Kulturhauptstadt 2025 Mit C

Chemnitz soll Kulturhauptstadt werden! Niemand möchte an einem solchen Festtag der Spielverderber sein. Aber: Was soll diese ganze Veranstaltung eigentlich?
Eine Analyse von Nils Minkmar
Altes Rathaus in Chemnitz

Altes Rathaus in Chemnitz

Foto: Henryk Sadura / Getty Images

In einer Zeit, in der man sich nicht ausmalen kann, was in fünf Tagen sein wird, ist es ganz angenehm, gleich fünf Jahre weiterzudenken. Dann sollte ja noch die ärgste Virenwelle verebbt sein und man könnte wieder hinausgehen, etwas entdecken. Chemnitz beispielsweise. Seit Mittwochmittag steht fest, dass Chemnitz 2025 eine von zwei Kulturhauptstädten Europas sein wird. So ergibt sich eine hübsche Frage für lange Abende: In fünf Jahren in Chemnitz, was mache ich dann als Erstes? 

Die heutige Verkündungsveranstaltung zur deutschen Kulturhauptstadt war live auf YouTube zu sehen und hatte ihre alltagspoetischen Seiten. Es fiel etwa der Satz "Ohne Menschen keine Kultur" - auch darüber lässt sich meditieren, wenn man beim Zahnarzt wartet, bis die Narkose wirkt, oder mal sonst nichts ist. Es gab Schalten in alle Bewerberstädte, außer der Gewinnerstadt waren das noch Hildesheim, Hannover, Nürnberg und Magdeburg. Nächster Halt aber dann eben: Chemnitz. Die Verliererstädte wurden in salbungsvollen Worten ordentlich getröstet, es klang, als stünde ihr kollektives Ableben bevor. Solche Veranstaltungen geraten hierzulande immer zum Behördenakt mit säkularer Predigt: Erst mal alle Zuständigen erwähnen und sich bedanken.

Dann dankte er im großen Stil

Die ganze Konstruktion der Kulturhauptstadtsfindung ist ordentlich kompliziert, wie die ganze deutsche Kulturverwaltung. Es wurde uns erklärt, aber verstehen konnten es nur Insider. Der bayerische Kultusminister Bernd Sibler verkürzte, indem er uns Zuschauerinnen und Zuschauer beruhigte: Die Zuständigen sind zuständig und werden sich schon kümmern, resümierte er sinngemäß. Dann dankte er im großen Stil. 

Die Institution der europäischen Kulturhauptstadt wurde von der griechischen Kulturministerin und Schauspielerin Melina Mercouri ersonnen. Athen war 1985 die erste Europakulturstadt - da hieß Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt. So gesehen ist der heutige Tag ein Anlass zur freudigen Retrospektive, es war ein langer Weg und Europa hat ihn tapfer bewältigt. Ob dabei die Kulturhauptstädte viel geholfen haben, das ist eine andere Frage.

In seinem aktuellen Buch "Große Erwartungen" zeichnet der niederländische Schriftsteller Geert Mak ein kritisches Bild der ganzen Veranstaltung. Er hat aus der Nähe beobachtet, wie für 2018 das friesische Leeuwarden gekürt wurde. Mak beschreibt einen reisenden Marketing- und Expertenzirkus, die den Städten für viel Geld Konzepte andrehen, die in Brüssel gut ankommen, die Bevölkerung aber weitgehend außen vor lassen. Der Chef der friesländischen Kulturhauptstadtveranstaltung verlieh sich den Titel eines CEO. Die sympathische Idee einer kulturellen Aufwertung mittlerer Städte verschwand hinter einem aufwendigen, vom Geld verseuchten Prozess.

Mak schreibt von einem "Wirbelsturmeffekt": Alle Gelder wurden schon Jahre zuvor auf das große Ereignis hin verlagert. Jemand dachte sich aus, elf friesische Städte mit je einem neuen Brunnen auszustatten, wofür elf Künstler aus ganz Europa beauftragt worden waren: "Das Ganze hatte nur einen Schönheitsfehler: Niemand hatte sich dergleichen gewünscht." 

Mehr Aufmerksamkeit, mehr Geld für Kultur, mehr europäischer Zusammenhalt und etwas internationaler Rückenwind für die durch rechtsradikale Umtriebe diskreditierte Stadt Chemnitz sind eine feine Sache. Niemand möchte an einem solchen Tag, an dem jeder Trost willkommen ist, spielverderbermäßig fragen, ob die ganze Sache auch sinnvoll ist? Aber warum eigentlich nicht?

Mehr Bescheidenheit ist zu empfehlen

Der Ursprungsort Athen lädt ein zur Parallele mit den Olympischen Spielen: Wettkämpfe von Amateuren im idealistischen und Völker verbindenden Geist - das klingt doch nach einer schönen Idee. Doch die real existierende Funktionärsolympiade hat sich zu einer politischen und finanziellen Subkultur entwickelt. Eine Rückbesinnung auf die athenischen Wurzeln und etwas mehr Bescheidenheit sind dringend zu empfehlen. 

So verhält sich das auch mit den beiden europäischen Kulturhauptstädten: Nur die nerdigsten Kulturfuzzis könnten die Kulturhauptstädte des letzten Jahrzehnts nennen, ohne Suchmaschinen zu bedienen. Sicher waren tolle Projekte und Veranstaltungen darunter, aber durch den jährlichen Wechsel - und weil es jeweils zwei sind - verliert sich der Effekt. Die europäische Kulturhauptstadt in je zwei mittelgroßen, jährlich wechselnden Städten, das ist ein Konzept breiter Verteilung dünner Ressourcen.

In der heutigen Zeit könnte es richtig sein umzudenken. Wie wäre es etwa, besondere Projekte einmal im Jahr in einer permanenten Kulturhauptstadt vorzustellen? Aber auch das ist ein langfristiges Projekt. Heute darf man sich ja auch trotzdem mit Chemnitz freuen - es ist ein guter Tag für die Stadt.

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