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Kunst

aus DER SPIEGEL 52/1971

Frau Ileana Lindt mochte nicht mehr ohne Muse leben. So betrat sie, entschlossen, das New Yorker Guggenheim-Museum und verließ es kurz darauf mit der Marmor-Skulptur »Die Muse« (1912) von Constantin Brancusi. Museumsangestellte wagten nicht, Frau Lindt zu behelligen, denn sie war in Begleitung zweier Sheriffs und außerdem im Recht. Der Überraschungsbesuch beendete (vorläufig?) einen schon elf Jahre alten Rechtsstreit um das Brancusi-Werk: Die Skulptur war dem Museum von dem 1958 verstorbenen Uhrenfabrikanten Arde Bulova, Frau Lindts erstem Mann, vermacht worden; die Witwe aber, die 1957 auch am Totenbett des Künstlers gesessen haben will, bestritt die Gültigkeit dieser Verfügung und reklamierte die Marmormuse als ihr Eigentum, da sie selbst 1955 die Plastik auf einer Auktion ersteigert, ihr Mann hingegen lediglich den Kaufpreis von 7000 Dollar erlegt hätte. Nach elf Prozeß-Jahren, 1969, gab ihr das höchste US-Gericht in letzter Instanz recht; tags darauf besichtigten 4000 Menschen das Streit-Objekt im Guggenheim. Doch das Museum weigerte sieh noch zwei Jahre lang, den Marmor herauszurücken. Dafür will sich Brancusis Musen-Freundin jetzt rächen: »Wahrscheinlich werde ich das Werk in Museen ausstellen. Aber bestimmt nicht im Guggenheim -- die waren einfach zu unverschämt.«

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