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Kultur Kunst in Kisten

Nahaufnahme: In Hamburg-Harburg eröffnet der Mäzen und Sammler Harald Falckenberg eine imposante Fabrikausstellung.
Von Moritz von Uslar
aus DER SPIEGEL 22/2008

Wenn es ein Chaos gibt, das den Geist erfrischt und auf neue Gedanken bringt, dann ist es hier zu besichtigen: in den Werkhallen der ehemaligen Reifenfirma Phoenix in Hamburg-Harburg, gut eine Woche vor Eröffnung der großen Ausstellung.

Auf den Böden lagern die vom Spediteur Hasenkamp eingepackten Kunstwerke. Man hört das Surren der Akkuschrauber, das Brummen der Reinigungsfahrzeuge. Da müssen noch Wände geweißt werden, in Fenstern wehen Plastikplanen, die große Treppe ist noch nicht verkleidet.

Letzte Korrekturen an Mike Kelleys Installation »Kandor Con« (1999/2005), die dessen Vision einer amerikanischen Zukunftsstadt, Heimat des Comic-Helden Superman, beschwört. Eine Skulptur des britischen Bildhauers John Isaacs soll nun doch nicht auf Holz, sondern auf Industrienoppen ausgestellt werden: bitte austauschen. Ein roter Torso ("La Corazza di Michelangelo«, 1963), Frühwerk des amerikanischen Kultkünstlers Paul Thek (1933 bis 1988), steht noch falsch herum im Glaskasten.

Da wird sich einer noch mal ordentlich aufregen müssen, damit das alles bis zur Eröffnung der Werkschau von Paul Thek, die mit der Neueröffnung der Sammlung Falckenberg in neuen, größeren Räumen zusammenfällt, am Freitag dieser Woche klappt - am besten der Boss selber.

Und der naht nun: Harald Falckenberg, 64, Hanseat, Unternehmer, Mäzen, Urbild des großbürgerlichen, weltoffenen, wissbegierigen und nimmersatten Sammlers. Seine kurze, gedrungene Statur fährt herum. Seine herrlich abgelatschten Schuhe. Die Äuglein mustern das Treiben auf der Baustelle, halb angriffslustig, halb belustigt. In der rechten Hand hält der Sammler einen fetten Schlüsselbund.

In der Kunstszene hat sich Falckenberg innerhalb nur weniger Jahre einen Donnerruf als eigenwilliger und risikofreudiger Sammler zeitgenössischer Kunst erworben, zuletzt als Verfasser brillanter Kunstessays: ein Förderer der alten Schule, Besessener, Berserker, ein Punk.

Gilt ein Werk als so groß, sperrig, anspruchsvoll oder durchgeknallt, dass kein Museum es aufnehmen kann, dann ruft man Falckenberg an: Er kauft die Arbeit und - wichtig - lässt sie nicht in den Katakomben seines Lagers verschwinden, sondern sorgt für Ausstellungsfläche. Falckenbergs trotziges Credo: »Künstler fördern, Kritik üben, Widerstand leisten.«

Der Videokünstler Christian Jankowski, 40, bezeichnet seinen Förderer als Triebtäter: »Er denkt mit dem Bauch.« Der Kunstprofessor Bazon Brock spricht von der Sammlung als »Basislager für Expeditionen in die Zeitgenossenschaft«.

Sein Geld hat Falckenberg, aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie stammend, als Geschäftsführer und Teilinhaber einer Firma für Betankungstechnik verdient. Zum Sammeln kam er verhältnismäßig spät, mit 50, während der sogenannten Midlife-Crisis. Nach konservativen Früheinkäufen (Warhol, Stella, Polke) fielen ihm über seinen Künstlerfreund Werner Büttner die Werke der deutschen »Bad Painters« Oehlen, Kippenberger, Herold zu. Als einer der Ersten kaufte er in den neunziger Jahren die neuen deutschen Wilden Franz Ackermann, John Bock, Jonathan Meese, machte den Sprung zu den amerikanischen Provokateuren und Trash-Künstlern Paul McCarthy, Mike Kelley, Richard Prince, John Baldessari, vollzog den logischen Schritt zurück in die sechziger und siebziger Jahre, zu den Fluxus-Künstlern und Wiener Aktionisten.

Mit rund 1900 Kunstwerken gilt die Sammlung Falckenberg heute neben jener

der Münchner Sammlerin Ingvild Goetz als eine der bedeutendsten deutschen Privatsammlungen und als die größte von Installationskunst überhaupt.

Kunst auf über 6000 Quadratmetern ist in diesem nun wohl großflächigsten Privatmuseum der Welt zu besichtigen (die Sammlung Falckenberg hat nur am Wochenende und nach telefonischer Voranmeldung geöffnet). Ein Zauber der Räume liegt darin, dass der nichtmuseale Charakter betont wird: die Sammlung als Lager. Hängeflächen können ausgezogen werden. Der Besucher ahnt: Hinter der Kunst lagert noch mehr Kunst in Kisten.

Die Retrospektive Paul Theks hatte Falckenberg zuvor für das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe mitkuratiert. Das Konzept der neuen Ausstellung sieht nun vor, dass die Arbeiten Theks von den Stücken der Sammlung sowohl konzeptuell als auch inhaltlich ummantelt werden - und so eine geistige Herkunft offenbar wird. Schlüsselwerke der Sammlung wie Thomas Hirschhorns »Bernsteinzimmer« (1998/99) oder Jon Kesslers große Installation zum 11. September »The Palace at 4 A.M.« (2005/07) unterhalten sich mit den rätselhaften und zerbrechlichen Objekten des Mystikers Paul Thek.

Ein Freund Falckenbergs, Skatbruder und Golfpartner, streicht nun durch die Räume, kopfschüttelnd, sprachlos, ergriffen: »All die großen Künstler - ich kenne ja kaum einen Namen!« Replik Falckenberg: »Hättest du weniger Golf gespielt, dann könntest du dir mehr Namen merken.«

Die Kunst, so der Sammler, sei für ihn Selbsterfahrung, nicht Selbstverwirklichung. In erster Linie bleibe er Geschäftsmann. Was Paul Thek, den Prototyp des antibürgerlichen Rebellen, zum »Artist-Artist«, also zum Vorbild und geistigen Vater vieler seiner Künstler macht, das erklärt Falckenberg nun in leidenschaftlichen Sätzen: »Er hat kompromisslos die Selbstverwirklichung durch Kunst gesucht und sich niemals den Regeln des Marktes und der Gesellschaft unterworfen.«

Schau an! Da spricht sein zweites Ego: des Sammlers Sehnsucht nach einem anderen Ich. MORITZ VON USLAR

* Vor einem Gemälde von Paul Thek.

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