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Umwelt Kreativ und kostenlos

Freizeitbastler in Amerika haben ein neues Hobby: Sie machen aus Abfall Möbel und Kunstgewerbliches. Die Industrie unterstutzt diese Do-it-Yourself-Bewegung; eine Ausstellung bot Müll-Kunst dar.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Umweltbewußte New Yorker, verängstigt durch Luft- und Wasserverschmutzung, eingeschüchtert durch die amerikanische Müll-Lawine, waren starr vor Schreck:

In einer ihrer wenigen Oasen der Sauberkeit, im eleganten Einkaufsviertel auf der Fifth Avenue, zeigte die vornehme Hallmark Gallery sieben Wochen lang nichts anderes als Abfall und Abfallprodukte.

Die unappetitliche Schau motivierte Hallmark-Direktor Walter V. Swartz in volkspädagogischem Ton: »Müllbeseitigung ist nun mal kein Glamourthema. Wir haben mit dieser Ausstellung versucht, lebenswichtige Information in unterhaltender Form zu vermitteln und eine Lösung zu diesem Problem zu bieten.«

Die Müll-Exposition zeigt Amerikas Kampf gegen die Umweltverschmutzung in einem neuen Stadium: Nachdem die staatliche Administration des Abfalls nicht mehr Herr zu werden scheint, beschäftigen sich nun Künstler und Konsumenten mit Müll.

Eine allamerikanische Do-it-Yourself-Bewegung nimmt sich neuerdings der klassischen Wegwerfprodukte an und formt oder knetet aus Pappe, Kartons, Flaschen und Büchsen Schmuckwerk und Innendekoration.

Der Appel! der New Yorker Müllausstellung an die kreative Selbsttätigkeit der Verbraucher (Titel: »Abfall -- die Notwendigkeit, ihn wiederzuverwenden") hat offenbar große Zugkraft: Rund 200 000 Besucher bestaunten die kunstvoll resozialisierten Abfälle und diskutierten vielfach, ob nicht auch sie Lampen aus kugelförmig aneinandergereihten durchsichtigen Plastikbechern. Küchenschränke aus alten Kisten, einen Armsessel aus 150 verschweißten Bierdosen, Tische und Stühle und Betten aus Pappmaché, Kandelaber aus hängenden Bierflaschen oder antikisierende Säulen aus Eierkartons fertigen könnten.

Dieser Basteleifer wird von der Industrie natürlich gern gefördert: zum Zerschneiden von Flaschen etwa, einem Vorhaben, aus dem häufig nur Glassplitter und blutige Finger resultierten, werden inzwischen für acht bis elf Dollar spezielle Flaschenzerschneide-Werkzeugkästen angeboten, mit deren Hilfe auch Ungeübte aus ihren leeren Whisky-Bottles Gläser, Aschenbecher oder Vasen schaffen können.

Angesehene Kaufhäuser wie »Brentano"s« in New York geben täglich Vorführungen in Abfall-Veredelung; andere Firmen sind selbst zur Abfall-Verarbeitung übergegangen und bieten etwa Plastikbecher -- Lampen für immerhin 13 Dollar an -- die professionelle Konkurrenz belebt bereits das Do-it-Yourself-Geschäft.

Mit Kunstsinn läßt sich gar, wie die Ausstellung in der Hallmark Gallery zeigte. Abfall in jede Art von Collagen verwandeln. Weiß-blaue Plastikflaschen eignen sich zum Bau von Phantasie-Weltraumstationen; zusammengereiht baumeln sie als Super-Mobiles von der Dekke, vorausgesetzt, der Raum ist mindestens fünf Meter hoch.

Der New Yorker Bildhauer Robert Schneeberg hat eine Insel vor der Atlantikküste entdeckt, auf der sich offenbar besonders viel Strandgut einfindet. In regelmäßigen, erfrischenden Strandwanderungen sammelt er die angeschwemmten Abfall-Materialien und bastelt sie zu schicken Müllkunst-Collagen zurecht.

Bei so viel künstlerischer und kunstgewerblicher Reputation lassen sich die Anhänger der neuen Do-it-Yourself-Bewegung auch von Skeptikern nicht aufhalten, die ihrem Freizeit-Tun die Pervertierung des Umweltschutz-Gedankens vorwerfen.

Sie folgen dem euphorischen Motto der Hallmark-Show: »Abfall ist schön, umweltbezogen, funktionell, wiederbelebend, schöpferisch, dekorativ, industriell, erzieherisch, künstlerisch, politisch -- und kostenlos.«

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