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KUNST / RAUSCHENBERG Lärm im Spiegel

aus DER SPIEGEL 19/1968

Er war der meistkopierte Maler seit Picasso und holte als erster den Großen Malerei-Preis der Biennale von Venedig nach Amerika. Nun jedoch mag Pop-Vater Robert Rauschenberg, 42, nicht mehr »an dem Kunstlaken herumkauen, das uns die Historiker gewebt haben« -- er gab das Malen auf, und 150 angefangene Bilder ließ er jüngst verbrennen.

Der Brand war das Fanal zu neuen Kunst-Versuchen: Künftig will Rauschenberg statt starrer Bilder nur noch »Live«-Kunst machen, bei der das Publikum »eine aktive Rolle spielt«.

Zur Aktivierung des Publikums nutzt Rauschenberg die moderne Technik -- nach vorbereitenden Experimenten mit Mikrophonen, Photozellen, Computern und Infrarotstrahlern, für die er letzten Herbst in New York mit Ingenieuren eine eigene Versuchsanstalt gegründet hatte, bewegt er erstmals auch deutsche Ausstellungsbesucher:

In einer Rauschenberg-Retrospektive, die gegenwärtig im Kölner Kunstverein gezeigt wird, inmitten großformatiger Collagen, Montagen und Gemälde aus früheren Epochen des Künstlers, reagieren die Zuschauer auf das jüngste Rauschenberg-Werk mit ausgelassenem Radau.

Sie singen, pfeifen, jodeln, kreischen und husten vor einer elf Meter breiten Spiegelwand und werden so ein Teil des »Soundings« (Geräusche) genannten Werks.

Bei Lärm nämlich wird die Glasfläche transparent und zeigt im Flackerlicht elektronisch gesteuerter Scheinwerfer statt der Betrachter nun eine Ansammlung von Stühlen -- um so deutlicher, je lauter die Leute rumoren.

Den Sinn des Spektakels lehrt Rauschenbergs Ästhetik: »Der Zuschauer selbst«, so reflektierte der Kunst-Ingenieur, »ist verantwortlich für das, was er zu sehen bekommt. Fragt er nichts, so bekommt er nichts. So sollte es auch im Leben sein.«

So war es zumindest auch In Rauschenbergs eigenem Leben. Der gebürtige Texaner, der ursprünglich Prediger werden wollte, arbeitete als Pressezeichner, Photograph und Schaufenster-Dekorateur und ging dann beim exilierten Bauhaus-Meister Josef Albers in die Maler-Lehre.

Unter Albers-Einfluß bemalte Rauschenberg große Leinwände einheitlich weiß oder schwarz und behauptete: »Eine Leinwand ist niemals leer.« Außerdem füllte er Erde in Kästen, wartete, bis darin Unkraut wuchs, und stellte die Naturprodukte als »Dirt Paintings« (Dreck-Bilder) aus. »Kunst ist«, merkte er dabei, »was aus den Dingen wird, wenn man sie benutzt.« Zur Kunst benutzte Rauschenberg, dem neuen Kredo treu, auch die Kunst eines schon berühmten Kollegen: 1953 tilgte er eine Zeichnung des abstrakten Expressionisten Willern de Koonmg mit dem Radiergummi, signierte das Blatt und stellte es als »Ausradierten de Koonmg« zur Schau.

Kunst-Gegenstände erkannte Rauschenberg ferner in rostigen Sprungfedern, Zeitungsphotos, Comic strips und alten Hüten, in ausgestopften Tieren wie Adlern, Papageien, Hühnern und einer Ziege, in Reklame- und Verkehrsschildern sowie seinem eigenen Bett. Er nutzte diese Dinge zu Material-Collagen ("Combines"), die er mit Farbflächen in der Art des abstrakten Expressionismus belebte. So fügte er einen Holzbalken, ein Kapitell und ein Taschentuch mit einem Feuerwehrschlauch zum Bild der »Wall Street«. »Ein Bild wirkt wirklicher«, so kommentierte er die akkurat komponierten Werke, »wenn es aus Teilen der wirklichen Welt gemacht ist.«

Zu ähnlicher Erkenntnis waren vor Rauschenberg schon die Dadaisten Marcel Duchamp und Kurt Schwitters durchgedrungen. Sie hatten Alltagsobjekte -- so einen Flaschentrockner -- als »Ready mades« auf den Sockel gehoben oder Klebebilder aus Holzresten« Gitterdraht und alten Fahrscheinen als »Anti-Kunst« proklamiert.

Doch anders als die Dada-Väter hatte Rauschenberg mit seinen Kombinationen (und auch mit der Manipulation am De-Kooning-Werk) keinen Protest gegen die Umwelt oder die ältere Malerei im Sinn. Mit den heute als klassisch geltenden und hochgeschätzten (Handelswert: um 100 000 Mark) Material-Kunstwerken wollte der Maler vielmehr »in der Lücke zwischen Kunst und Leben« neutral »wie ein Reporter« arbeiten.

Die assoziationsmächtigen Bildreportagen lösten dennoch eine Kunstrevolte aus -- die Entstehung der Pop Art. Denn Rauschenbergs reale Bildzutaten hatten den Künstlern die Brauchbarkeit der Alltagsutensilien von neuem bewiesen. Gegenstände aus der modernen Konsum- und Reklameweit werden seither zu Werken von plakativer Direktheit montiert und collagiert.

Doch der wichtigste Vorläufer des neuen Kunst-Trends wurde selbst kein Pop-Artist -- einer Serie von subtilen Zeichnungen zu Dantes »Inferno« ließ er differenzierte Bilder in Großformat folgen, auf denen Gemälde von Rubens und Velazquez, Photos von Fallschirmspringern, Hubschraubern, Baseball-Spielern und dem Präsidenten Kennedy im Siebdruck-Verfahren zitiert und konfrontiert waren. Dann wich er auf die Nachbar-Künste aus.

So entwarf er Bühnenbilder und Kostüme für den avantgardistischen Ballett-Meister Merce Cunningham in New York und diente dessen Ensemble während einer Welttournee als Beleuchter. Im ersten Happening des Komponisten John Cage (SPIEGEL 6/ 1968) versorgte der Maler ein altes Grammophon.

In seinem Atelier, einem früheren Kloster, versucht sich Rauschenberg gleichfalls an immer neuen Disziplinen -- an experimentellen Theaterspielen und der Verbindung von Kunst und Technik. »Sobald alles anfängt, einem leichtzufallen«, motiviert er den stetigen Wandel, »muß man sich ändern.«

Verändert erschien der Künstler, der einst mit 15 Cent einen Tag lang darben mußte, auch zur Kölner Ausstellungs-Eröffnung: Modisch gelockt und in schneeweißem Mao-Drei), signierte er Dollar-Scheine und verschenkte sie an Studenten.

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