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SCHRIFTSTELLER / GALSWORTHY Küsse im Taxi

aus DER SPIEGEL 33/1967

»Das ist alles«, keuchte der 72jährige Rechtsanwalt Soames Forsyte und starb. Millionen englischer Fernsehzuschauer saßen gerührt vor ihrem Apparat.

Soames war einst hart und böse gewesen. Er hatte seine Frau Irene gezwungen, ihm zu Willen zu sein. Doch im Alter hatte er sich zum Gentleman geläutert, knorrig, aber lieb.

»Endlich sind die Samstagabende wieder für normale gesellschaftliche Zwecke frei!« freute sich nach dem Sterbeschluß die Londoner Zeitung »Sun«. Denn seit Jahresbeginn hatten die Insulaner jeden Sonnabend nach dem Supper vor dem Schirm gesessen – es lief und lief die »Forsyte Saga« von John Galsworthy (1867 bis 1933).

In 26 Fortsetzungen von je 50 Minuten Spieldauer hatte die BBC das ebenso berühmte wie längst verstaubte Romanwerk über Englands oberen Mittelstand von einst für den Bildschirm aufbereitet. 120 Schauspieler waren eingesetzt. Gesamtkosten: drei Millionen Mark – es war die teuerste aller BBC-Serien.

Ihr Erfolg blieb nicht auf England beschränkt. Die BBC konnte die Super-Serie inzwischen nach Skandinavien, Belgien, Holland, Australien und Sambia verkaufen. Auch das russische Fernsehen zeigte sich interessiert – die »Saga o Forsaitych« mit ihrer Kritik an der habgierigen britischen Bourgeoisie gehört zu den ausländischen Best- und Dauersellern in der Sowjet-Union.

Autor Galsworthy, der das Privateigentum »nicht gerade für eine christliche, anständige Idee« hielt, entstammte selbst einer reichen Bürgerfamilie vom Forsyte-Typ. Seine mehrbändige Familien-Sage, zwischen 1906 und 1930 veröffentlicht, brachte ihm das Angebot eines Adelstitels (das er ausschlug), den Vorsitz des PEN-Clubs, den Literatur-Nobelpreis von 1932, Botschaften von König Georg V. und Premier Ramsay MacDonald ans Totenbett sowie einen Trauergottesdienst in der Westminster-Abtei ein.

Der literarische Rang Galsworthys wurde nach seinem Tode schon bald abgewertet. Sein populärer Nachruhm wird in diesen Tagen wieder aufgefrischt – nicht nur per Television: Während die »Forsyte Saga« insgesamt 22 Stunden lang Britanniens Bildschirme belebte, weckten drei neue Bücher über Galsworthy – von einem Biographen, einem Neffen und einer Freundin – neues Interesse für den »Forsyte«-Autor*.

Biograph Barkers Buch bringt am etablierten Galsworthy-Image eine Korrektur an.

John Galsworthy, der sich in die Frau Ada seines Vetters Arthur verliebt hatte, war von deren Bericht über ihre Vergewaltigung durch Ehemann Arthur zur Story von der unglücklichen Irene Forsyte inspiriert worden.

Barker erfuhr nun von Arthurs zweiter Frau, daß es sich in Wirklichkeit eher umgekehrt verhielt: Arthur war in Liebesdingen schüchtern und ließ Frau Ada bald nach der Hochzeit unbehelligt. Zehn Jahre lang war sie dann Galsworthys Geliebte, aber aus demselben Grund, aus dem Arthur sich nicht von ihr scheiden lassen wollte, mochte John sie auch nicht heiraten: Ihre viktorianischen Väter hätten ihnen nach einem solchen Skandal wahrscheinlich die stattlichen Geldzuwendungen gestrichen und sie vielleicht sogar enterbt.

Erst nach dem Tod der alten Galsworthys konnte John seine Ada 1905 heimführen – in ein »idyllisches Leben«, das der Galsworthy-Neffe Rudolf Sauter im zweiten der neuen Bücher über John ausmalt.

Für die »Forsyte Saga« hatte das laut Barker schlimme Folgen. Galsworthy, bis dahin ein Kritiker der Gesellschaft, war nun zufrieden und rebellierte nicht mehr. Die Romanfigur Soames Forsyte verwandelte sich aus einem kritischen Porträt des Vetters Arthur in das Selbstbildnis eines lieben John. Biograph Barker: »Alle Meinungen, die der alternde Soames in den späteren Forsyte-Bänden äußert, hat John Galsworthy, wie seine Familie sich erinnert, selbst von sich gegeben.«

Daß sie den »echten« Galsworthy hätte retten können, wenn er nur etwas mutiger gewesen wäre, behauptet im dritten Buch über John die ehemalige Tänzerin Margaret Morris, 76.

Der Schriftsteller hatte sich 1910 in die Neunzehnjährige verliebt. Es dauerte aber fast zwei Jahre, bis er ihr seine Gefühle gestand – in einem Taxi. Sie küßten sich und wiederholten das zarte Vergnügen in den nächsten Wochen noch einige Male in einem solchen Verkehrsmittel. Dann zwang Frau Ada ihrem sie trotz allem liebenden John ein Geständnis ab, nötigte ihn zum Verzicht auf das Taxi-Girl und verreiste mit ihm nach Amerika.

»Von zwei Übeln muß man das geringere wählen«, entschuldigte sich Galsworthy bei der Tänzerin nach dem Bruch. In einem Brief aus Amerika berichtete er ihr: »Ada hat wieder zugenommen, was sie verloren hatte – 16 Pfund. Trivial!«

»Ich hätte ihn in einer halben Minute verführen können, wenn ich etwas mehr vom Leben verstanden hätte«, so memoriert heute die alte Margaret Morris in ihrem Buch. Ein Dreiecksverhältnis zwischen ihr, John und Ada, meint sie, hätte den Schriftsteller möglicherweise vor der Verbürgerlichung bewahrt.

»Galsworthy geht aus der Sache nicht gut hervor«, urteilte über diese Episode im Leben des »Forsyte«-Autors der englische Romancier Anthony Powell. Dem neu erwachten Interesse der Engländer an dem Schriftsteller, der das Englandbild der Welt so entscheidend geformt hat wie sonst kaum einer seit Dickens, konnte solche Kritik nichts anhaben:

Kaum hatte die BBC ihre Fernseh"Saga« abgeschlossen, da kündigte sie die Ausstrahlung einer »Forsyte«-Serie im Hörfunk an – nicht in 26, sondern in 48 Teilen.

* Dudley Barker: »The Man Of Principle«, Verlag Allen and Unwin, London; 240 Seiten; 28 Shilling. – Rudolf Sauter: »Galsworthy The Man«, Verlag Peter Owen, London; 116 Seiten; 32 Sh. 6d. – Margaret Morris: »My Galsworthy Story«, Verlag Peter Owen, London: 140 Seiten; 32 Sh. 6d.

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