Zur Ausgabe
Artikel 48 / 54

KRITIK

aus DER SPIEGEL 33/1967

Robert Crichton: »Das Geheimnis von Santa Vittoria«. Gewiß nicht dokumentarisch, aber kennerisch erzählt der US-Autor die bewegte, bewegende Geschichte einer mittelitalienischen Bergstadt, die ihren Lebenssaft, den Wein, vorm Zugriff deutscher Besatzer versteckt und ihn um keine Qual der Welt preisgibt. Der belächelte Orts-Kauz Bambalini, Machiavelli-Jünger und unversehens Bürgermeister, beweist Genie, als es darum geht, den Herrenrassler Hauptmann von Prum hinters Licht zu führen. Crichtons Kunststück: bei unverhohlener Härte des Krieges ein bukolisches Fest unverfälschter Menschlichkeit zu zeichnen. (Desch; 488 Seiten; 22 Mark.)

Fritz Gordian: »Geschichten um Rom«. Der Autor, deutscher Zeitungskorrespondent in Italien, beherrscht eine Erzählkunst, die gründliches Wissen über Land und Leute amüsant und unaufdringlich vorträgt. Diesmal zeichnet Gardian die archaischen Grundmuster des italienischen Alltags: Segen und Brüchigkeit des Familiensinns, die sanfte Diktatur der »Vermittler« in allen Lebenslagen, das Fortleben schier mittelalterlicher Gesetze und Denkformen. Dabei wird auch dieser Sozialkritiker van der heimlichen Sehnsucht nach einem Arkadien berührt, das immer mehr dem Sonnenmythos der Fremdenindustrie weicht. (Stieglitz; 248 Seiten; 13,50 Mark.)

H. C. Artmann: »Grunverschlossene Botschaft«. In schnörklig-schnoddriger Sprachmischung gibt der exzentrische Wiener Dichter 90 Träume preis -- und ihre Nutzanwendung für Lotto-Tips. Der Poet träumt lustvoll oder ängstlich, doch immer apart: Die BB wird mittels Mondsichel halbiert, er selbst von einer grönländischen Pfarrersgattin im Unterkleide empfangen oder hasenlos vom Todesengel Schnurzraphel überrascht. Den Autor der graziösen Manierismen, die Wiens Mal-Phantastiker Ernst Fuchs ebenso lustvoll illustriert hat, adelt im 84., einem »k & k traum«, der hochselige Kaiser zum Edlen von Traumpichl. (Residenz; 116 Seiten; 22,80 Mark.)

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 54
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.