Sibylle Berg

Krise folgt auf Krise Die Ohnmacht der Nichtmilliardäre

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Zu viele Brandherde, zu viele Katastrophen hinterlassen die Mehrheit ratlos, hilflos. Die Fähigkeit zum Zusammenhalt ist demoliert. Die gute Nachricht: Der Traum lebt, dass sich grundsätzlich etwas ändern lässt.
Verweigern wir uns, oder machen wir weiter?

Verweigern wir uns, oder machen wir weiter?

Foto: Malte Mueller / Getty Images/fStop

Die Masse der Nichtmilliardäre hetzt seit Jahren durch die zunehmende Krisenberichterstattung. 9/11, der Krieg gegen das Böse, die Aufrüstung, die Terroranschläge im gefühlten Wochentakt, der gruppenbezogene Menschenhass. Hurra, nach dem Ende des Kalten Krieges endlich wieder etwas anderes hassen als die immer Gleichen – Juden und schwarze Menschen, Junkies und Minderheiten. Dann der Syrienkrieg, die Menschen, die flohen, die Medien, die ein Jahr lang von Flüchtlingsströmen, Lawinen, sprachen und ihre Sprache mit Menschen ohne Gesicht bebilderten, danach Erstaunen: Hoppla, wo kommen plötzlich all die Nationalisten her, die extremen Parteien, wie konnte das nur passieren?

Danach weitere Abschaffung der Solidarität. Wir reden von Vulnerablen und meinen Menschen. Im Internet dreht der Hass steil, auf der Straße dito, LokalpolitikerInnen werden attackiert, parallel Naturkatastrophen im gefühlten Wochentakt. Immer mehr drehen durch, schießen um sich. Terror. Heißt bei weißen Tätern Amok. Die Pandemie. Die Armee, die die Menschen vor sich selbst schützt, Tote, Arbeitslose, Lernstörungen, eine traumatisierte Weltbevölkerung. Noch mehr Armut. Noch mehr absurde Gewinne für Aktionäre während der Pandemie. Noch mehr Panama, Pandora, whatever, Leaks. Schlecht bezahlte Journalist:innen hetzen den Themen hinterher. Wie alle. Immer zu spät, immer zu viel los, um etwas zu Ende zu denken.

Darauf eine Netflix-Serie. Im Hintergrund wird an der Überwachung geschraubt. Für unser aller Sicherheit wird jeder unter Verdacht gestellt. Außer einigen. Wir könnten alles wissen. Der Pressefreiheit sei Dank. Die immer weiter beschnitten wird .

Die Demokratie siegt, hurra, Macron wird für die nächsten Jahre weiter die Privatisierung fördern und die Steuern für Unternehmer senken. Die ihre Arbeitsplätze vom Menschen an Maschinen auslagern. Wir feiern Elon Musk für Autofabriken. Wir sind ratlos, hilflos. Zu viele Brandherde, zu viele Katastrophen. Ein neuer Krieg. Eine neue Flut der Dauerberichterstattung. Faschismus wird wieder in, als Begriff. Der immer nur von den Gegnern definiert wird. Es ist logisch, darauf mit Aufrüstung zu antworten. Zwei Billionen haben den Frieden wohl doch nicht gesichert , warum also nicht vier Billionen. Oder 60.

Was war noch mal mit dem Gesundheitswesen? Den Betten, dem Personal, der miesen Bezahlung. Egal. Es bedeutet nichts. Nichts bedeutet mehr etwas. Und die Bevölkerungen, die Nichtmilliardäre, sind ohnmächtig. Ohne Macht, etwas zu verändern. Die vielen kleinen Schritte und Kämpfe werden durch einen Sprint zurück abgelöst. Keiner will etwas Böses.

Auch Kapitalisten tun nur, was Kapitalisten eben tun. Wachsen, fressen. Vernichten. Kriege um Rohstoffe, Territorien, das Wasser werden zunehmen. Seuchen, Inflation und Hunger, Verkehrskollaps und Abbau der Rechte dito. Die Fähigkeit zu Besonnenheit und Zusammenhalt wurde von aufmerksamkeitsvernichtenden Algorithmen, vom Blinken und Pingen, von Apps und Chats, seit Jahren demoliert. Wo fangen wir an, was räumen wir auf, demonstrieren oder streiken wir? Verweigern wir uns, oder machen wir weiter? Bis zum Ende, Work-out auf vertrocknetem Boden?

Die gute Nachricht – es gibt nicht tausend Brandherde, nicht tausend Ursachen, nur Millionen Menschen, die gegen ihr eigenes Überleben ihre Gier nicht beherrschen können. Und ein grundlegendes Problem: das ökonomische globalisierte weltweite System. Das uns durch seine Basis, die auf Raubbau und Gewinnmaximierung beruht, in die Katastrophe führt. Nichts also, was man nicht in der wunderbaren Zeit der Digitalisierung mit einigen guten RCE-Programmierungen  ändern könnte.

Und bis es so weit ist, kann man sich aus der Starre lösen und darüber diskutieren, wie ein neues ökonomisches System aussehen kann und wie eine wirklich moderne Gesellschaft aussehen soll. Die nicht nur für 20 schlechte Jahre – irgendwie – noch funktioniert. Sondern der Menschheit eine wirklich bessere Welt bietet. So. Ich träume weiter.