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Kurzweil im Kopf

aus DER SPIEGEL 14/1995

Der Auftrag war äußerst eilig. Der Tonsetzer sollte auf die Schnelle ein paar passende Klänge für Walt Disneys neuesten Zeichentrickfilm »Der König der Löwen« zusammensuchen. Dem wohlkalkulierten Angriff auf die Tränendrüsen rührseliger Kinds-Köpfe fehlte noch die alles einebnende Tonspur.

Hans Zimmer, 37, in Hollywood der Mann für alle heiklen Partitur-Fälle, hatte rasch den passenden Folklore-Mix parat: ein paar harmlose Rückgriffe auf archaische Stammesgesänge aus dem heißen Herzen Afrikas, süffig aufgepustet mit Symphonie-Gebrause und delikat abgeschmeckt mit einer aparten Ladung Synthesizer-Moderne.

Die süßliche Maßarbeit brachte dem Workaholic aus Deutschland prompt den Spott der New York Times ("eine bisweilen aufdringlich bombastische Musik") ein und, am vergangenen Montag, seinen ersten Oscar für die beste Filmmusik.

Die goldige Statuette ist die längst überfällige Anerkennung für Hollywoods fleißigsten und vielseitigsten Tonkünstler. So unterlegte der gebürtige Frankfurter die bittersüße Rassenballade »Driving Miss Daisy« ebenso mit seinen wohldosierten Klangkaskaden wie die Verfilmung von Isabel Allendes Familien-Saga »Das Geisterhaus«. Die Musik zum Autistendrama »Rain Man« trug Zimmer 1989 eine erste Oscar-Nominierung ein.

Wäre sein Leben allerdings nach der starren Logik deutscher Schulbürokratie verlaufen, verhökerte der Erfolgskomponist heute vermutlich Schallplatten in einem Kaufhaus. Denn mit dem Regiment teutonischer Lehranstalten war der hochbegabte Knabe nicht kompatibel: »Das alles hat mich so gelangweilt.«

Kurzweil herrschte nur in seinem Kopf. Dort spielten imaginäre Orchester Zimmers Traum-Musik. Denn seit er sechs war, wußte der Junge, »daß ich Musik komponieren will«.

Erst ein Umzug nach England, wo Mutter Brigitte eine liberale Schule »ohne Uniform und ohne Disziplin« für ihren Sohn auskundschaftete, brachte die Wende. Zimmer fühlte sich verstanden, gründete eine Rock-Band und landete mit seinem Song »Video Killed the Radio Star« einen internationalen Hit.

Aus Hans, dem Träumer, war ein Zimmer mit Aussicht auf Erfolg geworden. Der Komponist, der nie ein Konservatorium besucht hatte und schon deswegen in Deutschland keine Aufträge bekam, spezialisierte sich auf Filmmusik. Seine originelle Partitur für den frechen Schwulenfilm »Mein wunderbarer Waschsalon« brachte dem Autodidakten 1985 das erste Angebot aus Hollywood.

In cinematographischen Spitzenzeiten schafft Zimmer inzwischen an bis zu drei Filmen gleichzeitig und träumt dabei doch immer noch von der perfekten Musik: »Ich weiß genau, wie sich das anhört, aber ich habe es noch nie geschrieben, und deshalb muß ich weiterschreiben bis an irgendein Ende.« Und sei es nur bis zum Abspann des nächsten Films.

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