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Rechtschreibung Kuss am Fluss

Der jüngste Vorschlag, die deutsche Rechtschreibung zu erleichtern, ist ein Rückzugsgefecht. Bleiben Tradition und Reform unvereinbar?
aus DER SPIEGEL 43/1992

Schon 1995 könnte es soweit sein: Auf deutschen Speisekarten stünden plötzlich »Spagetti« und »Oberginen«, gleich danach fände sich »Schikoree«-Salat mit »Majonäse«, »Rabarberkuchen« oder eine »Karamell«-Creme mit »Nugat«.

Spätestens beim Heimweg über den »Asfalt« dürfte es verdutzten »Restorant«-Besuchern dämmern: Was sie gelesen hätten, wäre korrektes Deutsch - angerichtet nicht von Banausen, sondern das Ergebnis jener Regeln, die das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim mit erarbeitet hat.

Noch vor der Jahrtausendwende, so hofft Wolfgang Mentrup, 57, wichtigster Sprecher der Mannheimer Wortexperten, könnte amtlich erlaubt sein, worum mehr als drei Generationen seiner Kollegen vergebens gekämpft haben: eine Reform der deutschen Rechtschreibung. Soeben haben Sprachwissenschaftler aus Österreich, der Schweiz und der Bundesrepublik einen 220 Seiten starken Vorschlagskatalog herausgebracht, der laut Mitverfasser Mentrup »zum ersten Mal die reale Chance« hat, internationale Schulnorm zu werden*. _(* »Deutsche Rechtschreibung - Vorschläge ) _(zu ihrer Neuregelung«. Gunter Narr ) _(Verlag, Tübingen; 220 Seiten; 38 Mark. )

Indes, ihr mit Beispielen gespicktes Kompendium ist nur die abgeschwächte Version eines Entwurfs, der 1988 unter lautstarkem Gezänk scheiterte. Mit Kampf-Schlagzeilen wie »Der Keiser im Bot, ein Hei drumherum« (Stuttgarter Zeitung) war den Vereinfachern der Marsch geblasen worden - prompt lehnte die Kultusminister-Konferenz (KMK) der Länder 1990 das Konzept ab.

Aber die Reform-Apostel aus den damals noch vier großen deutschsprachigen Ländern, in zwei Jahrzehnten durch Mißerfolge abgehärtet, ließen sich nicht beirren. Von 1955 an, als die KMK beschloß, daß bis auf weiteres der Duden gelte, haben Umfragen immer wieder bestätigt: Der wilde Wust von Vorschriften, seit der Berliner Orthographie-Konferenz von 1901/02 in Kraft, war nie mehrheitsfähig. So manche Ausnahme von der Ausnahme der Ausnahme belustigt selbst Fachleute.

Großzügiger als je zuvor läßt der neue Entwurf, den die Worthüter seit 1986 in mehreren Tagungsserien ausgehandelt haben, nun Spielraum für langsamen Sprachwandel. Statt strenger Erlasse ist ihr Hauptprinzip: Erlaubt sei, was schon längst gefällt. Im Duden könnte von der alten auf die neue Schreibweise eines Worts, aber nicht umgekehrt verwiesen werden - »Gezielte Variantenführung« nennen die Experten solch behutsames Steuerungsverfahren.

Demnach dürfte es bald »Paragraf« und »Delfin« heißen, ohne daß die alte ph-Schreibweise falsch wird, die in Parallelfällen wie »Elefant« und »Telefon« schon nahezu ausgestorben ist. Der »Filosof« hingegen, den Christoph Martin Wieland um 1800 einführen wollte, erscheint den Reformern immer noch allzu exotisch.

Außer solchen »Laut-Buchstaben-Zuordnungen« - besonders umstritten, weil die Leser beim Wortbild am meisten Stabilität verlangen - sehen die Regelkundler auf drei weiteren Hauptgebieten Vereinfachungen vor:

Wo zusammengesetzte oder getrennte Schreibung zum Problem wird, soll grundsätzlich die Trennung Vorrang haben. Studien ergaben: Auch Profi-Schreibern nützt der scheinbar einfache Grundsatz kaum, daß bei übertragenem Wortgebrauch ("irreführen") zusammengeschrieben werde, bei bildlichkonkretem aber getrennt ("in die Irre führen"). »Eis laufen« und »Kopf stehen« - bislang verboten - sei schließlich genauso logisch wie »Ski laufen« und »Auto fahren«. Wenn sie auf ihrem Vorschlag sitzenblieben, meinen jedenfalls die Reformer, müßte weiterhin auch mancher Schüler sitzenbleiben, unverdientermaßen.

In der Zeichensetzung hat sich an den Vorschlägen von 1988 nichts geändert: Hauptsätze, zwischen denen »und« und »oder« steht, sollen nicht mehr durch ein Komma getrennt werden; das widerspreche »dem Sprachgefühl und dem Sprachgebrauch vieler, auch erfahrener Schreibender«. »Mutti fährt Motorrad und Vati wäscht ab« ist sowieso verständlich. In Zweifelsfällen allerdings wäre ein Komma zwischendrin nicht verkehrt - da sind die Vereinfacher großzügig. Ähnlich soll es dem aus der Schule berüchtigten »Infinitiv mit zu« ergehen: Komma nur im Notfall.

Bei Worttrennungen macht sich die Sprachgeschichte störend bemerkbar: Wenige wissen noch, daß Päd-ago-ge und Chir-urg aus dem Altgriechischen stammen. Auch die Faustregel, dem st tue das Trennen weh, sei, so die Reformer, historisch überholt. In Zukunft sollen rüs-tige Herren gern ihre Wes-te offenstehen lassen.

So weit, so unproblematisch: Gegen kaum eine dieser »Du-darfst«-Lockerungsübungen wird es erbitterte Proteste geben. Anders sieht es aus mit einem Vorschlag, den die Regel-Experten trotz ablehnender KMK-Haltung wieder in ihr Paket aufgenommen haben: die Kleinschreibung der Substantive, seit Jahren Reizthema der Reform-Debatte.

Neue Argumente gibt es zu dem Problem, über das schon die Brüder Grimm sich nicht einigen konnten, kaum: Wie eh und je erklären die Befürworter, *___daß niemand die unlogischen Sonderfälle wirklich bis ____ins letzte beherrsche - etwa »in bezug auf«, aber »mit ____Bezug auf«, »eines andern, aber auch Bessern belehren« ____-, *___daß Kleinschreibung für Schüler ein Segen wäre (so ____seien in Dänemark ____nach der Einführung 65 Prozent weniger Fehler ____registriert worden) und *___daß die deutschsprachigen Länder mit ihrer ____Großschreibung in Europa allein stehen.

Die Gegner des Kleindrucks, zahlreich besonders im schreibenden Gewerbe, erwidern ebenso regelmäßig, *___Großbuchstaben böten eine entscheidende ____Orientierungshilfe, das Lesetempo werde durch ____Kleinschreibung zwangsmäßig gesenkt, *___mit der Umstellung würde ein großes Stück ____Kulturtradition einem vermeintlichen Trend geopfert und *___Kleinschreibung führe häufig zu Mißverständnissen ____(Beispiele: »die schweizer, die den deutschen boden ____verkauften«, oder »helft den armen vögeln").

Schon hat der Deutsche Lehrerverband das neue Konzept der Problem-Entsorger heftig attackiert: Es sei ein »Kniefall vor denjenigen, die mit der Rechtschreibung auf Kriegsfuß stehen«. Dabei bieten Mentrup und Kollegen, seit dem Aufruhr von 1988 vorsichtig geworden, die geläufigen drei Varianten - Status quo, »modifizierte Großschreibung« (in der die ärgsten Fallstricke beseitigt sind) und »gemäßigte Kleinschreibung« - nur noch als Diskussionsbasis an.

Doch auch jenseits dieser Gefahrenzone liefert das Regelwerk noch allerlei Streitanlässe. So soll das ß, in der Schweiz seit Jahren ganz abgeschafft, zumindest bei kurzem Vokal auch hierzulande verschwinden, der Kuss am Fluss damit Normalfall werden - als reichte es nicht, beide Varianten zuzulassen.

Dazu enthält die Regel eine dicke Ausnahme: »daß« soll »das« werden, »insbesondere aus didaktischen Gründen«, wie die Sprachkundler vornehm den Schul-Horror umschreiben. Daß sich gegen diesen Versuch, einen echten Sinn-Unterschied in der Schreibung aufzuheben, Widerspruch regen wird, ist gewiß.

Verbindlich werden soll ferner, was ohnehin oft in die Feder fließt, weil es richtig zu sein scheint: »nummerieren« etwa - wegen »Nummer« -, »Packet« oder »Getto«. Wenn aber grundsätzlich gleich geschrieben werden soll, was nach gleicher Herkunft aussieht (Fachjargon: »Schemakonstanz"), führt das schnell ins Lächerliche. So wirkt das zweite t in »fitt« frevelhaft plaziert; grotesker noch sieht die Angleichung bei »Frefel« und »platzieren« aus.

Ungereimtheiten werden Kritiker jedenfalls leicht aufspüren, diesmal sogar zwangsläufig mehr als früher. Während etwa st trennbar wird, soll ck nicht mehr in k-k aufgelöst, sondern als -ck behandelt werden. Und nur Furcht vor neuen Nackenschlägen wird die Sprachexperten bewogen haben, daß sie bei der Fremdwort-Eingemeindung vom »Träner« absehen, aber weiterhin das »Dubel« verteidigen.

Daß die Kultusminister solche Inkonsequenzen billigen, ist unwahrscheinlich. Darum dürfte dieser verschämte Rest vom Neuerungseifer der siebziger Jahre kaum Chancen haben, jemals Lehrplan zu werden. Er belegt nur aufs neue, daß das gewaltige Knäuel ästhetischer, logischer und historischer Gründe für und gegen eine Rechtschreib-Reform offenbar kaum friedlich aufzulösen ist.

Trost mögen Rechtschreib-Geplagte bei Shakespeare finden: Schon der lamentierte einmal mit ironischem Unterton, er könne bestenfalls »alte Wörter neu einkleiden«.

* »Deutsche Rechtschreibung - Vorschläge zu ihrer Neuregelung«.Gunter Narr Verlag, Tübingen; 220 Seiten; 38 Mark.

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