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KRITIK

aus DER SPIEGEL 38/1967

Jean Cocteau: »Meine Reise um die Welt in 80 Tagen«. 1936, noch unterwegs auf der Route Jules Vernes, hörte er schon die zukünftigen Leser seines Weltreiseberichts fragen: »Wie haben Sie das eigentlich gemacht, um so rasch zu begreifen?« Cocteau: »Ich hatte nicht die Zeit, den ersten Eindruck zu korrigieren,« Das führte in diesem (für Deutschland noch neuen) Buch zu verblüffenden Resultaten: »Die Kamele erheben sich mit der Bewegung einer Mauer, die von unten nach oben und im Zeitlupentempo in drei Teile auseinanderbricht.« Cocteaus Unmittelbarkeit ist manipuliert: »Wie froh ich bin, naiv zu sein.« (Desch; 284 Seiten, 19,80 Mark.)

John Moore; »Die Wasser unter der Erde«. Der heute auf dem Land ansässige Romancier schildert mit Sachverstand und Ironie die Aufregungen, die es kostet, einen angefaulten Herrensitz vor dem Zusammensinken zu bewahren. Moore läßt aber auch etwas zu fleißig die Symbole klappern: morsche Dielen, leichenfarbene Pilze, überschwemmte Keller, Schoben und verwesende Kaninchen -- alles versinnbildlicht das Absterben der englischen Aristokratie, die Auflösung von Vorrechten und Vorurteilen. Der Autor zeigt das auch am Liebesfall: Das Mädchen aus dem Herrenhaus paßt weniger zum Vetter als zum Gärtnersohn. (Rowohlt; 480 Seiten; 19,80 Mark.)

Willi Heinrich; »Geometrie einer Ehe«. Ludwig, ein früherer Offizier, wird nach dem Krieg von seiner lebenstüchtigeren und berufsbesessenen Frau Irene, einer ehemaligen BDM-Schönheit, erniedrigt und gekränkt. Er rächt und tröstet sich mit liebenswürdigeren Freundinnen. Willi Heinrich kommt als Unterhaltungsautor trotz harmloser Konzessionen an die neuere Dramaturgie nach immer forsch voran, als Zeitkritiker hat er mittlerweile einige Zurückhaltung gelernt, und als Stilist hebt er sich kaum noch von den Schreibhandwerkern ab, die für Frauenblätter Ehekrisen aufzeichnen und auslegen. (Rütten + Loening; 384 Seiten; 19,80 Mark.)

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