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BÜCHER Lachen vor Angst

André Breton: »Anthologie des Schwarzen Humors«. Deutsch von Rudolf Wittkopf u. a.; Rogner & Bernhard; 560 Seiten; 30 Mark.
aus DER SPIEGEL 50/1971

Als sie 1940 zum erstenmal erschien, nur wenige Tage vor dem Fall von Paris und der französischen Kapitulation, hielt die Regierung Pétain die »Anthologie des Schwarzen Humors« für einen schlechten Scherz und reagierte humorlos: Das Buch, eine inzwischen in die Literaturgeschichte eingegangene Manifestation des Surrealismus, wurde verboten.

Ganz instinktlos war das Verbot freilich nicht; denn der Surrealismus wollte nie nur eine ästhetische Revolte sein, sondern zugleich menschliche Existenz und gesellschaftliche Strukturen verändern -- in den Manifesten Andre Bretons definierte er sich als revolutionäre Bewegung.

Breton war der Erfinder des Begriffs Schwarzer Humor. Er leitete ihn unter anderem aus Freuds Theorie des Witzes ab und illustrierte ihn am treffendsten mit jenen letzten Worten eines zum Tode Verurteilten, der an einem Montag zum Galgen geführt wird: »Na, diese Woche fängt gut an!«

Solche. Nähe des »schwarzen« Lachens zu Angst und Verzweiflung ist in fast allen Texten der Breton-Sammlung spürbar: von Swift über de Sade und Lichtenbergs »höheren philosophischen Blödsinn« bis zu Kafka und Jacques Prévert.

lind da sprechen auch die Biographien der meisten zitierten Autoren für sich: Kaum einer von ihnen ist sanft entschlafen« aber mancher ist im Irrenhaus gestorben, mancher hat sich totgesoffen oder sonstwie selber umgebracht.

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