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BERG-BRIEFE Kusserln vom Floh

aus DER SPIEGEL 4/1966

Viele, viele Handküsse meiner herrlichsten d-Moll-Symphonie« verteilte er im ersten Brief vom Frühjahr 1907; »tausend Kusserln vom Floh« versandte er im letzten vom Oktober 1935.

Auch in den dazwischenliegenden 28 Jahren schickte der Zwölfton-Revolutionär Alban Berg schriftliche Huldigungen und Myriaden von Brief-Küssen - an sein geliebtes »Pferscherl«, »Schwappel«, »Doppelgnom«, »Guterl«, »Swatopl«, »Goldfasan« und »Lebensbalsam«. Bergs Unterschriften: »Dein Buschi«, »Dein Posi«, »Dein Pipiherz«, »Dein Swipi«, »Dein Schribi«.

Adressatin dieser zahl- und umfangreichen Briefe war die »teuer Erkorene, teuer Errungene« Helene Berg, Ehefrau des Wiener-Schule-Komponisten, der neben Arnold Schönberg und Anton von Webern längst als Klassiker moderner Musik kanonisiert worden ist: Bergs Opern »Wozzeck« und »Lulu« gedeihen als Evergreens auf den internationalen Opernbühnen.

In dieser Saison, 30 Jahre nach Bergs Tod, gibt die Komponistenwitwe heraus, was sie einst von ihrem Alban empfing: Helene Berg, 80, edierte für den Münchner Langen-Müller-Verlag 569 Alban-Berg-»Briefe an seine Frau"*.

Sie ließ ausführliche Menü-Beschreibungen und Krankheits-Berichte drucken, Künstler-Klatsch, Familien-Querelen und die exaltierten Liebesbriefe eines ungeduldigen Verlobten. Denn Berg, 1885 geboren, anfangs k. u k. Beamter, danach Schönberg-Schüler, mußte vier Jahre lang um die Kaufmannstochter Helene werben, bevor Vater Nahowski den Musikanten als Schwiegersohn akzeptierte.

Berg berichtete in dieser Zeit seiner Helene, die in Wiener Chroniken als illegitimes Kind des Kaisers Franz Joseph I. und einer Blumenbinderin registriert ist, über sein Bronchialasthma - ein Doktor Sigmund Freud hatte ihn untersucht - und schimpfte über die Bayreuther Festspiele. Gequält von »der Angst, Dich zu verlieren«, flehte er: »O komm, Du teuerste Ärztin ... Hilfe!! Hilfe!! In dieser ärgsten Not!!!« 1911 durfte er die ausgebildete Opernsängerin Helene Nahowski heiraten.

Die Anerkennung als Musiker fand Berg erst als 40jähriger. Die Berliner Uraufführung seiner Oper »Wozzeck« im Dezember 1925 verhalf dem Komponisten endlich zu Ruhm und Geld: Auto-Fan Berg kaufte sich von den ersten »Wozzeck«-Tantiemen einen Ford. Zwar gab es bei der Premiere Gelächter und Schlägereien, doch der Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt rühmte die »seltsame Vollendung und Einmaligkeit dieses Werkes«.

Aber wenn Bergs geniale »Wozzeck«-Musik auch »geheimste Psychologien enthüllt« (Stuckenschmidt) - Bergs Briefe, zumindest die der Witwen-Edition, enthüllen wenig an Künstler-Psychologie. Sie zeigen einen biederen Bourgeois und hauptberuflichen Ehemann. Über die langwierige Arbeit an der Oper »Lulu« etwa, die Berg bei seinem Tod 1935 unvollendet hinterließ - er starb an den Folgen eines Abszesses -, geben sie keinerlei Aufschluß.

Dennoch verheißt Helene Berg in ihrem Vorwort: »Die Briefe Alban Bergs sind so, daß ich nichts hinzuzufügen brauche - sie sagen alles.«

Die Witwe fügte auch nicht hinzu, daß die gedruckten Briefe, mit vielerlei Auslassungspunkten, Verschlüsselungen und Kürzeln versehen, sehr viel weniger sagen als die Bergschen Handschriften, die sie, nach Jahrgängen gebündelt, in zwei Pappschachteln unter ihrem Bett verborgen hält.

Statt der Originale übergab sie dem Verlag eine Schreibmaschinen-Abschrift von etwa 700 eng betippten Blättern die 80jährige Herausgeberin hatte sie einer über 80jährigen schwerhörigen Schreibhilfe diktiert. Der Wiener Musikschriftsteller Franz Willnauer, 32, gegenwärtig Referent des Stuttgarter Theater-Intendanten Walter Erich Schäfer, besorgte die Redaktion.

Er redigierte dreieinhalb Jahre lang. Von den Originalen freilich bekam auch er nur wenige Exemplare zu sehen. Willnauer: »Ob sie gefälscht und die wichtigsten Briefe zurückgehalten hat, das weiß nur sie selbst.«

»Mein besonderes Bestreben«, so sagte Willnauer, »ging dahin, alle in den Briefabschriften enthaltenen Stellen von musikhistorischem oder kulturgeschichtlichem Interesse ... für den Druck zu sichern, wobei ich leider nicht immer das Verständnis und die Zustimmung der Herausgeberin fand.« Beispielsweise mußte Willnauer mit der Witwe »ringen«, um Bergs sanfte Klagen über Schönberg für den Druck zu retten.

Denn Frau Helene, die noch heute am Ford ihres Mannes alljährlich einmal die Reifen aufpumpen läßt und Bergs Zigarettenstummel aufbewahrt - geschätzte Besucher bekommen eine Berg-Kippe geschenkt -, wünschte sich, laut Willnauer, das »aseptische Bild« eines Alban Berg. Die Berg-Briefe sind ihr eine Berg-Predigt. Willnauer: »Im Streichen war sie hemmungslos.«

Helene Berg strich schließlich sogar Willnauers 40 Seiten Texterläuterung sowie eine »Vorbemerkung«, die über das merkwürdige Editionsprinzip Auskunft geben sollte. Redakteur Willnauer verlangte dafür die Streichung des Satzes »Für den Druck eingerichtet von Franz Willnauer.«

Doch auch damit war nicht genug gestrichen: Kaum war der Briefband auf dem Markt, da ließ die Herausgeberin durch ihren Rechtsanwalt Protest gegen ihr eigenes Buch einlegen. Grund: Helene Berg hatte erst nach Erscheinen des Buches die Korrekturfahnen zu Gesicht bekommen und deshalb auch keine letzten Striche anbringen können. Langen-Müller-Chef Joachim Schondorff: »Ein Versehen der Druckerei.«

Der Langen-Müller-Verlag hat inzwischen auf Verlangen der Witwe dreieinhalb Zeilen durch schwarzen Überdruck unleserlich machen lassen. Gegen sieben andere Briefstellen hat Frau Berg eine Einstweilige Verfügung beantragt.

Nicht nur der Verlag, auch Redakteur Willnauer soll büßen - wegen einer sachlich richtigen Anmerkung zu einem Brief, in dem sich Alban Berg über seinen Bruder Charly beschwert. Charlys Sohn, Erich Alban Berg, hat gegen Willnauer Klage wegen »Vergehens gegen die Sicherheit der Ehre« eingereicht.

Am 25. Januar muß sich Willnauer, der für dreieinhalb Jahre Mühsal mit 2000 Mark honoriert worden ist, vor dem Wiener Strafbezirksgericht Hernals rechtfertigen.

* Alban Berg: »Briefe an seine Frau«. Albert Langen / Georg Müller Verlag, München; 656 Seiten; 45 Mark.

Briefe-Redakteur Willnauer

Rechtfertigung vor dem Bezirksgericht

Ehepaar Berg (1911): Huldigung an den Doppelgnom

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