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THEATER Kraft nach innen

Nach acht Jahren haben Peter Palitzsch und seine Mannschaft Frankfurt verlassen -- damit geht eine Phase der Theater-Mitbestimmung zu Ende.
aus DER SPIEGEL 30/1980

Meine Flucht« nennt die Schauspielerin Marlen Diekhoff noch zwei Jahre später ihren Weggang vom Frankfurter Schauspiel -- so als habe sie, über Stacheldraht hinweg, die DDR verlassen oder sei, unter Aufbietung aller psychischen Reserven, einer Strindbergschen Ehehölle entronnen.

Der Schauspieler Robert Tillian formuliert in einem Gespräch gar ein bevölkerungspolitisches Vakuum des Schreckens: »In Frankfurt haben auch ganz wenige Kinder gekriegt] Das ist sehr bemerkenswert, weil nachher plötzlich ganz viele Leute Kinder gekriegt haben.«

Und die Kollegin Barbara Sukowa pflichtet ihm bei: »Es hat ja in Frankfurt so etwas wie ein Privatleben eigentlich kaum gegeben.«

Statt dessen ging man auf Sitzungen, Vollversammlungen, diskutierte, stimmte ab, wenn man mit der eigentlichen Theaterarbeit, dem Proben und Spielen fertig war, und erzeugte dabei, so die Schauspielerin Elisabeth Schwarz, oft eine »widerwärtige Atmosphäre«.

Derart gefühlsgeladen und förmlich mit nachzitterndem Schrecken reagieren die Beteiligten jetzt, am Ende der achtjährigen Ära Palitzsch, auf das Frankfurter Mitbestimmungsmodell, -- nachzulesen in einem als Buch veröffentlichten Fazit: »War da was«.

( »War da was? Theaterarbeit und ) ( Mitbestimmung am Schauspiel Frankfurt ) ( 1972--1980«. Herausgegeben von Gert ) ( Loschütz und Horst Laube, Verlag ) ( Syndikat, Frankfurt; 400 Seiten; 19,80 ) ( Mark. )

Am 21. August 1972 hatte der Frankfurter Magistrat eine Vereinbarung mit dem Schauspielzweig der Städtischen Bühnen verabschiedet, der eine »Mitbestimmung im künstlerischen Bereich Schauspiel« vorsah.

Damit hatte Frankfurt als erster und einziger Subventionsträger, sicherlich unter den Nachwehen der Studentenbewegung und sicherlich unter dem Antrieb des risiko-freudigen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, die Mitbestimmung auf dem Theater vertraglich konstituiert.

In Frankfurt sollte fortan, innerhalb eines von der Gemeinde gesetzten finanziellen Rahmens, versteht sich, eine Gewaltenteilung zwischen drei Instanzen über das Theater herrschen:

* eine Vollversammlung, zu der alle am Schauspiel nach dem »Normalvertrag Solo« Angestellten abstimmungsberechtigt Zugang haben sollten;

* ein künstlerischer Beirat, dem gewählte Vertreter der einzelnen Sparten des Theaters (Regisseure wie Souffleusen) angehören sollten;

* ein Direktorium, das sich aus je einem vom Magistrat berufenen Regisseur und Bühnenbildner und einem von der Vollversammlung gewählten Schauspieler zusammensetzen sollte.

Die Intendantenherrschaft, von Schauspielern und Kritikern in den sechziger Jahren als letzte Bastion des praktizierten Feudalismus beklagt und in Frankfurt mit Ulrich Erfurths hilfloser Intendanz besonders kläglich zu Ende praktiziert, war damit erstmals an einer deutschen Bühne offiziell gebrochen.

Entwickelt war das Modell von einigen Schauspielern, Regisseuren und Dramaturgen in Stuttgart. Dort hatten sich so unterschiedliche Temperamente wie der Brecht-Schüler Peter Palitzsch, der vor Spontaneität übersprudelnde Hans Neuenfels (Trademark: enfant terrible) und der in den Schluchten der Innerlichkeit gratwandernde Niels-Peter Rudolph mit Schauspielern und Dramaturgen in ihrem Unbehagen am S.139 Stadttheaterbetrieb zusammengefunden und die Möglichkeit erwogen, ein kollektives Theater zu machen, sobald sich dazu Gelegenheit böte.

Es gab damals in der durch die Achtundsechziger verunsicherten Landschaft eine Reihe von Theaterleuten, die vom hierarchischen, politisch feigen und künstlerisch immobilen Theaterbetrieb angewidert, nach neuen Wegen suchten.

Fest machten als erste (und bis dahin einzige) die Truppe um Peter Stein an der Schaubühne in Berlin und eben die Palitzsch-Mannschaft (ohne den zögerlichen Rudolph) in Frankfurt.

Sosehr in den nächsten Jahren in Frankfurt Schauspieler, Bühnenbildner und Regisseure kamen und gingen: es blieb eine Kerntruppe um Peter Palitzsch, es blieb die Mitbestimmung.

Hauptkennzeichen des Frankfurter Modells nach innen wie nach außen war zunächst eine alles erfassende Diskussionslust, ja Debattierwut. Man stritt sich mit dem Magistrat über die verfügten Preiserhöhungen, mit dem Publikum über die schnöde verletzten Erwartungen und, vor allem, untereinander, über alles und jedes -- tagelang, nächtelang.

In Sachsenhausen wurde das »Affentorhaus« zum Treffpunkt, wo Theaterleute bald über Theorie, bald über Besetzungspraktiken debattierten, um einander die Arbeit zu erleichtern und das Leben zu erschweren.

In den Protokollen tauchen bedrängende Fragen auf, etwa die: »Wann waren wir fröhlich?« Die enttäuschte Regieassistentin Renate Klett registrierte dennoch »die gleichen Machtkämpfe, die gleichen Intrigen, den gleichen Tratsch« wie an anderen Häusern.

Das Frankfurter Modell stieß Theaterleute gleichermaßen ab, wie es sie anzog. Die Liste der Innovationen auf der Bühne der sechziger Jahre ist ohne Frankfurt nicht zu führen:

Nach der Schaubühne war Frankfurt in den frühen siebziger Jahren die meisteingeladene Bühne zur imaginären deutschen Theatermeisterschaft, dem Berliner Theatertreffen.

Bereits in der ersten Spielzeit inszenierten neben Palitzsch und Neuenfels zwei richtungsweisende Regisseure wie der Argentinier Augusto Fernandes und Klaus Michael Grüber. Für Grüber, der mit Brechts »Im Dickicht der Städte« für ein theatergeschichtliches Ereignis sorgte, entwarf der Maler Eduardo Arroyo das Bühnenbild mit einer Unzahl ausgelatschter Schuhe --Zeichen für unsere Wegwerfkultur.

In den folgenden Jahren inszenierte Luc Bondy ("Der Dauerklavierspieler«, »Die Unbeständigkeit der Liebe") ebenso in Frankfurt wie Fassbinder.

Die Regisseure Peter Löscher, Frank Patrick Steckel und Christof Nel, die Bühnenbildner Erich Wonder, Götz Loepelmann, Karl Kneidl und Klaus Gelhaar haben in Frankfurt innovatorisch gearbeitet und, anschließend, Impulse des Frankfurter Modells an andere Bühnen, etwa das Bremer Theater, gebracht.

Die Schauspieler, die in Frankfurt spielten, bildeten das neben der Schaubühne und dem Hamburger Schauspielhaus imposanteste Ensemble, keine Versammlung von illustren Einzelgängern, sondern für bestimmte Produktionen und Intentionen wirklich eine verschworene Gemeinschaft.

In Frankfurt prägte sich auch, deutlich wie sonst nur an der Schaubühne, die neue Gewichtung einer Dramaturgie, die Spielpläne nicht nur historisch begründete, sondern auch in gesellschaftliche Zusammenhänge zu bringen trachtete: Namen wie Mit-Direktor Karlheinz Braun, Horst Laube oder Urs Troller stehen für diese Entwicklung.

Jedoch galt für Frankfurt, was das Protokoll der Klausurtagung vom 5. 11. 72 festhält: »Regisseure scheinen ihren Seltenheitswert und das Überangebot an Schauspielern zu einem Machtmißbrauch zu nutzen.« Und es galt auch, was ein Theatermann wie Claus Peymann, erfolgreicher Nachfolge-Schauspieldirektor Palitzschs in Stuttgart, als Einwand gegen Frankfurt formulierte: es werde da »zuviel Kraft nach innen verbraucht«.

Tatsächlich wurde das gutbürgerlich gestimmte Frankfurter Publikum gleich in der ersten Saison durch Palitzsch Inszenierung des Bondschen »Lear« in Scharen aus dem Theater und dem Abonnement getrieben. Versuche, durch spannende mutige Unternehmungen ein neues Publikum statt dessen zu gewinnen (wie etwa mit der »Medea« von Neuenfels), waren zu selten; das Frankfurter Theater schien in den letzten Jahren oft mit seinen Mitbestimmungs-Problemen im eigenen Sud zu kochen.

Dennoch scheiden Palitzsch und seine Truppe in dem Gefühl, dem deutschen Theater einen Anstoß gegeben zu haben, den es nicht mehr loswerden kann. So sehr die Schauspieler auch in der Erinnerung maulen -- an ein Zurück in die kurfürstliche Intendanz denkt, selbstbewußt geworden, niemand mehr.

Meint der Dramaturg Wolfgang Wiens, inzwischen am Bremer Theater: »Nicht lange drüber reden oder schreiben, einfach weitermachen.«

S.138"War da was? Theaterarbeit und Mitbestimmung am Schauspiel Frankfurt1972--1980«. Herausgegeben von Gert Loschütz und Horst Laube, VerlagSyndikat, Frankfurt; 400 Seiten; 19,80 Mark.*Mit Schauspielerin Elisabeth Schwarz.*S.139Mit Elisabeth Trissenaar (r.) als Medea.*

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