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Krautrock für Madonna

Nahaufnahme: Der Plattenladen Rough Trade in London, ein Wallfahrtsort des Pop, feiert 30-jähriges Jubiläum.
aus DER SPIEGEL 45/2006

Bowie kommt immer vormittags und zahlt bar. Madonna schickt Vertraute mit handgeschriebenen Einkaufszetteln. Beck erscheint mit einem Bodyguard an der Seite - zum Tütentragen -, und der ehemalige Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant hat stets seinen Sohn im Schlepptau. Nur Bono wurde neulich leider nicht erkannt. »Wir haben uns nett unterhalten, aber erst als ich seine Kreditkarte sah, kapierte ich, mit wem ich da schwatzte. Hoffentlich hielt er mich nicht für zu cool«, sagt Nigel House amüsiert.

Der kahlgeschorene Brite, 48, ist Mitbesitzer und Geschäftsführer der Londoner Pop-Institution namens Rough Trade. Ein garagengroßer Plattenladen, einen Steinwurf entfernt von der schnieken Portobello Road in Notting Hill. Hier, im »besten unabhängigen Plattenladen Englands, wenn nicht der Welt« ("The Guardian"), treffen sich seit 30 Jahren Pop-Millionäre und Büroangestellte, Bauern und Bohemiens, die eine gesteigerte Liebe für außergewöhnliche Musik verbindet. Sie kommen, um in den vollgestopften Regalen zu stöbern, oder einfach nur, um ein Schwätzchen mit den Verkäufern zu halten.

Der Rough-Trade-Laden entspricht dem kleinen widerspenstigen Dorf von Asterix und Obelix im von den Römern besetzten Gallien. Im Gegensatz zur von allerlei Umsatz- und Identitätskrisen gestressten Musikindustrie herrscht hier allerbeste Laune. Denn während Internet-Firmen wie Amazon und iTunes immer mehr traditionelle Plattenläden ausradieren - jüngst meldete die US-Kette Tower Records Insolvenz an -, kaufen die Freunde des Hauses hier unbeeindruckt viele CDs und Vinyl-Tonträger. »Es ist wirklich unglaublich, aber wir setzen jedes Jahr mehr um«, berichtet Nigel House aus seinem Parallel-Pop-Universum.

Zu Rough Trade kommt man, um zu suchen, sich überraschen zu lassen und Neues zu entdecken. So wie der Modemacher Paul Smith, der neulich eine CD eher obskurer, aber hochgelobter Amerikaner namens Spank Rock erworben hatte, jedoch später nicht sicher war, ob er die nun mochte oder nicht. Nachdem ein junger Mitarbeiter die Platte auf seinem Bürotisch liegen sah, sehr beeindruckt war und seinen Chef daraufhin sehr viel lässiger fand, hatte sich die Sache für Smith schon gelohnt, berichtete der später stolz im Laden. »Es freut mich immer, wenn wir unsere Kunden so glücklich machen können«, sagt Nigel House grinsend.

Bei aller Freundlichkeit ist Rough Trade natürlich auch ein Biotop für Musiksnobs.

Und es kann einem hier durchaus mal so gehen wie dem armen Kerl, der in Nick Hornbys Roman »High Fidelity« in einem Plattenladen, der Rough Trade sehr ähnlich ist, nach Stevie Wonders Evergreen »I Just Called to Say I Love You« fragt und sich dafür verhöhnen lassen muss. Wer also bei Rough Trade nach U2, Norah Jones oder Sting sucht, wird nichts finden. Das sei kein Snobismus, man habe eben nur nicht »das Publikum für solche Musiker«, verteidigt sich House. Selbst ein Stammkunde wie Robbie Williams sollte hier nicht nach seinen Werken suchen. Stattdessen blättert man durch Musikgenres mit abenteuerlichen Namen wie »Bastard Pop«, »Cut Up Experiments«, »Krautrock« oder »Ethiopics«. Denn bei Rough Trade beschränkt man sich auf die Alternativen zur Realität der Hitparaden; eine bunte Auswahl von Country-Gefiedel und Techno-Geballer bis zum Britpop von Pete Dohertys Babyshambles. House und seine Kollegen fungieren dabei als Geschmackspolizei, nur was ihre Gnade findet, kommt in die Regale.

Gestartet hat den Laden ein Cambridge-Absolvent namens Geoff Travis mit einem Berg Reggae- und Singer-Songwriter-Platten, die er aus Amerika mitgebracht hatte. Dazu kam Punk-Rock, der bei Rough Trade schnell zum Hit wurde.

Bald erweiterte Travis sein Betätigungsfeld und gründete die gleichnamige Plattenfirma. Der Rough-Trade-Shop wurde zentraler Treffpunkt der englischen Punk-Rocker und Avantgardisten wie Robert Wyatt und John Peel. Aber als Travis die Geschäfte seiner Plattenfirma trotz künstlerischer Triumphe über den Kopf wuchsen, wollte er 1982 den Plattenladen schließen. »Wir überredeten ihn, das Geschäft den Angestellten zu überlassen, was er erleichtert annahm«, erinnert sich House, der seit einem Vierteljahrhundert dabei ist.

Die größte Gefahr, meint House, sei, zu einem Museum zu verkommen, in dem verwitterte Rockrentner der guten alten Zeit nachtrauern. Doch da müssen sie sich bei Rough Trade keine Sorgen machen. Ein gesunder Anteil der Kundschaft besteht aus Teenagern, weil es auf Dauer doch aufregender ist, Plattenberge zu durchforsten, als sich stundenlang durch MySpace zu klicken. »Wir sind eben auch eine popkulturelle Autorität«, sagt House. »Wir sagen dem Nachwuchs, was gut ist. Im Netz gibt es keine Selektion.«

House hat nach all den Jahren weniger Zeit für Musik als früher. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, die sich ziemlich wenig für die tollen Platten in Daddys Laden und seine eigene Sammlung interessieren. »Mein Sohn ist 13 und fragt nur, ob er meine Platten bekommt, wenn ich mal sterbe. Wahrscheinlich will er sie bei Ebay verkaufen«, sagt Nigel House und lacht. CHRISTOPH DALLACH

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