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LENZ Lahmer Aufstieg

aus DER SPIEGEL 39/1964

Das Gesicht«, das erstmals vergangenen Freitag im Deutschen Schauspielhaus Hamburg zu sehen war, trug die unverkennbaren Züge eines echten und kaum veränderten Siegfried Lenz, 38.

Von den Tyrannen und Widerstandskämpfern, den Gerechten und Verrätern seines - nun auch verfilmten - Erfolgsdramas »Zeit der Schuldlosen« (21 deutsche, zwölf ausländische Bühnen) und seines Romans »Stadtgespräch« (16. Tausend) hat der Autor aus Masuren noch immer nicht lassen mögen: Auch sein neues Stück, eine »Komödie«, soll nach Lenzens Willen und nach existentialistischer Manier »Proben für die Standfestigkeit« in »extremer Lage« vor Augen führen.

Diesmal allerdings - und das ist neu - erprobt kein von Jean-Paul Sartre und Albert Camus inspiriertes Kollektiv von Inhaftierten seine Standfestigkeit. Diesmal stellt Lenz einen einzelnen auf die Probe in »extremer Lage«, und dieser Bühnenheld Bruno Deutz hat mindestens dreierlei mit Charlie Chaplins gutem Filmhelden im »Großen Diktator« gemeinsam: Er wirkt komisch, er ist Friseur, und er ist außerdem das genaue Ebenbild seines Tyrannen - so wenigstens verlangt es Siegfried Lenzens Textbuch.

Und weil er seinem Zwingherrn derart zwillingsbrüderlich ähnelt, wird dem biederen Friseurmeister und resignierten Ex-Revolutionär Bruno eine besonders fragwürdige Ehrung zuteil: Er muß dem autoritär herrschenden Präsidenten, der ständig einen Anschlag auf sein Leben zu fürchten hat, bei einer Parade als Double dienen und darf schließlich sogar zum Landesvater avancieren.

Der elegant-böse Staatschef nämlich ist regierungsmüde und läßt sich nach einem fingierten Attentat als toter Bruno von der Bühne tragen; der lebendige Bruno hingegen wird, ob er mag oder nicht, von aller Welt (einschließlich der Präsidentenmutter) als echter Präsident honoriert.

Es nützt ihm auch nichts, daß der Herrscher wider Willen aus dem Regierungspalais flieht und Asyl im heimischen Friseurladen sucht: Von seinen Freunden aus der Revolutionszeit wird er ebenso verkannt wie von seiner lieblosen Ehefrau Hanna. Bruno beschließt: »Wenn ihr mich nicht liebt, dann sollt ihr mich fürchten.« Der aufhaltsame Aufstieg des Friseurs Bruno Deutz vom Biedermann zum begabten Diktator beginnt.

Unter dem Regiment Brunos, der endlich seinem bislang unerkannten. Willen zur Macht freien Lauf lassen darf, wird nun nicht nur sein leibhaftiger Vater Heribert, ein versoffener Seemann, der ein Präsidentendenkmal schändete, mitleidlos verbannt; unter seiner Herrschaft werden auch zielstrebig kleine Tyrannen gezüchtet: Jeder darf gegen jeden ermitteln und ihn verhaften, jeder darf über jeden richten. Bruno, tyrannischer als der wahre Tyrann: »Ich werde eure geheimste Begabung fördern: die Tyrannenbegabung.«

Freilich bleibt dem begabten Machthaber, der sich als Bürger unterwürfig und als Herrscher maßlos gibt, nur wenig Zeit, diese Umerziehung zu fördern: Der echte Präsident kehrt zurück und fordert seinen Platz, und sosehr sich Bruno auch weigert und sträubt - er muß zurücktreten, wird für seine Verdienste mit dem Großen Schulterband mit Stern ausgezeichnet und bleibt nur als gefährdetes Präsidenten-Double auf - möglicherweise recht kurze - Lebenszeit engagiert.

Letzte Worte des wirklichen Präsidenten an seinen Sekretär: »Oppermann! Es gibt einen Orthopäden, der mir von Tag zu Tag ähnlicher werden soll. Machen Sie ihn ausfindig. Ich möchte ihn mir ansehen.«

Siegfried Lenz, der für seine »Zeit der Schuldlosen« - einen der größten deutschen Theatererfolge der letzten Jahre - den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen und den Gerhart -Hauptmann-Preis der Freien Volksbühne Berlin erhielt, hat sein symbolträchtiges »Gesicht« so dilettantisch wie nur möglich gezeichnet. Seine Komödie ist ohne komödiantischen Witz, seine Figuren sind schwerfällig, seine Gags halbgar, seine langatmigen Dialoge voller plakativer Phrasen, primitiv und lahm.

Lahmer und unfreiwillig komischer noch als das Textbuch, das in Hamburg am Tag der Uraufführung ausgeliefert wurde**, wirkte die Inszenierung des Brecht-Schülers und vielbeschäftigten Fernseh- und Opern-Regisseurs Egon Monk, der auch noch Lenzens kleinste Komödien-Keime nach Kräften desinfizierte.

Zwar machten Joseph Offenbach als betrunkener Matrosenveteran, Ehmi Bessel als Präsidentenmutter und vor allem Heinz Reincke als glaubhaft tobsüchtiges Hitler-Double Bruno (das seinem angeblichen Diktator vom Typ eines gemütlichen Zuhälters allenfalls im Haarschnitt ähnlich sah) passables Theater. Im übrigen jedoch schien Siegfried Lenzens verlorenes »Gesicht« in Oscar Fritz Schuhs Hamburger Schauspielhaus von einer lustlosen Laientruppe dargeboten.

** Siegfried Lenz: Das Gesicht«. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 96 Seiten; 5,88 Mark.

Dramatiker Lenz

Der große Diktator ...

... war ein Friseur: Lenz-Uraufführung »Das Gesicht« in Hamburg*

* Werner Dahms als Präsident, Heinz Reineke als Bruno Deutz.

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