Drei Kulturtipps fürs Wochenende Überlebenskampf inmitten von Schlangen

Ein vergessener Krieger, eine Exotin unter Sandalenträgern, ein Geheimdienstbetrüger und ein finnischer Jazzmeister: Das sind unsere Kultur-Kurzempfehlungen fürs Wochenende.
Werner Herzog: feierlicher Ton

Werner Herzog: feierlicher Ton

Foto: Max Nikelski / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Ein Buch: Kriegerischer Waldgeist

Als sein Schicksal bekannt wurde, »standen alle Herzen, die Herzen einer ganzen Nation, für eine volle Minute still«, heißt es über den Helden dieses Buchs. Der berühmte Filmemacher Werner Herzog erzählt in dem schmalen Band »Das Dämmern der Welt« (Hanser, 128 Seiten, 19 Euro) die wahre Geschichte des japanischen Soldaten Hiroo Onoda. Im Dschungel der philippinischen Insel Lubang führte der Offizier Onoda (1922 bis 2014), zunächst mit ein paar Getreuen, den Zweiten Weltkrieg bis ins Jahr 1974 weiter – weil er und seine Leute nicht glauben wollten, dass der Krieg zu Ende war. Der sinnlose, militärischen Ehrbegriffen verpflichtete Krieg des Soldaten Onoda kostete unter anderem unschuldige philippinische Zivilisten das Leben. Der poetische Exzentriker Herzog begeistert sich trotzdem für die Mission des merkwürdigen Mannes, der sich in eine Art Dschungelwaldgeist verwandelte. Einmal ist Herzog dem tapferen Soldaten Onoda nach dessen Kapitulation sogar persönlich begegnet. Nun schildert er in feierlichem Ton dessen an Herzog-Filme wie »Aguirre, der Zorn Gottes« (1972) und »Fitzcarraldo« (1982) erinnernden Überlebenskampf inmitten von Schlangen, Moskitos, Blutegeln und feindlichen Kämpfern. Und auch wenn die Faszination des Autors für die manische Pflichterfüllung seines Kriegshelden moralisch fragwürdig sein mag, gelingt ihm doch ein fesselndes, heiter-pathetisches Porträt. Wolfgang Höbel

Ein Filmessay: Leidenschaft, subtil inszeniert

Judica Albrecht in »Über Deutschland«

Judica Albrecht in »Über Deutschland«

Foto: Reiner J. Nagel / ostwärts-film

Für ihre Geduld war Marina Zwetajewa nicht bekannt. Insofern ist fraglich, wie die Hommage des Filmemachers Bernhard Sallmann auf die russische Dichterin gewirkt hätte. In langen, ruhigen Passagen spricht die Schauspielerin Judica Albrecht Zwetajewas Text »Über Deutschland« in die Vorfrühlingslandschaft von Dresden, gut 100 Jahre nach seiner Entstehung. Im Luftkurort in Loschwitz bei Dresden war Zwetajewa als junge Frau einmal gewesen, zwischen gesundheitsbewussten Sandalenträgern eine fremde, exotische Erscheinung. Zwetajewa war nicht nur in der deutschen Sprache zu Hause, in der sie später einen romantischen Briefwechsel mit Rilke führen würde – sie liebte die deutsche Kultur, Heine, die Mythen von Undine bis zur Loreley. Und sie verteidigte das Land auch noch im Ersten Weltkrieg gegen die »Abscheulichkeit« der Politik. Zwetajewas leidenschaftlicher Ton steht in diesem Filmessay (»Über Deutschland« ab 2. September in ausgewählten Kinos) in kalkuliertem Gegensatz zur so spröden wie subtilen Inszenierung. Die bittere Pointe liegt in der Datierung: Vor 80 Jahren, am 31.8.1941, nahm sich die Verehrerin des Deutschen im tatarischen Jelabuga das Leben – ihr Fluchtort vor dem Angriff der Wehrmacht auf ihre Heimatstadt Moskau. Elke Schmitter

Jazz: Versenkung mit Gefühl

Dieses Album ist ein kleines Wunder. Der Tenorsaxofonist Timo Lassy, 46, ist eine der prägenden Figuren der finnischen Jazzszene. Seit den Nullerjahren gibt er dort einen Ton vor, der tief im Jazz der Fünfziger und Sechziger wurzelt, in Bebop, Souljazz und Bossa Nova. So war es zumindest bislang: Lassy war ein wunderbarer Epigone. Doch er hat auch ein Ohr für das, was im heutigen Jazz passiert. Gerade die finnische Szene hat sich in den vergangenen Jahren verjüngt und verändert, überall sind neue Sounds zu hören, die Musik ist freier geworden. Also hat Lassy »Trio« aufgenommen, ein Meisterwerk. Lassy selbst spielt dabei wie immer, das Saxofon ist ja das Jazzinstrument, das der menschlichen Stimme am nächsten ist, es kann flüstern und zischeln und schreien. Bei Lassy klingt es meist so, als würde er aus vollem Hals singen. Doch die Formation, in der er das spielt, die ist neu: Neben Bass und Schlagzeug, die ihn begleiten, hat er sich Streicher geholt. So gibt er dem trockenen Klang der Kerngruppe eine weiche Emotionalität, die im Jazz heute recht selten ist. Wo alle freier werden, versenkt sich Lassy sieben Stücke lang ins Gefühl. Vielleicht ist dies das größte Experiment. Tobias Rapp

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren