Sibylle Berg

Wer hat Angst vor »Peng!«? Kunst darf nicht auf der Terrorliste landen

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Wenn Kunst politisch wird, ist oft der Staat nicht weit: Büros werden durchsucht, Materialien beschlagnahmt. Dabei ist politische Kunst in Deutschland selten genug – eine gefährliche Entwicklung.
»Peng!«-Aktivisten plakatieren eine Wand, wobei sie zur Fluchthilfe aufrufen (Archivbild): Zunehmend bedeutet relevante Kunst zu machen, sich Gefahr auszusetzen

»Peng!«-Aktivisten plakatieren eine Wand, wobei sie zur Fluchthilfe aufrufen (Archivbild): Zunehmend bedeutet relevante Kunst zu machen, sich Gefahr auszusetzen

Foto: Christian Mang / imago images

Wie schwach ist ein Staat, der Angst vor Kunst hat? Der zulässt, dass KünstlerInnen zum einen von Andersdenkenden – oder sagen wir vereinfacht: Faschisten – auf Todeslisten genannt werden, und der zum anderen Kunstverhinderung immer wieder auf die politische Agenda setzt? Wie schwach ist ein Staat, der pandemiebedingtes Verschwinden von Kunst und Kultur bedauernd in Kauf nimmt?

Das waren die raunenden Fragen, kommen wir zu einem ganz anderen Thema.

Vor einiger Zeit wurden die Wohnungen und Büros des KünstlerInnen-Kollektivs »Peng!« vom LKA Berlin durchsucht . Türen wurden mit mechanischer Gewalt geöffnet, Materialien beschlagnahmt. Was ist da passiert? Und wer ist »Peng!«?

Die Gruppe macht seit Jahren Kunst, die eine Mischung aus Humor, Gesellschaftskritik, Aktivismus und Hacking ist. »Peng!« hat zum Beispiel 2015 die Presseabteilung eines Energiekonzerns gekapert  und deren Produkte zu 100 Prozent Grünstrom erklärt, hat an einer Konferenz des Benzinmultis Shell eine Ölfontäne explodieren lassen , eine Aussteigerplattform für internationale Spione  gegründet – und vieles mehr .

Kunst im Kontext politischer Kritik ist selten genug und selten gut. Und zunehmend bedeutet relevante Kunst oder Journalismus zu machen, sich Gefahr auszusetzen. Ob es Jan Böhmermann, Idil Baydar oder andere radikale Künstlerpersönlichkeiten aus den Bereichen Theater, Literatur und Berichterstattung sind, sie werden von faschistischen Kräften bedroht oder – eleganter – von politischen Akteuren. Wie es »Peng!« seit Jahren passiert.

Der aktuelle Vorfall, die Hausdurchsuchungen und der Antrag vom LKA Berlin an das Gemeinsame Extremismus- und Terrorabwehrzentrum (GETZ), »Peng!« auf die Terrorliste zu setzen , wurde durch eine Arbeit ausgelöst, die sich mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands  befasste. Eine andere Aktion des Kunstkollektivs die Cop Map  wurde Thema der Innenministerkonferenz.

Eine Untersuchung des Kollektivs, die sich mit der Sinnhaftigkeit der Bundeswehr befasste, führte zu Ermittlungen des militärischen Abschirmdienstes. Genauer: ihre Sticker, auf denen bundeswehr.lol  draufstand. Kann man machen.

Als die politische Vereinigung »Der dritte Weg« eine Karte mit Geflüchteten-Einrichtungen veröffentlichte und es daraufhin massive Brandanschläge gegen die Einrichtungen gab, passierte: nichts. Außer, dass der Verein jetzt für den Bundestag kandidiert .

Die latente Bedrohung künstlerischer Freiheit zeigt, in welche Richtung ein Land sich entwickeln kann, wenn politische und künstlerische Interventionen eingedämmt werden. Dann gäbe es – nur hypothetisch – den Umsturz planende, faschistische Unterwanderungen bei den bewaffneten Exekutivkräften. RichterInnen, die rechtsnationalen Parteien angehören, könnten über Kunst und deren Verbot urteilen. In den Regierungen säßen PolitikerInnen, die neoliberale Ideen wie die Privatisierung aller gesellschaftlichen Bereiche ohne jede Kritik zuließen und vorantrieben. Aber wer sollte so etwas Absurdes schon tun?

Ich hoffe, Sie haben Freude mit den spannenden Arbeiten kritischer KünstlerInnen und entdecken die Arbeiten des »Peng!«-Kollektivs. Solange es das noch gibt.

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