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Berührende Kunstschau in New York Das Erbe des verstorbenen Starkurators

In New York beginnt eine emotionale Ausstellung über Trauer und Rassismus. Der Kurator Okwui Enwezor, der lange das Münchner Haus der Kunst leitete, hat sie kurz vor seinem Tod erdacht.
aus DER SPIEGEL 7/2021
Gemälde »Untitled (policeman)«, 2015, von Kerry James Marshall

Gemälde »Untitled (policeman)«, 2015, von Kerry James Marshall

Foto:

Courtesy the artist and Jack Shainman Gallery, New York

Die Kunstschau »Grief and Grievance: Art and Mourning in America«, die in der kommenden Woche in Manhattan beginnt, ist das Erbe eines bemerkenswerten Mannes. Im März 2019 verstarb der weltbekannte Kurator Okwui Enwezor in Deutschland. In den Monaten vor seinem Tod arbeitete er am Konzept dieser Ausstellung, die vom Trauern handelt, aber ebenso von einer Traurigkeit und Wut über ein unfaires Land. Denn mit ihr, mit diesem letzten Vorhaben, wollte er verdeutlichen, wie tief sich der Rassismus in die Geschichte und die Gegenwart der USA eingeschrieben hat. Nach seinem Tod arbeiteten andere weiter an seiner bitteren Bestandsaufnahme.

Enwezor wurde in Nigeria geboren und hat lange in New York gelebt. Zugleich verband ihn viel mit Deutschland, 2002 verantwortete er die legendäre Documenta, 2011 kam er zurück, um in München das Haus der Kunst zu leiten. Man feierte ihn, zunächst jedenfalls. Ein paar Jahre später fühlte er sich regelrecht abserviert. Der Weltbürger musste sich plötzlich dafür rechtfertigen, kein Deutsch zu sprechen.

Offiziell trat er in München 2018 wegen seiner Krankheit zurück; in einem SPIEGEL-Gespräch stellte er klar, er sei dort auch nicht mehr erwünscht gewesen. Das habe ihm sein Arbeitgeber, die Bayerische Staatsregierung, zu verstehen gegeben. Aber er blieb in Deutschland, weil er die medizinische Behandlung nicht abbrechen wollte. Und dann kam die Anfrage aus New York vom dortigen New Museum, er gab noch die Richtung der Ausstellung vor, benannte mögliche Künstler und Werke.

Seltsame Normalität

Die Objekte der Schau reichen zurück bis in die Zeit, als in den USA die Rassentrennung aufgehoben wurde, sich aber nichts Grundlegendes änderte an der »Normalität des weißen Nationalismus«, wie dies von Enwezor im Vorwort zum Ausstellungskatalog betont wird(*). An diese seltsame Normalität erinnert die geteerte Leinwand aus den Sechzigerjahren, auf der ein wie verloren wirkender Button mit der Aufschrift »Freedom Now« angebracht ist. Die Arbeit des US-Künstlers Daniel LaRue Johnson ist eine Reverenz vor der friedlichen Bürgerrechtsbewegung, die die ungeheure Brutalität der Polizei, die ausführende Gewalt des Staates, zu spüren bekam.

Eine Kernaussage der Schau und der begleitenden Publikation lautet: Über nicht weiße Opfer von Gewalt oder von Naturkatastrophen wird im Land anders getrauert. Weiße

Gewaltopfer werden öffentlich beklagt, der Gram wird politisch inszeniert. Tote aus anderen Bevölkerungsgruppen hingegen würden eher hingenommen.

Dazu passt ein Film von Arthur Jafa, der ebenfalls zu sehen sein wird. »Love Is the Message, the Message Is Death« ist vor einigen Jahren entstanden, in einer Art Collage taucht bruchstückhaft die Gewalt der Polizisten gegen wehrlose schwarze Personen auf – so selbstverständlich aufflimmernd, als ließe sich das einfach nicht aus dem Bild des heutigen Amerika lösen. Der Künstler Kerry James Marshall reagierte anders auf die schon obligatorisch wirkenden Übergriffe; 2015 malte er einen schwarzen Cop, auf der Motorhaube des Dienstwagens sitzend, vor einem Nachthimmel. Heute gehört das Bild dem New Yorker Museum of Modern Art, wo man findet, der Dargestellte sei ein »herausforderndes« Gegenbild zum Klischee, »er ist sowohl ein schwarzer Mann als auch ein Polizist« und damit »scheinbar in zwei widersprüchlichen Identitäten gefangen«.

Fehlendes Mitgefühl

Doch die Klischees sind nicht nur ärgerlich, sondern auch mörderisch. Die Dichterin Claudia Rankine schreibt in dem Begleitband zur Schau, schwarze Menschen kämen in den USA im Grunde schon als Sterbende auf die Welt, in den Augen weißer Menschen seien sie nie wirklich lebendig. Auch liberalen Weißen fehle es an Empathie, weil sie nicht nachvollziehen könnten, wie gefährlich es sei, ein nicht-weißes Kind im Freien mit einer Spielzeugpistole spielen zu lassen.

Die Ausstellung ist auch ein Vorschlag, wie man mit diesem untragbaren Zustand umgehen könnte: Amerikanische Trauerarbeit soll den amerikanischen Traum ersetzen. Nicht nur in Form der Klage über die Toten, sondern auch dadurch, dass Reflexion und Aufarbeitung überholte Heldenerzählungen ersetzen.

In den Katalogtexten ist die Rede davon, dass – bisher – auf einen Fortschritt fast immer ein Rückschritt folgt. Die Bürgerrechtsbewegung zum Beispiel errang zwar einen Sieg, doch bis heute werden nicht weiße Menschen in den USA unverhältnismäßig häufiger verhaftet und verurteilt.

Enwezor fühlte sich in Deutschland nicht mehr sicher

Kurz vor seinem Tod hatte Enwezor darüber gesprochen, dass er sich in Deutschland nicht mehr sicher fühle. Der Anblick der Pegida-Anhänger, die auch in München demonstrierten, in der Nähe seiner Wohnung, hatte ihn erschüttert.

Er sehe sich grundsätzlich nicht als Opfer, sagte er damals. Dennoch werde ihm durch solche Proteste von rechts bewusst, wie ein Teil seiner Umwelt ihn wohl wahrnehme: »Als Afrikaner in einer überwiegend monokulturellen Stadt bin ich einer, der außen vor steht.« Er habe sich gefragt: »Wer hilft dir, wenn dir etwas passiert?« Das gehe einem einfach durch den Kopf.

Für ihn war Kunst eine Möglichkeit, sichtbar zu machen, was eine Gesellschaft um-, aber auch auseinandertreibt. Bis zuletzt hielt er an dem Glauben fest, sie könne zugleich auch das Bewusstsein erweitern, das Denken schärfen.

Von diesem Glauben lebt die Schau.

* Okwui Enwezor: »Grief and Grievance: Art and Mourning in America«. Phaidon; 264 Seiten.

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