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KULTURPOLITIK Ladenschluß im Kunstlabor

Ob Frankfurt, Köln oder Bochum - das einst stolze Amt des Kulturdezernenten verkommt zum ungeliebten Restposten. Im politischen Zangengriff von Finanznot und Globalisierungslogik droht die Kultur ins gesellschaftliche Abseits zu geraten.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 25/1998

Stellen Sie sich eine Stadt vor«, so bat die »International Herald Tribune« Anfang Juni ihre Leser auf drei langen Spalten um Aufmerksamkeit, »in der weltberühmte Architekten großartige Museen bauen, eine Stadt, die Millionen für die Restaurierung von Konzerthallen und Theatern ausgibt und Künstler aller Welt einlädt.« »Und jetzt«, so fährt das angesehene Blatt fort, »stellen Sie sich eine Stadt vor, die kein Geld für die Kunst hat, in der Museen gepfefferten Eintritt verlangen, Performance-Künstler nicht mehr arbeiten wollen und die Oper nur eine Handvoll mal im Monat spielt: Die erste Stadt ist Frankfurt am Main vor zehn Jahren, die zweite: Frankfurt heute.«

Das Drama findet vor aller Augen statt. Deutschlands internationaler Finanzplatz Nummer eins, Sitz der Europäischen Zentralbank, einst mit dem prozentual größten Kulturetat der Republik gesegnet - 500 Millionen Mark pro Jahr -, bietet das Schauspiel eines exemplarischen Niedergangs von der bestaunten »Kulturmetropole« zum Krähwinkel eines unendlichen Provinzgezerres (SPIEGEL 43/1996). Im zynischen Genießerton urteilt die »FAZ": »Kulturpolitisch gibt es keinen prächtigeren Kriegsschauplatz als Frankfurt.«

Vorläufig letzter Höhepunkt der quälenden Kabalen ist die bevorstehende Abwahl der seit 1990 unglückselig sich durchwurstelnden Kulturdezernentin Linda Reisch durch ihre eigene Partei, die SPD. Angesichts des einmaligen Vorgangs schlug die Sportdezernentin Sylvia Schenk dieser Tage ernsthaft vor, den Magistrat im Frankfurter Römer psychologisch betreuen zu lassen.

Doch Frankfurt ist - fast - überall: Die Visionen des urbanen Luxus, der Kunst und der Moden sind dem grauen, oft ideenlosen Sparzwang zum Opfer gefallen. Der ganzen Branche droht der Absturz in die Zweitklassigkeit. Was einst als repräsentativ glitzernder, aber auch geistvoll kritischer Standortfaktor galt, wird nun zum haushaltspolitischen Negativposten, der von der Unternehmensberatung McKinsey nach Rationalisierungspotentialen durchforstet wird wie eine Fischmehlfabrik.

Urbanität und Weltläufigkeit geraten auf die betriebswirtschaftliche Checkliste, und das ehedem stolze Amt für die Künste verliert rapide an Bedeutung.

Im Februar trat die Kölner Kulturdezernentin Kathinka Dittrich van Weringh von ihrem Amt zurück, weil sie dem Skelett ihres Kulturetats keine weitere Hungerdiät verordnen wollte. Den Vertrag der - unbestritten kompetenten - Bochumer Kulturdezernentin Ute Canaris lassen die Stadtväter Ende August auslaufen, um einen Nachfolger mit ausgewiesenen Managementkenntnissen der »Kulturwirtschaft«, was immer das sei, bestallen zu können; unter den bisher 50 Bewerbern konnte bisher allerdings niemand dem windschnittigen Anspruchsprofil gerecht werden.

In Freiburg hat schon vor einiger Zeit Oberbürgermeister Rolf Böhme (SPD) das schöngeistige Amt preisgünstig gleich mit übernommen. Noch sparsamer ging man im schönen Recklinghausen vor, wo der Stadtdirektor den Kulturjob nebenbei erledigt. In Duisburg ist der Kulturdezernent auch noch für angrenzende Bereiche wie Jugend, Schule und Sport zuständig - ganz im Sinne der verschlankten nordrheinwestfälischen Landesregierung, in der nun eine »Ministerin für Arbeit, Soziales, Stadtentwicklung, Kultur und Sport« ihres schier unübersehbaren Amtes waltet.

Die in den achtziger Jahren noch mächtige, weil trendbestimmende Position des Kulturdezernenten ist zum kommunalen Restposten geworden. Finanzkrise und gesellschaftlicher Wandel seit der Wiedervereinigung von 1990, Sozialstaatsdebatte und Globalisierungsdruck bewirken eine Art Zangenangriff auf die Kultur. »Arbeit, Arbeit, Arbeit!« heißt landauf landab die Parole, Privatisierung, Flexibilisierung, Rationalisierung - und über allem schwebt die Idee vom schlanken Staat, topfit für den globalen Wettbewerb.

Die postmoderne, dem klassisch modernen Industriezeitalter vermeintlich entwachsene »postmaterielle« Gesellschaft hat sich fast unmerklich in eine ganz und gar materielle Arbeits- und Konsumgesellschaft zurückverwandelt.

Selbst Berlins naßforscher Kultursenator Peter Radunski (CDU), nicht gerade ein weltentrückter Anbeter der Musen und auch in großen Haushaltsnöten, warnte in der amerikanischen Universität von Harvard jüngst vor der Bedrohung des »Kulturstaats durch den Wirtschaftsstaat«.

Im Konfliktfall - das heißt in der direkten Konkurrenz mit Wirtschaftsförderung, Flughafenerweiterung und Stadtentwässerung - offenbart sich die prekäre Situation des kulturellen Überbaus: »Jetzt zeigt sich, daß die Politik nie wirklich hinter uns stand«, sagt die scheidende Bochumer Dezernentin Canaris und beklagt zugleich den Stil, mit dem derzeit das Terrain planiert wird. »Mit einem Baudezernenten würde man so nicht umspringen.«

Denn der verfügt im Regelfall über eine starke Lobby. Die Kulturdezernenten dagegen haben es vor allem mit Bittstellern, Traumtänzern und Schwarmgeistern zu tun, mit geldverschlingenden Opernhäusern und projektverliebten Strippenziehern aus der Subkultur, egozentrischen Galeristen und monomanischen Theaterintendanten.

Die Sphäre, in der Kunst produziert, Diskussionen angezettelt und zunächst vage Ideen verwirklicht werden, ist a priori weniger handgreiflich als die vierte Tunnelröhre unter der Elbe und die nächste Stufe der Gesundheitsreform. Immer wieder geht es um Sinn und Unsinn des Lebens, um intellektuelle Mindestorientierung im allgemeinen Chaos, um Selbstvergewisserung und die stets überraschende Wiederkehr des Wahnsinns.

Die ritualisierten Appelle an Moral und Gemeinsinn markieren exakt jene Leerstelle, die vor allem die kulturellen Leistungsträger der Gesellschaft herausfordert. Gerade in Zeiten, da die Politik ihre Gestaltungssouveränität und Glaubwürdigkeit zu verlieren droht, weil sie der Komplexität der »globalisierten« Welt gar nicht mehr Herr werden kann, braucht es öffentliche Orte der Selbstverständigung jenseits des unmittelbaren ökonomischen Zwangs - Distanz, Provokation, Phantasie, Ironie, Kritik. Und es braucht Menschen, die überhaupt noch in der Lage sind, über ihre eigene Gesellschaft nachzudenken.

Kultur benötigt Freiräume, um sich entfalten zu können - und doch legitimiert dies keineswegs muntere Verantwortungslosigkeit in Tateinheit mit mutwilligem Schwachsinn. Denn das ist die andere Seite: Wenn etwa Theaterregisseure dumme Polemiken gegen die böse »Macht des Geldes« und den »Terror der Ökonomie« vom Stapel lassen - bei gleichzeitig exorbitantem Finanzbedarf ihrer bühnenreifen Fundamentalkritik -, dann repräsentieren sie nicht unbedingt die ästhetische Avantgarde. Viel eher offenbaren sie bequeme Ressentiments, mit denen sich staatlich alimentierte Kulturschaffende lebenslänglich auf das moralisch Gute und ganz Andere abonnieren wie auf ihren Tagesbedarf an Bordeaux Grand Cru Classé.

Auch in Frankfurt schwurbelte Ende der goldenen achtziger Jahre eine adornitisch angehauchte Kulturschickeria gern politisch korrekte Nullweisheiten aufs Grundsatzpapier. In der Magistratsvorlage für die geplante, doch gottlob nie realisierte »Akademie der Künste« hieß es zum Beispiel: »Gerade der Eigensinn des Ästhetischen kann als Korrektiv konkurrierender Geltungsansprüche fungieren und so die dialektischen Beziehungen von Geschichte, Gegenwart und Zukunft je spezifisch thematisieren.«

Frisch inthronisiert, fabulierte Dezernentin Linda Reisch im Vereinigungsjahr 1990 von der »Stadt als Experimentierlabor«, Ort der »Osmose zwischen gesellschaftlichen Gruppen«, kurz: von einer »erhofften Totalität des gelungenen Lebens«. Doch aus der Losung »Kultur für alle«, die Reisch-Vorgänger Hilmar Hoffmann geprägt hatte, wurde Kultur für alles mögliche, am Ende nur noch für dies und das.

Unterdessen schrumpfte der Etat um 100 Millionen Mark, und die hochgerühmte »Streitkultur«, modischer Begriff für politische Auseinandersetzungen ohne körperliche Gewaltanwendung, degenerierte zum Hahnenkampf um Pöstchen und Moneten, »Strukturmodelle« und Zuständigkeiten. Persönlichkeiten von internationalem Ruf wie Ausstellungsmacher Christoph Vitali und Opernchef Sylvain Cambreling verließen die Stadt im Groll.

Gleich zweimal wurde der überforderten Kulturdezernentin die Kompetenz für die Städtischen Bühnen entzogen. Jetzt stolperte sie endgültig über ihre letzte Dummheit, eine rechtswidrige Zusage, die Stadt werde die persönlichen Anwaltskosten klagender Opern- und Schauspielintendanten übernehmen - letzterer mit einem Jahresverdienst von mehr als 400 000 Mark einer der bestbezahlten Theaterchefs im deutschsprachigen Raum.

Die hochfliegenden Visionen endeten als Scherbenhaufen. »Der oder die Neue muß erst mal ein dreiviertel Jahr den Laden aufräumen«, prophezeit die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Ann Anders. Doch wer will das schon tun - für gerade mal 14 000 brutto im Monat? Und wer ist bereit, unter diesen Umständen einen Neuanfang zu wagen? Trotz der umtriebigen Beratertätigkeit des alten Kulturzampanos Hilmar Hoffmann gab es auf alle inoffiziellen Anfragen bislang nur Absagen: Der Frankfurter SPD-Sumpf ist republikweit berüchtigt.

Wunschkandidat Christoph Vitali (siehe Interview) ist als Schweizer und Nicht-EU-Bürger staatsrechtlich verhindert. Ein anderer denkbarer Kandidat nennt die lokalen Sozialdemokraten »einen Drecksladen« - seit 1989 hat die famose Partei unter anderen zwei SPD-Oberbürgermeister, Hauff und von Schoeler, aus dem Amt getrieben.

Doch jenseits aller lokalen Absonderlichkeiten - die Malaise zieht sich quer durch die Republik. Julian Nida-Rümelin, 43, Ordinarius für Philosophie, der am 2. Juli das Amt des Münchner Kulturreferenten antritt, formuliert die entscheidende Frage: »Wie kann diese Gesellschaft sich überhaupt noch verständigen?« und antwortet gleich selbst: »Ich glaube, daß gerade in den nächsten Jahren, trotz der finanziell schwierigen Situation, die Kulturpolitik zur Schlüsselpolitik wird. Es geht um geistige Impulse, weniger um Geld.« Könnten diese Impulse womöglich auch von der Berufung eines Bundeskulturministers kommen, wie Vitali zu bedenken gibt? Am Ende wird alles davon abhängen, wieviel den Bürgern dieser Republik die Künste wert sind - was sie dafür tun und was sie bezahlen wollen. Noch hat die Provinz nicht gewonnen.

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