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BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Kultiviertes Volk

Alexander Werth: »Rußland im Frieden«. Droemer; 416 Seiten: 26 Mark.
aus DER SPIEGEL 46/1969

Was der britische Autor ("Rußland im Krieg«, 1964), Sohn eines Russen und einer Engländerin, in seinem letzten Buch -- Werth starb in diesem Jahr -- über Rußland zu berichten hatte, sollte laut Untertitel Anlaß zu »Angst und Hoffnung« geben.

Gemeint war aber wohl doch mehr Hoffnung: Der Russe von heute, so schreibt Werth, sei nicht mehr der »fanatische Kommunist« mit dem Willen zur Weltrevolution; ein -- friedfertiger -- Sozialist werde er allerdings bleiben, mittlerweile »sehr wohl« wissend, daß »das System funktioniert ... ohne Wirtschaftskrisen und ohne Arbeitslosigkeit«. Mehr noch: Mit 34 Millionen Altersrentnern, gebührenfreiem Gesundheitsdienst und Erziehungssystem erscheint dem Autor die Sowjet-Union als »größter Wohlfahrtsstaat« mit dem »kultiviertesten Volk der heutigen Welt«.

Alexander Werth, 1918 aus Rußland emigriert, hat seinen russischen Patriotismus niemals abgestreift. Nicht ohne Genugtuung erinnert er sich, daß Pasternak ihn einmal einen »wortgewaltigen sowjetischen Agitator« genannt hat. Unkritisch ist er jedoch nicht; nur zieht er es häufig vor, seine Kritik zu verschlüsseln: etwa, wenn er von seiner Geburtsstadt Leningrad schwärmt, mit Degout hingegen von Moskau redet -- nachdem er zuvor Leningrad als ein Synonym für kultivierte Humanität, Moskau als Kennwort für Barbarei und Stalinismus angedeutet hat.

Am glaubwürdigsten freilich wirkt Werth, wenn er seine Begegnungen mit russischen Freunden (Sommer 1967) einfach schildert: so sein Flugzeug-Gespräch mit einem Gelehrten aus Nowosibirsk, der »diese Giftzwerge der Parteibürokratie beschimpft, die noch unter Chruschtschow die Biologie Ideologisierten; so ein Abschiedsbesuch bei Ilja Ehrenburg« der verhaltene Klage über die Zensur führt.

»Verwirrt« indessen zeigt sich der Autor über das Zusammentreffen mit einem früheren Straflager-Leiter, der mit der »sanften, kultivierten Stimme eines Petersburger Intellektuellen früherer Zeiten« spricht. Werth: »Irgendwie konnte man sich unmöglich vorstellen, daß dieser ältere Herr ... Gefangene zu Tode gefoltert hatte. Oder hat er es doch getan?«

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