Putin-Porträts »Machthaber sind überladene Menschen«

Kaj Stenvall porträtiert die Mächtigen und ihre Marionetten – auch Putin und Selenskyj. Hier erklärt der finnische Künstler, was er in den Gesichtern sieht.
Ein Interview von Carola Padtberg
Stenvall-Gemälde »Should I Be Worried«: Putin und Ente

Stenvall-Gemälde »Should I Be Worried«: Putin und Ente

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Kaj Stenvall

SPIEGEL: Herr Stenvall, Sie malen Porträts von Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj. Ihr letztes Gemälde ist nur wenige Tage alt, es zeigt Selenskyj mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. Aber da ist noch etwas anderes in seinen Augen, sie blicken leer. Ist es Resignation?

Stenvall: Es ist großer Druck. Er trägt die Welt auf seinen Schultern. Das ist eine sehr schwierige Sache.

Selenskyj-Porträt »Hero«

Selenskyj-Porträt »Hero«

Foto: Kaj Stenvall

SPIEGEL: Es gibt noch weitere Porträts von Selenskyj. Sie transportieren Größe, aber auch enorme Müdigkeit.

Stenvall: Ja, Selenskyi ist gestresst. Aber er hat Menschen, die ihn unterstützen. Er ist ein Symbol der Hoffnung für die Welt, es zu versuchen. Er ist der Held, wenn auch ein tragischer.

Gemälde »We are two happy dictators«

Gemälde »We are two happy dictators«

Foto: Kaj Stenvall

SPIEGEL: Sie malen vor allem Machthaber, früher oft auch Donald Trump. Warum?

Stenvall: Ich denke viel darüber nach, wie es sich anfühlt, Führer einer Nation zu sein, und meine Vermutungen übersetze ich in Bilder. Machthaber sind überladene Menschen. Sie bestimmen wichtige Dinge, andere Menschen müssen ihnen gehorchen. Meistens können wir nicht hinter ihre Masken schauen. Aber wir können uns vorstellen, was da ist.

SPIEGEL: Was vermuten Sie hinter der Maske von Wladimir Putin?

»Facade of Power«

»Facade of Power«

Foto: Kaj Stenvall

Stenvall: Einsamkeit. Ich bezweifle, dass er sich immer noch entschlossen fühlt.

SPIEGEL: Auf einem Gemälde sitzt Putin allein am Kopfende eines Tisches. Der Tisch ist schief, das andere Ende neigt sich bis zum Boden. Warum?

Stenvall: Die Szene ist eine Allegorie auf Putins Treffen mit Olaf Scholz und Emmanuel Macron kurz vor dem Überfall der Ukraine. Der Deutsche und der Franzose sind wieder weg, beide rutschten sozusagen vom russischen Tisch. Putin ist wieder allein mit seiner Macht. Ich hoffte zu dem Zeitpunkt, Putin würde auch von seinem Sitz herunterrutschen, aber es kam anders. Meine Bilder sind manchmal auch Wunschdenken.

SPIEGEL: Macht es Ihnen nichts aus, dass aktuelle Gemälde von den Ereignissen überholt werden?

Stenvall: Das kann ich nicht ändern. Die Bilder werden alt, sie sind mit Pinseln gemachte Schnappschüsse. Ich versuche, die Realität eines Moments einzufangen. Vielleicht kann das irgendwann aus historischer Sicht interessant sein.

SPIEGEL: Allerdings verfremden Sie die Realität auch. Etwa mit der Ente, die Sie immer wieder in politische Motive einfügen und die Sie bekannt gemacht hat. Die Figur ähnelt Donald Duck, in einem Bild schaut sie besorgt auf Putin, der ein Maschinengewehr hält. Soll das lustig sein?

Stenvall: Ich male keine Witze, ich bin ein eher ernsthafter Typ. Die Ente ist ein Spiel mit dem Betrachter. Ich möchte Fantasie anregen. Die Leute sollen Bilder nicht nur anschauen, sondern darüber nachdenken. Dabei hilft die Ente, sie verbindet Humor mit Ernsthaftigkeit, der Betrachter kann dann die Situation des Bildes besser nachfühlen. In dem Bild mit Putin steht sie für uns Finnen. Wir sind es gewohnt, alles, was Putin tut, sehr genau zu beobachten, weil Finnland so nah an Russland liegt.

SPIEGEL: Ein anderes Bild zeigt Putin stehend im Fluss Narwa. Die Narwa ist die Grenze zwischen Estland und Russland und mündet in den Finnischen Meerbusen.

Stenvall: Dieses Bild stammt aus dem Jahr 2014, als Putin die Krim eroberte und weitere Nachbarländer Putins Aggression fürchteten. Auch Estland und Finnland – mit dem Unterschied, dass Estland in der Nato ist und Finnland nicht. Auf diesem Bild scheint er auf dem Wasser zu laufen, Putin ist größenwahnsinnig, er glaubt, er könne wie ein Gott handeln. Er inszenierte sich damals gern als Macho, zeigte sich im Militärlook und mit nacktem Oberkörper.

»Putin at Narva River«

»Putin at Narva River«

Foto: Kaj Stenvall

SPIEGEL: Malen Sie in der Hoffnung, Geschichte zu dokumentieren? Oder gar in der Hoffnung, etwas bewirken zu können?

Stenvall: Es ist eher mein Weg, mich mitzuteilen. Wenn Menschen durch schwer belastende Situationen gehen müssen, ist es gut, wenn man seine Gefühle und Gedanken ausdrücken kann. Ich bin kein hochpolitischer Mensch, verfolge aber das Tagesgeschehen. Das Phänomen Macht scheint mir dabei vieles zu bestimmen. Deshalb male ich Menschen, die Macht haben.