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Martin Morlock über die Anthologie "Drei, vier: ein Witz!" LACHENDER ORLOG

Der Feuilletonist und Kabarettist Martin Morlock, 49, veröffentlichte in diesem Jahr gesammelte satirische Texte: »Regeln für Spielverderber«.
aus DER SPIEGEL 35/1967

Berufsstände, denen die gemeinnützige Pflicht obliegt, Lebewesen in Leichname zu metamorphosieren, haben ihre Besonderheiten: Jägern geht nichts über das Wohlbefinden des Wildes; Metzger können kein (eigenes) Blut sehen, und Soldaten, so weiß es der Sigbert Mohn Verlag, »leben instinktiv nach dem Motto: »Jeder Tag ist verloren, an dem man nicht mindestens einmal gelacht hat'«.

Vorzusorgen, daß die Anzahl verlorener Wehrdienst-Tage auch fürderhin begrenzt bleibe, macht sich jetzt ein Sammelwerk mit dem Titel »Drei, vier: ein Witz!« (Untertitel: »Soldaten-Humor von gestern und heute") zur Aufgabe.

Wie es zustande kam, ist bequem zu erahnen. Da klaffte noch irgendwo im Dickicht zeitgenössischer Lustigkeit eine Bedarfslücke. Da lockte der verlegerische Kalkül: Bundeswehr plus Bundeswehr-Reservisten plus Bundeswehr-Aspiranten plus Veteranen zweier Weltkriege ergeben, bei richtiger Zielansprache, eine stattliche Kundschaft. Und da fand sich ein Bearbeiter namens Heinz Görz, entschlossen, sämtliches Kommißhumorgut der Vorväter zu durchforschen.

Diesem Bearbeiter muß der Verleger, ehe er zum Sammeln blies, bedeutet haben, daß potentielle Käufer eines Soldatenwitzbuches, insonderheit ältere Kameraden, nicht eben Ausbünde an innerer Gelassenheit seien, ja, daß das Verlagsprojekt unter dem Rubrum »Heißes Eisen« nicht völlig fehlplaciert wäre. Und der Sammler, ein gedienter Mann sicherlich, nahm alsbald und für die Dauer des Unternehmens jene halbstramme Kasino-Offiziers-Haltung an, die dem Frohsinn Raum läßt, ohne der Botmäßigkeit Abbruch zu tun.

So beginnen Scherze, denen höhere oder gar höchste Dienstgrade als Zielscheibe dienen, mit: »Unser alter Oberst, ein gemütliches Haus«, oder »Der ebenso leutselige wie gestrenge General«. Und wird, biederherziger Pointe wegen, eine »alte Gräfin H.« in die Lustbarkeit einbezogen, gleich erklingt der Damen-Toast: »Während des Zweiten Weltkrieges haben die Frauen viel für die Soldaten getan und zugepackt, wo immer sie konnten.«

Weniger Ehrerbietung, versteht sich, bedarf der gemeine Mann. Ist er nur schlichten Gemüts, heißt er »Wotrascheck« oder »Infanterist Habakuk«. Gesellt sich zum niederen Rang geringer Wehrwille, werden die Witzfiguren mit bezeichnenden Zunamen wie »Polenski«, »Soldat Memme« oder »Trübtasse junior« gebrandmarkt.

Da das Gesammelte von der soldatischen Gegenwart bis in ferne Landsknechtszeiten zurückweist, glaubten jene, die »dieses Buch schufen«, ihren Abnehmern auch historische Instruktionen schuldig zu sein.

Eine Galions-Redefigur des »Papa Heuss« ("Nun siegt mal schön!") an den Bug genietet, umschifften sie das militärische Präsens ("Die jungen Männer ... marschieren und singen wieder, düngen die Erde mit ihrem Schweiß") und durchsegelten behende das Imperfekt: »Die Mobilmachung im August 1914«, so erfährt der Lachlustige, bevor die Anthologie sich possierlicher Vorvergangenheit (Hans Sachs, Kleist, Hebel) zuwendet, »riß das deutsche Volk aus seinem glückhaften Traum vom immerwährenden Frieden Aber mitten im Kämpfen, Leiden und Sterben blieb er erhalten, der unverwüstliche Soldatenhumor.«

Etwa dergestalt: »Wir hockten im Unterstand, den wir »Hotel Petersburg' genannt hatten. In der Nähe schlug eine schwere Granate ein und brachte alles zum Zittern, einige Balken brachen. Bleich sahen wir uns an, da sagte einer: »Herr Ober, das Beschwerdebuch!' Und alle lachten wieder.« (Überschrift: »Schlagfertig«.)

Auf Seite 207 angekommen, weiß der langmütige Leser: Mag der Krieg, hier zum Nutzen aller Kreuzworträtselfreunde »Orlog« genannt, noch so vieler Dinge Vater sein -- Alimente für den Humor wird ihm nach der Lektüre dieser Kollektion kein Amtsgericht der Welt abverlangen wollen.

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