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TV-SPIEL Kurzweil mit Rollstuhl

aus DER SPIEGEL 52/1977

»Die Vorstadtkrokodile«. Fernsehfilm nach dem Buch von Max von der Grün. Regie: Wolfgang Becker. ARD, 25. Dezember, 20.15 Uhr.

Keine Andacht dieses Jahr, nichts

Besinnliches, kein TV-Lametta nach Mastgans und Spekulatius: Durch den ersten Kanal rollt am ersten Weihnachtsabend der »Krüppel« Kurt, diese »halbe Portion«, der »Rennfahrer«, »Spastiker«, »Lahmarsch«.

Kurt ist gehbehindert, in den Rollstuhl gezwungen, Außenseiter natürlich, Gespött aller Gleichaltrigen. Derlei Krankengeschichten hat sich das Fernsehen schon mehrfach zum sozialkritischen Alibi zurechtgedreht. Das kommt mit viel Engagement daher, weckt Mitleid, hinterläßt Gewissensbisse, bleibt Pflichtübung.

Diesmal darf herzhaft gelacht werden. Kurzweil verdrängt die Seelsorge, Action die Wehklage. Im Gefolge einer Morde Jungen, die Buden bauen, in der Nase bohren, sich die Fresse polieren, rollt Kurt seinen Weg vom schwarzen Schaf zum Leithammel -- soziale Integration mit Charme und Witz.

Wer in den Kreis der »Krokodiler« aufgenommen werden will, muß eine Mutprobe ablegen. So klettert Hannes eines Tages auf schmaler Leiter bis auf den Dachfirst einer alten Ziegelei. Doch beim Abstieg rutscht er aus, verliert den Halt, bleibt an der Regenrinne hängen. Seine geschockten Freunde verduften.

Diesen Vorfall hat Kurt daheim durch sein Fernrohr beobachtet, er alarmiert die Feuerwehr, Hannes kommt heil davon -- für Kurt ein erster Achtungserfolg. Hannes und Maria, das einzige Mädchen der Bande, holen ihn nun langsam aus seiner Isolation. Weniger aus Dankbarkeit als aus Eigennutz: Kurt hat Köpfchen bewiesen, und Schlauberger sehen klarer.

Doch erst ein persönliches Geheimnis verschafft dem Invaliden endgültig Anerkennung. Nur er nämlich kennt, dank einer zufälligen nächtlichen Beobachtung, jene Einbrecher, die seit Wochen die »Papageien-Siedlung« beunruhigen. Als Kurt in der verfallenen Ziegelei noch das Diebeslager aushebt und einen Plan ausheckt, die Täter in flagranti zu ertappen, darf er sich das Bandengütezeichen, ein Krokodil, auf die Jeans nähen.

»Vorstadtkrokodile« heißt das zu Recht gerühmte Jugendbuch des Kohlenpott-Autors Max von der Grün, in dem das klassische »Emil und die Detektive«-Muster originell variiert wird. Die Anregung dazu kam dem Autor »zwangsläufig": Er hat selbst einen behinderten Jungen und kennt »viele Probleme aus persönlichem Erleben«.

Dennoch werden in Buch und Film nicht nur Erlebnisse nacherzählt, die Vater und Sohn am eigenen Leib und Herzen erfahren haben. Die Treffsicherheit mancher Szenen -- etwa wenn ein Junge den Kinderwagen mit seiner kleineren Schwester wie einen Fußball wütend vor sich her tritt, nur weil die Freunde ihn als Babysitter hänseln -- und der naturgetreue Jargon, den Max von der Grün seine Grünschnäbel quasseln läßt, weisen ihn als einen soliden poetischen Realisten aus.

Regisseur Wolfgang Becker, immerhin 67, drehte »Vorstadtkrokodile«, diese »vitale Kindergeschichte«, größtenteils während der vergangenen Sommerferien nahe der deutsch-holländischen Grenze fast nur mit Pennälern -- sie agieren pfiffig unverkrampft. Den behinderten Kurt spielt, dem Zuschauer nicht erkennbar, ein gelähmtes Mädchen.

Die Routine von so manchem »Kommissar« und »Tatort« hat Becker hier fast völlig unterdrückt. Tempo, Spaß und Spannung seines Kinderfilms zeigen an, wie belebend die Arbeit in einem neuen Genre für sogenannte alte Hasen sein kann.

An der Produktion sind die WDR-Abteilungen Fernsehspiel und Kinderprogramm gemeinsam beteiligt. Bei der sinnvollen Wiederholung im Nachmittagsprogramm Anfang Januar können dann auch den Kindern die Augen aufgehen: Viele der sogenannten Großen geben in diesem Film die mickrigsten Figuren ab. Klaus Umbach

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