Zur Ausgabe
Artikel 58 / 62
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gestorben Kurt Westergaard, 86

aus DER SPIEGEL 30/2021
Foto:

imago stock / imago/Belga

Der Däne starb eines natürlichen Todes. Das ist bemerkenswert, denn von ihm stammte eine der zwölf Mohammed-Karikaturen, die 2005 in Dänemarks liberal-konservativer »Jyllands-Posten« erschienen. Todesdrohungen gehörten seither zu seinem Alltag. Auf der ganzen Welt kam es zu wütenden, auch gewalttätigen Protesten, es gab Tote. Kurt Westergaard war plötzlich international berühmt. Kopfgelder wurden auf ihn ausgesetzt, ab Ende 2007 stand er unter Polizeischutz, 2010 brach ein Attentäter in sein Haus ein.

Die bildliche Darstellung des Propheten ist für Muslime ein Tabu. Die Zeichnungen hatten islamistische Imame zum Anlass genommen, gegen die Künstler, gegen die Meinungsfreiheit zu hetzen. Laut »Jyllands-Posten« waren die Karikaturisten Teil eines Experiments: Ein Autor hatte ein Kinderbuch über den Propheten Mohammed geschrieben, fand aber zur Bebilderung nur anonyme Zeichner. Die Zeitung wollte prüfen, ob auch bei Karikaturisten die Schere im Kopf arbeitete. Der Titel lautete: »Mohammeds Gesicht«. Westergaards Karikatur zeigte einen bärtigen Mann mit einer Bombe als Turban. Er habe, so erklärte Westergaard später, darauf hinweisen wollen, dass es Menschen gebe, die den Propheten missbrauchen, um Gewalt zu rechtfertigen. Der erfahrene Zeichner war von den demokratiefeindlichen Reaktionen überrascht und enttäuscht – und wehrte sich vehement gegen die Instrumentalisierung seiner Zeichnung durch Rechtsextreme. Die inzwischen aufgelöste Splitterpartei Pro NRW lobte im Jahr 2012 einen islamkritischen Karikaturenpreis aus, den sie nach Westergaard benannte. Der protestierte mit Nachdruck. Er wolle mit »keiner politischen Partei und keiner politischen Bewegung in Verbindung gebracht werden«, sagte Westergaard, sondern nur mit der Meinungsfreiheit. Der galt seine ganze Leidenschaft, beschädigen wollte er niemanden.

Bevor Westergaard 1983 zur »Jyllands-Posten« kam, studierte er in Kopenhagen Psychologie, unterrichtete Deutsch und arbeitete an einer Schule. Zuletzt wollte er sich nicht mehr verstecken und spazierte in roten Hosen, mit Hut und auf einen Gehstock mit Giraffenkopf gestützt durch die Straßen von Aarhus. Er sei wütend, sagte er, dass er bedroht werde, er habe doch nur seinen Job gemacht. Kurt Westergaard starb am 14. Juli in Kopenhagen.

mur
Zur Ausgabe
Artikel 58 / 62
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.