Welchen Stellenwert die Bonsai-Aufzucht offenbar im Leben der Japaner hat, veranschaulicht ein Spiel aus dem Repertoire des No-Theaters, das bis ins Mittelalter zurückreicht: Ein Samurai opfert seinen kostbaren Baum, um in kalter Nacht einem unbekannten Reisenden einzuheizen -- ein Akt höchster Verehrung und Selbstaufgabe.
Mittlerweile ist der Baum im Topf als »Leiter zum Himmel« nicht nur in buddhistischen Zen-Klöstern religiöses Objekt und Meditationshilfe. Auch in der bürgerlichen Wohnung hat der Bonsai seinen Platz im Tokonoma, der heiligen Nische der Familie. Stetige Pflege. und Betrachtung des kostbaren Bäumchens können -- so die japanische Überlieferung -- Wege zur Erleuchtung öffnen.
Wege zum »Schöner Wohnen« suchen nun anscheinend westliche Bezieher mit der fernöstlichen Skurrilität -- der religiöse Hintergrund ist ihnen fremd. Aber oft haben unkundige Pflanzen-Fans, die statt Gummibaum oder Azalee einen Bonsai wählen, wenig Freude. »Manchmal«, so der Hamburger Importeur Kleeberg, »geht ihnen der Baum nach drei Wochen kaputt.«
Grund: Der Bonsai ist eine Freiluftpflanze -- im Zimmer soll das grüne Kunstwerk nur vorübergehend stehen. Auch nachdem das Bäumchen die gewünschte Wuchsform erreicht hat, muß es weiterhin regelmäßig umgepflanzt und beschnitten werden.
Händler freilich, die den Bonsai jetzt als lohnende Ware entdecken, preisen ihn gern als pflegeleicht. Überdies sind die angeblichen Raritäten aus Japan oft weder rar noch aus dem Lande der aufgehenden Sonne. Denn mittlerweile hat der Bonsai-Boom im Westen die Kaufleute dazu verführt, auch den Markt ein wenig zu manipulieren.
Häufig in ordinärem Blumentopf statt in flachen Spezialschalen, rügt der diplomierte Bonsai-Meister Kleeberg, kämen »Sonderangebote« nun in den Handel, eher Strauch als Baum, nicht selten auch mit geschwindelten Altersangaben. Und »Garten-Quelle« entschloß sich wegen der regen Nachfrage, wie das Handelshaus auf Anfrage zugab, die Waren übern kurzen Weg einzukaufen.
Mehr als 1000 japanische Billig-Bonsais, so »Quelle«-Zentraleinkäufer Jürgen Lux in Fürth, seien innerhalb weniger Wochen verkauft worden. Da man nicht genügend Bäume aus Japan heranschaffen konnte, sei der Nachschub in Holland geordert worden.