Malcolm Ohanwe

Social-Media-Aktion Entdeckt eure innere Kartoffel!

Malcolm Ohanwe
Ein Gastbeitrag von Malcolm Ohanwe
Unter dem Hashtag #KritischesWeißsein hat der Journalist Malcolm Ohanwe weiße Menschen dazu aufgefordert, sich mit ihrem Weißsein kritisch auseinanderzusetzen. Hier erklärt er, was das bringen soll.
Demonstrierende in Hannover

Demonstrierende in Hannover

Foto: Moritz Frankenberg/ picture alliance/ dpa

Im Zuge der wiederentfachten #BlackLivesMatter-Bewegung, ausgelöst durch die grausame Tötung des Schwarzen Mannes George Floyd auf offener Straße, zeigt sich die ganze Welt betroffen, vor allem die Schwarze Welt. Weiße sind eher empört und überrascht, Schwarze trifft diese Situation ins Mark. Schwarze Menschen sind, wenn nicht selbst die Opfer körperlicher Gewalt, so doch zumindest wieder mit Bildern konfrontiert, in denen sie als Personengruppe entmenschlicht werden. Wie schon oft.

Das ist ermüdend und psychisch belastend für Schwarze Menschen. Doch gleichzeitig liegt auf ihnen die Last und die Verantwortung, ihr weißes und nicht-schwarzes Umfeld aufzuklären. Sie müssen jetzt die richtigen Worte finden, der weißen Kollegin erklären: "Ja, das ist schlimm. Ja, Rassismus ist ein Problem. Nein, das gibt es nicht nur in den USA".

Darauf konditioniert, meinen Schmerz zur Schau zu stellen

Als Journalist, der von Berufs wegen Dinge einordnet, hat mein Telefon selten so viel geklingelt und vibriert wie in den Tagen nach dem 25. Mai, als George Floyd in Minneapolis ums Leben kam. Ich mache beruflich Konjunktur, weil eine Person derselben Race wie ich ("Rasse" als soziales zugeschriebenes Konstrukt, und nicht als biologisches Faktum) medienwirksam öffentlich hingerichtet wurde.

Durch die Texte, die ich schreibe, und die Radiobeiträge, die ich baue, werde ich dazu konditioniert, für Geld meinen Schmerz und den anderer Schwarzer zur Schau stellen und immer wieder auszupacken. Ich werde immerhin bezahlt und ich habe eine lange Expertise, deswegen ist das auch okay, und ich kann ja Nein sagen. Aber auf Dauer kann ich, können phänomenale andere Schwarze Kolleg*innen wie Alice Hasters, Anna Dushime, Aimen Abdulaziz-Said, Ciani-Sophie Hoeder, Hadija Haruna-Oelker, Felix Edeha, Aminata Belli, Tori Reichel, Poliana Baumgarten oder Fabienne Sand es nicht stemmen.

Die Arbeit, das Besprechen von Identität in einer rassistischen Welt, bleibt dennoch wichtig und vielen anderen Schwarzen Autor*innen soll weiterhin Deutungshoheit über Anti-Schwarzen Rassismus gegeben werden, aber dennoch: Wir müssen den Arbeitsaufwand irgendwie outsourcen, verteilen. Auch, damit Schwarze sich auch allen anderen Themen widmen können.

Da kommt ihr Weißen ins Spiel! Weiße Journalist*innen und weiße Privatmenschen! Es ist toll, wenn ihr die Gedanken von Schwarzen Vordenkerinnen wie May Ayim, Tupoka Ogette, Josephine Apraku, Natasha Kelly, Anne Chebu, Fatima El-Tayeb, Sharon Dodua Otoo in eure Rhetorik und Argumentation übernehmt und in größere Räume tragt: Aber nur das nachzusprechen, was euch andere Betroffene zuvor gesagt haben und womöglich nicht mal die Quelle zu nennen, reicht nicht. Womöglich nehmt ihr sogar Autor*innen of Color und Schwarzen Menschen wieder Jobs weg, wie es die Journalistin Lin Hierse beschreibt .

Beweist ihr eure Existenz!

Aber es gibt eine Sache, die habt ihr, die wir nicht haben: Ihr seid weiß und wisst, wie es ist, weiß zu sein. Macht ihr jetzt die Arbeit und redet und schreibt darüber! Ich würde gerne mal lesen, wie es ist, im Jahre 2020 und auch davor und danach weiß zu sein. Ich möchte in eure weißen Communitys, Lebens- und Gedankenwelten eintauchen.

Macht Stücke und führt Gespräche, in denen ihr euch ganz explizit als weiß markiert; ihr werdet merken, wie verdammt knifflig es ist, einen klugen, leicht verständlichen und pointierten Essay oder einen guten Gesprächsbeitrag zur eigenen ethnischen Identität zu formulieren. Schwarze müssen das regelmäßig. Erklärt und rechtfertigt euch selbst in dieser Gesellschaft, anstatt Schwarze Menschen immer wieder zu fragen, was sie durchlaufen, als ob sie euch ihre Existenz und ihre Erfahrungen beweisen müssen.

Beweist ihr eure Existenz! Welche Daseinsberechtigung habt ihr in dieser Gesellschaft? Was heißt es, ein weißer (und eventuell gleichzeitig bildungsbürgerlicher) Mensch zu sein? Erzählt ganz offen und reflektiert und ehrlich über eure großen und kleinen rassistischen Verhaltensweisen. Ich möchte von eurer Nazitante hören oder dem einen Schwarzen Freund, den ihr zum Spaß immer "maximal pigmentiert" genannt habt, oder wie ihr in deren Abwesenheit einen Pseudo-Getto-Akzent von Menschen mit türkischem Background nachgemacht habt und es lustig fandet.

Schreibt doch über eure feinen oft strohigen Haare, die dazu neigen, fettig zu werden und ständig gewaschen werden müssen. Wie fühlen die sich an? Hat jemand mal zum Spaß einfach eure Haut angeleckt, um zu sehen, ob sie echt so hell ist, oder ungefragt ins Haar gefasst?

Was esst ihr zu Hause und warum esst ihr das? Schafft einen Diskurs von kritischem Alman-Sein, entdeckt eure innere Kartoffel und stellt ihr kritische Fragen, als wärt ihr der Journalist Michel Friedman, der gerade ein Kreuzverhör mit einem seiner Talk-Gäste veranstaltet, als wäre diese Kartoffel auf der Couch bei Maybrit Illner und muss sich rechtfertigen für ihr Dasein.

Unter #KritischesWeißsein habe ich schon einige coole Geschichten gelesen von vielen weißen Menschen auf Twitter und war echt begeistert, wie clever und kurz ihr weiße Privilegien sichtbar gemacht habt und eingestanden habt. Aber da geht noch mehr!

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Zieht euch als Weiße gegenseitig zur Verantwortung und besprecht die Vorteile, die ihr qua Aussehen genießt und ansonsten eigentlich gar nicht verdient hättet. Als große Inspiration könnten euch da die Frauen Robin DiAngelo und Jane Elliott dienen.

DiAngelo  hat das fantastische Konzept von "Weißer Zerbrechlichkeit" geprägt und eine enorme Leistung im Kampf gegen den Rassismus vollbracht. Das können Weiße nämlich sehr wohl, wenn sie sich mit sich beschäftigen, anstatt nicht-weiße Personen zu sezieren und dann ihre Gedanken für sich zu adaptieren. Bei dem Phänomen "Weiße Zerbrechlichkeit" sind Weiße dazu aufgefordert, sich zu fragen, was in ihnen vorgeht, wenn sie etwa Schwarzen Personen Rassismuserfahrungen absprechen, oder warum sofort diese Igel-Haltung kommt, wenn sie jemand auch nur "weiß" nennt?".

Verpetzt euch und die anderen Weißen

Es ist wichtig, dass jetzt Weiße Leute anpacken und von ihrer Warte aus menschenfeindliche White-Power-Strukturen, aber auch alltägliche Rassismen als Mitschuldige besprechen und anklagen. Analysiert und kritisiert bitte fortan das Verhalten weißer Menschen, als eine Art Whistleblower, als Petze. Verpetzt euch und die anderen Weißen für ihren Rassismus und erntet ihr mal dafür einen Shitstorm, anstatt nur Schwarze Menschen und Menschen of Color diese Dinge sagen zu lassen, die dann Morddrohungen bekommen.

Eure Gehirne werden rauchen und rattern und es wird wahnsinnig schwer und mühselig, wirklich gute Texte zu schreiben über das Weißsein, weil viele von euch sich noch niemals damit auseinandergesetzt haben und die Vorarbeit in Deutschland leider verschwindend gering ist. Ihr werdet sehr viele Fehler machen, aber versucht es dennoch! Die Angst davor, Dinge falsch zu machen - und das werdet ihr -, ist keine Ausrede. Ich traue es euch zu!

Ich freue mich, eure Beiträge zu lesen und das Gespräch nachhaltig fortzuführen, sodass wir hoffentlich und wirklich mal damit anfangen können, uns auf einem ebenbürtigen Wissensstand darüber auszutauschen, wie wir den Rassismus abbauen können. Seid Botschafter*innen und haltet das Gespräch weiter am Leben!

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