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FILM Landei und Klapperschlange

Härtetest für eine Frauenfreundschaft: Mike Leighs neue Komödie »Karriere Girls«.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 32/1997

Distanz wächst rasch. Nur für sechs Jahre hat Hannah ihre Freundin Annie, die ihr damals, in studentischen Wohngemeinschaftszeiten, am nächsten war, aus den Augen verloren - doch nun, da sie die Gefährtin aus dem provinziellen Wakefield zu einem Wiedersehens-Wochenende in ihre Wohnung nach London eingeladen hat, wird ihr bang. Und Annie, während sie gedankenverloren in der Bahn nach London sitzt, empfindet genauso. Gemeinsame Vergangenheit hat nicht nur ihre Heimlichkeiten, auch ihre Unheimlichkeiten.

Dann ist Annie da, schaut sich um, und schon steht die Frage im Raum: Tee oder Kaffee? Einfacher und umstandsloser kann man eine Geschichte kaum eröffnen: Der Ort ist gegeben, ein Haus mit seinen Bewohnern zum Beispiel, und alles beginnt damit, daß eine neue Figur diesen Schauplatz betritt. Nichts wird je wieder wie vorher sein. So umstandslos hat Mike Leigh seine Filme schon öfter begonnen, »Life is Sweet« etwa oder »Naked": Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt, einmal die Haustür aufgemacht, einmal das Unbekannte eingelassen, und unser Leben nimmt für immer eine andere Bahn.

In »Career Girls« nun wird dieser Wende-Augenblick, weil die Wiederbegegnung ja eine Wiederholung ist, eigentümlich durch eine Serie von Rückblenden verdoppelt: Hannah (Katrin Cartlidge) macht die Tür auf, Annie (Lynda Steadman) tritt ein, doch das geschieht damals, vor acht oder neun Jahren, als sie einander zuerst begegneten - und schon fächert die simple Wochenend-Geschichte sich in Möglichkeitsformen und Spielarten der gegenseitigen Wahrnehmung auf.

Damals war die Städterin Hannah dürr und bissig wie eine Klapperschlange, das Landei Annie hingegen füllig und von psychosomatischen Ausschlägen so entstellt, als hätte sie mit einem Reibeisen Tango getanzt, und doch haben sie geduldig den Fettsack Ricky (Mark Benton) bemuttert, der als parasitischer Dritter ihre Gemeinschaft komplettierte: auch dies ein Stück banaler Lebenswirklichkeit, die im Kino in aller Regel nie vorkommt.

Wenn sie heute daran zurückdenken: Waren sie nicht eigentlich zwei aus quälender innerer Unsicherheit unverträgliche Zippen? Sind sie einander nicht furchtbar auf den Wecker gegangen? Und dann komischerweise doch die dicksten Freundinnen geworden, die sich auch mal ohne großes Geschrei einen Kerl teilten, weil das eben so kam?

Als der Überraschungserfolg von »Lügen und Geheimnisse« mit der Goldenen Palme von Cannes letztes Jahr und dann auch noch fünf Oscar-Nominierungen dem britischen Filmemacher Mike Leigh eine Art von Prominenz bescherte, der sein sprödes, dem Herzschlag nachlauschendes Alltagskino gar nicht gewachsen war, hatte er diesen Film »Career Girls« gerade schon abgedreht. So kam die Frage, ob er in Zukunft vielleicht anderen, glamouröseren Ansprüchen als nur den allereigensten gerecht werden müsse, gar nicht erst auf den Tisch.

Dem sich verästelnden Gesellschaftspanorama »Lügen und Geheimnisse« folgt mit »Career Girls« eine Zwei-Personen-Geschichte, die ganz nach innen geht. Das ist in keiner Sekunde bombastisches Kino, auch die Kamera tut nicht so, als könnten exzentrische Blickwinkel die Art von leiser, ungeschönter Wahrheitsfindung fördern, um die allein es allen Beteiligten geht. Da gibt es nur einfach im Zuschauen zu entdecken, wie sich damals zwischen zwei ziemlich verklemmten Mädchen Vertrautheit entwickelt hat, und wie nun heute zwei junge Frauen um die Dreißig im Gang eines Wochenendes die Melodien, Resonanzen, Refrains ihrer Komplizität wiederfinden.

Hannah und Annie, so schön, so gut, haben durch den Streß und Schliff des tagtäglichen Überlebens Selbstgewißheit gewonnen. »Career Girls« im Sinn des ironischen Filmtitels sind sie beide nicht wirklich geworden (aber ein ernsthafter Job ist in so lausigen Zeiten ja eine Menge wert), und der Traummann, an den sie ohnehin nie wirklich geglaubt haben, erwies sich Mal um Mal bei genauerem Hinschauen als Filou. Nicht daß sie nun wieder zusammenziehen möchten - doch gemeinsam zum Spaß ein paar Traumwohnungen zu besichtigen, bringt Überraschungen, und natürlich kann dieses Weekend der Erinnerungen ohne Rückkehr an den Schauplatz von damals kein Ende finden.

Mike Leigh, da er seine Filmplots ohne vorgefaßtes Konzept aus gemeinsamer Improvisation entstehen läßt und also alle Verantwortung für ihre Figuren an die Darsteller abtritt, versucht nach Möglichkeit, nie in deren Lebensläufe hineinzupfuschen. Doch er hat, kein Wunder, einen um so infameren Spaß an dem, was man Ironie des Schicksals nennt, und so legt er auch seinen beiden Karriere-Hühnern einen wunderbaren letzten Stolperstein der Selbsterkenntnis in den Weg, bevor sie wieder abschwirren, jede in ihr Leben zurück.

Urs Jenny

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