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Kultur-Cowboy in allen Sätteln

Der amerikanische Autor, Regisseur, Filmschauspieler und Selbstdarsteller Sam Shepard *
aus DER SPIEGEL 16/1986

Der hagere Mann trägt den Stetson stumm wie Gary Cooper und seine Lederjacke lässig wie einst Jimmy Dean. Seine großkarierten Hemden könnten aus »denn sie wissen nicht, was sie tun« stammen, die ausgelatschten Western-Stiefel aus jedem beliebigen B-Picture.

Sam Shepard, Amerikas Kultur-Cowboy, reitet sein Pferd so stur wie John Wayne selig. Die Autos, die er durch die Wüste jagt, ziehen Staubfahnen wie eine ganze Büffelherde.

Jeans und Arbeitsoverall, Baseball-Mütze, Fliegerhelm und, natürlich, Waffen aller Gattungen gehören zum theatralischen Auftritt des manischen Stückeschreibers, gelegentlichen Regisseurs, Filmschauspielers und Selbstdarstellers Sam Shepard, 42. Längst ist er zum Darling der amerikanischen Medien geworden. Als Neuling ließ sich der junge Autor noch mit einer Flinte im Arm wie Papa Hemingway ablichten. Heute gehört er zu den meistgespielten Stückeschreibern der USA und ist dort zum literarischen Markenartikel avanciert, der, einmal eingeführt, sich immer wieder reproduziert. Sein neuestes, selbstinszeniertes Stück »A Lie Of The Mind« erhielt prompt erhebende Kritiken.

In Deutschland wurde er zunächst als Wim Wenders'' Drehbuchautor für »Paris, Texas« bekannt. Zuvor wurden schon einige Stücke, etwa »Vergrabenes Kind« und »Goldener Westen«, an deutschen Bühnen aufgeführt. »Fool for Love« wird gegenwärtig an zwei deutschen Theatern, in Erlangen und Stuttgart (Premiere: 19. April), unter dem Titel »Liebestoll« inszeniert. Die Filmversion (Regie: Robert Altman) dieser inzestuösen Halbgeschwister-Romanze wird im Juli in deutsche Kinos kommen. In der Hauptrolle: Sam Shepard.

Eddie, der eifersüchtige Held aus »Fool for Love«, sei sicher nicht Shepards letzte Rolle fürs Kino, unken auch schon die Claqueure von der Ostküste. Als Darsteller brachte das Multitalent bereits Farmer mit und ohne Land (in »Country« und »In der Glut des Südens") auf die Leinwand sowie den Liebhaber eines Hollywood-Geschöpfes ("Frances"). In »Der Stoff, aus dem die Helden sind« stellt der Mann, der Flugzeuge nicht leiden kann, gar den kühnen Testpiloten Chuck Yeager dar.

Vielfältig wie in einem Kaleidoskop bricht sich in Shepards Schaffen der amerikanische Kitsch des 20. Jahrhunderts. Kitsch giert nach Beifall, und der ist Shepard seit der Hauptrolle im eigenen Stück gewiß.

Unter der Schlagzeile »True West« widmete das US-Magazin »Newsweek« dem verkniffen dreinschauenden Shepard im letzten November eine Titelgeschichte mit dem Slogan »Leitfigur, Stückeschreiber, Einzelgänger«.

Zuvor hatte schon das Wochenblatt »New York« einen »neuen amerikanischen Helden« sowie »den Schauspieler der 80er Jahre« entdeckt. Die englische »Sunday Times« schließlich fand in Shepard Onkel Sam''s Version des Renaissance-Menschen.

»Den Westen«, läßt Shepard einen entgeisterten Austin im Stück »Goldener Westen« ausrufen, »den gibts doch schon längst nicht mehr. Fehlanzeige!« Deshalb erschafft ihn sich seit mehr als 20 Jahren, Stück für Stück, Sam Shepard auf der Bühne. Produktiv wie Fassbinder, hat Shepard mehr als 40 Stücke verfaßt, manche schnell, an einem Tag.

Viele handeln vom amerikanischen Westen, vom Land, den Leuten, deren Blut, Schweiß und Tränen. Instinkte regeln das Miteinander, Gewalt regiert die Szenerie.

In Shepards Stücken werden Türen geknallt und eingetreten ("Fool for Love"), Flaschen entkorkt und zerdeppert ("Vergrabenes Kind"), Mahlzeiten gekocht _(Links: in »Der Stoff, aus dem die Helden ) _(sind«; rechts: in »Fool for Love«. )

und vergeudet ("Fluch der verhungernden Klasse"), wird gern archaischen Riten gehuldigt.

Für eine karge Bühne setzt der Stückeschreiber deftige Signale: Da wird gepißt, gesoffen und gefressen; geerntet, geschlachtet, geopfert und geflucht. Aus allen Requisiten, ob es sich um Kühlschränke, Türrahmen, Kanapees, Betten, Waffen, Autos, Pferde, Lämmer, Pianos, Musikboxen und Fernsehapparate handelt, macht er dumpfe Symbole.

Gangster und Cowboys, Farmer, Geistliche, Rockstars, Filmstars, Spieler - vor allem: zerrüttete Familien - bevölkern diesen morbiden Kosmos. Alles Leute, an denen dunkle Mythen kleben. Erotik, Humor oder Ironie ist ihnen fremd.

Hinter der Dekoration schließlich jaulen Kojoten, blöken Schafe, wimmern Menschen. Lediglich der Künstler selbst tritt aufdringlich aus seinem Werk hervor: kein Wunder, daß er zu seinem besten Darsteller wurde.

Denn Shepards theatralische Sendung ist die vom kaputten, entwurzelten, tragischen Amerika. Stück für Stück beklagt er dessen verlorene Unschuld, begleitet von dem heftigen Wunsch, diese Unschuld wiederherzustellen. Shepard ist ein Romantiker. Der unpolitische Theatermann glaubt womöglich an die Zukunft der Vergangenheit.

Er sei ein Schwärmer für die Ideale des alten Westens und der Frontier-Ideologie, ein Verehrer von Männerbünden, schrieben, wie aus einem Munde, »Theater heute« und die »Village Voice«.

Der »anerkannte Klassiker der amerikanischen Moderne«, wie ihn der Kritiker Martin Esslin nannte, schreibt freilich nur über Dinge, die er kennt. Deshalb ist, trotz der mystischen Weite der in seinen Stücken allgegenwärtigen Wüste, sein Horizont begrenzt: die Banalität der Dialoge suggeriert eine verborgene Dimension. Für die Mythen, die er so vielsagend zitiert, hat Shepard Trivial-Plots geplündert - etwa Western-Geschichten, Science-fiction, Abenteuer-Romanzen, Action- und Thriller-Literatur.

Sogar sein Lebenslauf liest sich wie ein schauriger Roman: Shepard war, ehe er zum künstlerischen Multitalent und everybody''s darling ausgerufen wurde, Landwirt und Pferdezüchter, Rodeoreiter, Stall- und Rennplatzwärter, Hirte, Schafscherer, Hundezüchter und Orangenpflücker.

Zunächst sollte Samuel Shepard Rogers VII, 1943 im Staat Illinois geboren, auf Wunsch seines Vaters Veterinär werden.

Sams Vater war ein unsteter Militär, der seine Familie durch die ganzen Staaten trieb, ehe er sich nahe Los Angeles auf einer Avocadofarm niederließ. Der Krume verbunden, von »der engen Beziehung zwischen Land und Leuten, zwischen den Menschen und dem Boden« (Shepard) angetan, begann Sam ein Landwirtschaftsstudium. Das brach er jedoch bald genauso ab wie die Beziehungen zu seiner chaotischen Familie.

Anfang der sechziger Jahre floh er Kalifornien und landete, nun nur noch Sam Shepard, als Hippie in New York, wo er von den Off-off-Broadway-Kreisen um das »La Mama«-Theater aufgesogen wurde.

Shepard, der bereits seit seiner Jugend Szenen und Miniaturen schrieb, kellnerte fortan am Broadway, musizierte und schrieb wie ein Verrückter: denn die explodierende Theaterszene verlangte nach immer neuen Stücken.

In seinen New Yorker Sturm-und-Drang-Jahren schrieb Shepard, wie Jackson Pollock einst malte: explosiv, assoziativ, heftig, Jazz, Folkmusik und Rock hatten seinen Stil beeinflußt, ebenso Beckett und der junge Brecht.

Da in New York Drogen zum Künstlerbedarf gehörten, naschte auch Shepard immerzu: »Wenn ich mit dem Stoff nicht aufgehört hätte«, sagt er heute, »wäre ich ein Straßenjunkie geworden.«

Shepard floh nun auch aus New York und zog mit seiner Frau nach London, »meine Rettung«. Da schrieb und musizierte er weiter, etwa ein Stück, zu dem er auch die Musik komponierte. Hier

lernte er auch die Bands »The Who« und die »Rolling Stones« kennen, bei denen er einmal als Drummer aushalf.

Seine Begegnung mit dem englischen Regisseur und Theater-Theoretiker Peter Brook wurde für ihn schließlich zum Schlüsselerlebnis. Von Brook lernte er, wie man Stücke baut und Charaktere erfindet: sein dreijähriger Aufenthalt in London lehrte ihn schließlich, was es bedeutet, Amerikaner zu sein. Shepard befiel auf einmal Heimweh nach den Staaten. Er kehrte nach Kalifornien zurück, »um dem endlosen Geheimnis Amerika« auf die Spur zu kommen.

Doch zuerst kam er mit dem amerikanischen Kino, auch so einem gigantischen Mythos, in Berührung.

Bob Dylan regte ihn zur Mitarbeit an »Renaldo & Clara« an. Shepard spielt darin seine erste Rolle. Bereits Ende der sechziger Jahre hatte der Filmfreak Shepard Drehbücher geschrieben, deren Realisierung sich entweder zerschlug oder, wie bei Antonionis »Zabriskie Point«, Shepards Absichten zuwiderlief.

Nun, nach Kalifornien zurückgekehrt, ist er als einer von vielen Teamschreibern in Hollywood tätig, wo ihn der Regisseur Terrence Malick wie zufällig als Darsteller für seinen Film »In der Glut des Südens« entdeckt. Neben Richard Gere wurde Shepard die große Entdeckung dieses Films. Danach drehte er »Resurrection« mit Ellen Burstyn, dann, 1982 »Frances«, bei dem er seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Jessica Lange, kennenlernte.

Philip Kaufman schließlich verlangte für seinen Film »Der Stoff, aus dem die Helden sind« bei seinen Studio-Bossen (und gegen deren Widerstand) gleich Sam Shepard für die Rolle des Draufgänger-Piloten Chuck Yeager. Kaufman dichtete ihm auch das Charisma eines neuen Gary Cooper an.

Sein Geheimnis sei es, schrieb das Szene-Blatt »Tip«, daß er sich nicht um subtile, differenzierte Charaktere bemühe, »sondern monolithische Kerle präsentiert, ohne Faxen und Fratzen. Er spielt nicht, er ist«. Shepard befriedigt auch Amerikas Hunger nach Helden.

Trotz seiner schauspielerischen Karriere will Shepard zuerst Autor sein, nichts als Autor: »Je mehr ich spiele, desto mehr regt sich bei mir Widerstand gegen die Schauspielerei.« Schreiben ist für ihn immer noch das größere Abenteuer, der tiefere Mythos: »Du nimmst die Charaktere und setzt sie in Bewegung - genauso, als bestiegest du ein wildes Pferd.«

Hollywood mag er sowieso nicht: »Die Leute hier/ sind längst/ die Leute geworden/ die zu sein sie vorgeben«, dichtete er 1981 in einem Poem über Los Angeles. Wirkungsvoll entzieht sich der Star, ein mystery man wie Howard Hughes (den er, modifiziert, in einem seiner Stücke auftreten läßt), dem Rummel um seine Person. Er gibt kaum Interviews, hält seine Adresse geheim.

Sein Far-West-Image hat Shepard also auch in die Privatsphäre gerettet. Den Mythen, die er für seine Stücke eifrig plündert, wird er inzwischen selber zugerechnet. Adelte ihn ein Kritiker: Shepard sei so amerikanisch wie Huckleberry Finn. Doch der ist lediglich eine literarische Erfindung.

Links: in »Der Stoff, aus dem die Helden sind«; rechts: in »Fool forLove«.

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