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Film Kratzer im Eis

»Jenseits der Stille«. Spielfilm von Caroline Link. Deutschland 1996.
aus DER SPIEGEL 51/1996

Die weisen Tauben sind müde - und das ist gut so, denn neuerdings müssen Gehörlose im Kino keine sanftmütigen Heiligen mehr sein oder schmerzensreiche Kobolde, wie sie in Schmachtfetzen namens »Gottes vergessene Kinder« oder »Mr. Holland's Opus« auftraten. Caroline Links taubstumme Helden sind ziemlich normale Menschen mit kleinen Fehlern; mal ungerechte Egoisten, die in Selbstmitleid zerfließen, und mal herzerweichende Tolpatsche, denen allerlei Ulkiges widerfährt.

Noch komischer aber sind die Nicht-Behinderten. In einer Szene von »Jenseits der Stille« übersetzt die achtjährige, hör- und sprechfähige Tochter des Taubstummen-Ehepaars Bischoff das Kredit-Gespräch zwischen ihren Eltern und einem Bankbeamten. Am Ende will der leicht verstörte Bankmensch der kleinen Lara die Hand schütteln - und das Kind herrscht ihn an: »He, meine Eltern sind hier die Kunden!«

Mit erstaunlich leichter Hand fügt die 32jährige Caroline Link in diesem Kino-Debüt zusammen, was zumal im deutschen Film selten zueinanderfindet: die Komödie und das Melodram, die akkurate Schilderung dessen, was eine Behinderung bedeutet - und die Schmerzen und Freuden des Erwachsenwerdens.

Nicht um das Geschick des Gehörlosen-Paars Kai und Martin kreist die Erzählung des Films (die beiden tatsächlich gehörlosen Darsteller Emmanuelle Laborit und Howie Seago sind bekannt eben aus »Gottes vergessene Kinder« und aus Theaterproduktionen etwa mit Bob Wilson). Es geht um die Geschichte der ältesten Tochter Lara, die zunächst von der wunderbar ernst blickenden Tatjana Trieb gespielt wird und dann, als 18jährige, von Sylvie Testud.

»Jenseits der Stille« ist ein Film über den Abschied von der Kindheit unter erschwerten Bedingungen: Wer seine Eltern nicht als scheinbar allmächtige Tyrannen erlebt, sondern als zärtliche, hilfsbedürftige, oft allzu anhängliche Lebensgefährten, für den erledigt sich jede Form äußerlicher Rebellion - insofern führt Caroline Link bloß den Blickwinkel jener Generationen vor, die nach dem symbolischenVatermord der 68er erwachsen wurden.

Seine Kraft gewinnt der Film daraus, daß er sich niemals den Regeln irgendeiner Realität zu unterwerfen versucht. Er zeigt Bilder und Gefühle, die größer sind als das Leben: So schwelgt Gernot Rolls Kamera in den Farben des Sommers, wenn er die Bischoffs bei Ausflügen durchs ländliche Bayern begleitet, und er benutzt die Flockenpracht diverser Schneegestöber, um das Licht der häuslichen Wohnstube noch ein bißchen heimeliger scheinen zu lassen - manchmal sieht der Film aus, als gelte es, eine Werbeaktion für das Knorr-Suppen-Familienglück zu illustrieren: Etwas Warmes braucht der Mensch.

Doch schon in der ersten Einstellung ist die Bedrohung spürbar, die dieser Idylle häßliche Kratzer zufügen wird: Die Kamera schwingt sich vom Grund eines Sees zu jener Eisfläche empor, auf der Lara und ihre schöne, egozentrische Tante Clarissa (Sibylle Canonica) auf Schlittschuhen herumkurven.

Es ist ein Glück auf dünnem, brüchigem Eis, das hier zu sehen ist, und die Liebe zwischen Lara und ihren gehörlosen Eltern erweist sich mehr und mehr als Last: Als das Mädchen eine Klarinette geschenkt bekommt, beginnt es, die Wunder der Musik zu entdecken - und damit eine Welt, die ihren Eltern logischerweise verschlossen ist.

Zehn Jahre später bricht Lara für einen Sommer nach Berlin auf - in ein Berlin, das dieser Film mit schöner Beiläufigkeit in einen magischen Ort verwandelt, an dem auch böse Zauberkräfte walten: Dort belügen sich die Erwachsenen und machen sich das Leben zur Hölle; und erst allmählich lernt Lara, gegen die Wunschprojektionen und Pläne der Älteren ihren eigenen Kopf durchzusetzen.

Zugleich erzählt Caroline Link, die nach dem Studium an der Münchner Filmhochschule eher zufällig auf den Stoff einer Kindheit mit gehörlosen Eltern stieß, wie die erste Verliebtheit die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Wenn Lara mit dem aufgekratzten Tom (Hansa Czypionka) durch die nächtlichen Straßen streunt, geraten auch die Bilder in einen schwärmerischen Taumel. Zu den schönsten Erfindungen zählt der Schattenspuk, den die beiden Verliebten vor einer Häuserwand inszenieren: So zeichenhaft, wie die Gebärdensprache der Gehörlosen funktioniert, variiert die Regisseurin hier das alte Spiel vom Einfangen und Einanderverlieren.

Darum geht es in diesem Film: Wie das Leben eines jungen Menschen Konturen annimmt und wie diese sich wieder verwischen. »Jenseits der Stille« endet in einem Hörsaal, mit einer Prüfungssituation, wie man sie schon tausendmal im Kino gesehen zu haben glaubt. Und doch gelingt es Caroline Link, dieses Finale auf neue Art zu erzählen: Es scheint, als lösten sich die Bilder mehr und mehr in den von Niki Reiser komponierten Klarinettenklängen auf.

Nein, mit der Weisheit der Mühseligen und Beladenen hat dieser Film nichts im Sinn: Nicht der Widerstreit von Verstand und Gefühl ist sein Thema, sondern der Versuch, mit dem Herzen zu verstehen, was der Kopf ohnehin nie begreift.

Wolfgang Höbel

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