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DESIGN Kühler Kopf

Der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, der vor gut einem Dutzend Jahren mit der Autobranche brach, hat sich mit seinen Entwürfen für Gebrauchsartikel und Möbel eigenen Ruhm verschafft. *
aus DER SPIEGEL 43/1985

Sein erfolgreichster Entwurf, der »Porsche 911«, ist schon in den Olymp des internationalen Designs eingegangen.

Das Auto, das seit mehr als 20 Jahren in seiner Grundform unverändert weitergebaut wird, gilt mit seiner schlanken, windschnittigen Form geradezu als Inbegriff des Sportwagens. Aber der Mann, der dem »911« seine Form gab, mochte das Auto eigentlich nie so recht. »Als der 911 unter meiner Regie entstand«, erinnert sich Ferdinand Alexander Porsche, 49, »hörte ich auf, Porsche zu fahren.«

Mittlerweile verbinden den Designer, der zwölf Jahre lang die Styling-Abteilung bei Porsche leitete und den Zuffenhausenern das Erfolgsmodell bescherte, nur noch 7,8 Prozent Beteiligung am Firmenkapital mit dem traditionsreichen Unternehmen. Ferdinand Alexander - »Eff-A« nennen ihn seine Mitarbeiter - arbeitet seit 1972 auf eigene Rechnung als Designer. Von ihm entworfene Produkte mit dem Etikett »Porsche Design« ("pd") finden sich in Boutiquen und Ausstellungsvitrinen bei Bloomingdale's in New York ebenso wie bei Harrods in London, auf dem Flughafen Dubai und in der marmorverkleideten Hamburger Ladenpassage »Galleria«.

Designer Porsche, Sohn des Stuttgarter Firmen-Oberhaupts Ferry Porsche und Enkel des berühmten Käfer- und Panzerkonstrukteurs Professor Ferdinand Porsche, hat seine Abnabelung von der familiären Auto-Tradition mit Erfolg betrieben.

Zwar wissen die wenigsten Käufer der von ihm entworfenen Sonnenbrillen, Uhren, Tabakspfeifen oder Brieftaschen, daß diese Produkte nicht aus den Zuffenhausener Werkhallen kommen. Aber in der Fachwelt des Designs ist F. A. Porsches Renommee inzwischen unumstritten. Und der prestigeträchtige Name »Porsche« ist auch für die autofernen Produkte sicherlich nicht verkaufshindernd.

An der Ulmer Hochschule für Gestaltung, bis zu ihrer Schließung im Jahre 1968 eine Art Kaderschmiede für deutsche Designer, hatte F. A. Porsche nur ein Gastspiel als Student gegeben. Gerade ein Semester blieb er dort. Porsche: »Ich bin da rausgeflogen.«

Die Kenntnisse im Design erwarb er sich dann im Konstruktionsbüro bei Bosch und anschließend in der Styling-Abteilung

des familieneigenen Unternehmens, mit dem der Designer nicht nur erfreuliche Erfahrungen machte. Ferdinand, von der Familie »Butzi« genannt, war von seinem Vater Ferry als Nachfolger vorgesehen, aber er wollte »lieber etwas mit den Händen gestalten«. Management-Aufgaben schienen ihm lästig.

Anfangs hatte der abtrünnige Sohn es schwer, seine Entwürfe zu vermarkten. Ein von ihm konstruierter, ebenso sicherer wie formschöner Autositz für Kinder beispielsweise fand keinen Hersteller. »Die haben das Ding alle gelobt«, erinnert sich Porsche, »bloß bauen wollte es keiner« - mit einem geschätzten Verkaufspreis von 150 Mark schien das Ding zu teuer.

Brüsk abgeschmettert wurde anfangs auch der Entwurf einer Armbanduhr, den er zunächst dem Schweizer Hersteller Omega präsentiert hatte. So ein Monstrum, erläuterten die Omega-Marketingleute, würde kaum jemand kaufen wollen.

Das Riesending wurde ein sensationeller Erfolg: Bei der kleinen Schweizer Firma Orfina hatte Porsche den mattschwarz lackierten Zeitmesser mit einem Gehäuse aus Titan, auf dessen schwarzgrundigem Zifferblatt sich nur weiße und ein schlanker roter Zeiger drehen, doch

noch untergebracht. Von der anfangs 600, mittlerweile 2000 Mark teuren Uhr wurden mehr als 50 000 Stück verkauft. Kaffee-Röster Tchibo hängte sich mit einer 20-Mark-Nachbildung aus Kunststoff an.

1975 verlegte F. A. Porsche den Sitz seiner Design-Werkstatt ins österreichische Zell am See; ein Dutzend Designer arbeiten dort für ihn. Überwiegend entwickeln die Porsche-Gestalter in Auftragsarbeit Produkte für fremde Firmen. So schuf die Porsche-Mannschaft für die Firma Carrera Sonnenbrillen mit auswechselbaren Gläsern und eine Faltbrille mit Klappscharnier im Nasenbügel, geeignet für besonders engen Stauraum - beides erfolgreiche Produkte.

Für japanische Firmen entwickelten die Porsche-Designer formschöne Telephone und witzige Kopfhörer, für die Wiener BBC-Tochter Goerz Electro GmbH entwirft Porsche seit zehn Jahren Meßgeräte und sogenannte Plotter, Tischgeräte zum Herstellen von Karten und Graphiken.

Durchgängig beruft sich F. A. Porsche dabei auf das bewährte, schon vor der Jahrhundertwende von dem amerikanischen Architekten Louis Sullivan aufgestellte Kredo (das bei der »postmodernen« Architektur gerade mal wieder in Vergessenheit gerät): »Form follows function«, oder mit den Worten des Designers Porsche: »Funktionale Gestaltung entsteht von innen heraus«, der Zweck heiligt das Aussehen.

Das läuft bei Meßgeräten auf eine besonders grifffreundliche Formung der Bedienungselemente, bei einem (noch nicht in Serie gebauten) Hi-Fi-Lautsprecher aus Keramik auf die konsequente Beachtung der akustischen Gesetze und bei der »Porsche Design«-Tabakspfeife auf die einfache Frage hinaus: Wie läßt sich die Außenhaut eines Brennraums kühlen? Die Antwort, aus dem Automobilbau übernommen: mittels Kühlrippen. Tatsächlich wurde das Urmodell des (nun aus Aluminium und Bruyere-Holz gefertigten) Porsche-Pfeifenkopfes aus dem Motorzylinder eines Modellflugzeugs gebastelt.

Auch bei dem Modell eines Fernsehgeräts ging Porsche auf die sich nach hinten verjüngende Bildröhren-Form zurück: Der Kasten wurde dreieckig. Mit der Lieblingsfarbe Schwarz (und ein bißchen Rot als optischem Signal) war Designer Porsche, schon beim Armaturenbrett seines 911, den modischen Trends voraus. Allerdings sieht er es nicht als Design-Mode, als bloße Verkaufshilfe. Porsche: »Schwarz, das ist für mich keine Farbe, sondern einfach neutral. Bei Schwarz bleibt immer die Gestalt selbst das Wesentliche - sie wird nicht durch die Wahrnehmung einer Farbe überlagert.«

Der funktionelle Nutzen bestimmte auch die futuristisch anmutende Optik etwa eines »Arbeitsplatzes für Benutzer von Heimcomputern«, den Porsche für

einen australischen Kunden entwarf, oder des »Motorrades mit optimalem Spritzschutz«, eines im Auftrag der Zeitschrift »Motorrad-Revue« entworfenen »alternativen Motorrades«, das dem Fahrer dank seiner Verkleidung optimalen Spritzschutz bieten soll.

Vor vier Jahren traute sich der Deutsch-Österreicher Porsche (er besitzt die Staatsbürgerschaft beider Länder) erstmals auch an die Gestaltung von Mobiliar - auf die Gefahr hin, wie er sagt, daß »ein Designer im Möbelsektor leicht riskiert, banal zu wirken«.

Für den Mailänder Lampenproduzenten Luci entwickelte er ein nüchtern, fast karg wirkendes Leuchtenprogramm, bei dem die Metallständer in grellen Schockfarben lackiert sind. Für die italienische Möbelfirma Poltrona Frau entwarf er 1983 einen verstellbaren Ruhesessel aus Stahl und rotem Leder. Ein Jahr später, mit dem für die Münchner Firma Interprofil gestalteten Modell »84 S«, folgte ein neues Modell: Der 6000 Mark teure lederbezogene Sessel, durch funktionelle Stahlbügel seitlich begrenzt, läßt sich in beliebige Sitzpositionen kippen.

Aber nicht nur mit Fremdaufträgen, auch mit einer eigenen Kollektion von hochklassig gestylten »Accessoires für den Herrn« will der Designer Porsche dem Markenzeichen »pd« breiteren Absatz sichern. Für die Luxusprodukte, die über eine eigene (mit Bruder Hans-Peter zusammen gegründete) Gesellschaft vertrieben werden, ersann die Designermannschaft in Zell am See jeweils einen besonderen Dreh: Die Brieftasche ist für »Devisenträger« geeignet (mit Fächern für verschiedene Währungen), der schwarze Aktenkoffer läßt sich, mittels Zentralverschluß, mit einem Daumendruck öffnen, die extrem flachen, 47 Gramm leichten Feuerzeuge sind nicht aus Silber, sondern aus dem unverwüstlichen Werkstoff Titan gefertigt.

An solchen Gebrauchsgütern der Luxusklasse wird sich F. A. Porsche wohl auch weiterhin versuchen. Doch mitunter gerät der Gestalter mit dem Prestige-Namen ins Sinnieren. »So ein Radio für die Unesco würde ich gerne machen«, sagt Multimillionär Ferdinand Alexander Porsche, »um den Negern beizubringen, was auf der Welt geschieht.«

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