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KURZKRITIK Labyrinth der Obsessionen

Leo Perutz: »Wohin rollst du, Äpfelchen?« Paul Zsolnay Verlag; Wien; 272 Seiten; 32 Mark. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Was für ein Schriftsteller, der sowohl ein Massenpublikum als auch den Kritiker-Adel, von Walter Benjamin bis Kurt Tucholsky, zu begeistern wußte! Er vollbrachte das Wunder, die denkbar gegensätzlichsten Leser zu ein und demselben Urteil über seine Bücher hinzureißen: Nicht nur James-Bond-Schöpfer Ian Fleming, nein, auch der gestrenge Theodor W. Adorno nannte sie kurz und bündig: »Geniale Spannungsromane.«

Die Rede ist von dem 1884 in Prag geborenen Leo Perutz, der gleich mit seinem Erstlingswerk »Die dritte Kugel« 1915 zum Meister des historischen Romans aufstieg. Egon Erwin Kisch stellte ihn gar über Alexandre Dumas.

Und doch: Als Perutz 1957 starb, war seine literarische Existenz bereits wie ausgelöscht, vernichtet durch den Faschismus, vor dem der Wahl-Wiener Perutz 1938 nach Palästina geflohen war, wo er das Schicksal so vieler Exil-Autoren erlitt: Er geriet sehr schnell in Vergessenheit.

Um so bemerkenswerter und erfreulicher, daß Perutz' lang verschollenes OEuvre seit gut einem Jahrzehnt eine bescheidene Renaissance erfährt. Die jüngste Wiederveröffentlichung: sein abgründiger Thriller »Wohin rollst du, Äpfelchen?« (den Titel gab ein russisches Volkslied), einer der großen Bestseller der späten zwanziger Jahre. Als das Werk 1928 zuerst in der »Berliner Illustrirten Zeitung« erschien, stieg deren Auflage um 30000.

Es ist die Geschichte eines ehemaligen Leutnants, in die wohl auch autobiographische Erfahrungen eingegangen sind: Perutz nämlich war als Offizier im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden. Georg Vittorin ist Ende 1918 aus russischer Gefangenschaft nach Wien heimgekehrt, doch nirgends mehr zu Hause. Der Krieg ist verloren, die Donau-Monarchie zusammengebrochen und wie in panischer Flucht vor ihren Erinnerungen taumeln die Menschen zwischen hysterischer Vergnügungswut und gespenstischer Geschäftigkeit. Den Ex-Leutnant Vittorin aber läßt die Vergangenheit nicht los.

Er kann und will nicht vergessen: Nicht die Erniedrigungen, die er im Gefangenenlager durch Seljukow, den Kommandanten, erdulden mußte, und nicht den Schwur, den er getan hat - eines Tages wiederzukommen und seinen Peiniger zu töten.

Ein Mann und sein Rachefeldzug: Das ist der Stoff, aus dem Kolportageromane gemacht sind, die dramatischsten, und Perutz - Versicherungsmathematiker von Beruf und übrigens zeitweise bei derselben Gesellschaft wie Kafka angestellt -, Perutz kannte sämtliche Tricks des Genres. Aber eben noch einen entscheidenden mehr. Nämlich den, seine Geschichten mit erbarmungsloser Präzision bis zu dem Punkt zu führen, an dem alle rationalen und moralischen Sicherheiten zerfallen und die Spannung in Schrecken umschlägt.

Wild entschlossen, seinen Schwur zu halten, kehrt Vittorin nach Rußland zurück, mitten hinein in die Bürgerkriegswirren der Revolution. Doch je länger die Suche nach Seljukow dauert, desto stärker verfällt Vittorin dem Wahn, in seinem Todfeind den »bösen Geist einer entarteten Zeit« zu jagen. Und blind vor Haß wird er über Leichen gehen, um sich an Seljukow für die Schlechtigkeit der Welt zu rächen.

Getriebene, Desperados - Perutz' Helden leben wie in einem unaufhörlichen Alptraum gefangen. Kein Lichtstrahl einer Hoffnung, der ihnen einen Ausweg aus dem Labyrinth ihrer Obsessionen weisen könnte. So stürzen seine dunklen Abenteuerromane die vertrauten Erzählmuster ins Subversive und demonstrieren derart ganz nebenbei, daß die Grenzen zwischen E- und U-Literatur nur dazu da sind, überschritten zu werden.

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