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KUNST / MANZONI Lange Linie

aus DER SPIEGEL 53/1969

Im Sommer 1962 hob ein kleiner, dicker Italiener den Erdball aufs Podest. Piero Manzoni, 29jähriger Adelssproß aus Mailand, lud in einem dänischen Park einen eisernen Kubus ab, auf dem zu lesen war: »Sockel der Welt«. Die Inschrift steht seither, sinngemäß, auf dem Kopf.

Mit seinem Sockel-Bau war dem Künstler, der ein Jahr später an einer Lebererkrankung starb, eine der sinnfäHigsten Gebärden moderner Kunst geglückt -- er hatte den ganzen Globus feierlich zum Kunstwerk erhöht.

Gesten von solcher Art waren das höchste Ziel des Frühverstorbenen und seine folgenreichste Hinterlassenschaft. Manzoni, stets bemüht, den Unterschied von Kunst und Wirklichkeit zu überwinden, wird heute als Prophet der allerjüngsten Avantgarde verehrt. Objekt-Kunst, Land-Kunst und Konzept-Kunst sind in seinen Arbeiten vorweggenommen.

Die demnach fällige Ahnen-Ehrung wird derzeit im Städtischen Museum der Fußball-Stadt Mönchengladbach absolviert. Des Hauses progressiver Herr Johannes Cladders ("Publik": »Gäbe es eine Kunstbundesliga, Cladders stünde an der Tabellenspitze") hat sich, nach seinem Kollegen im niederländischen Eindhoven, die erste Manzoni-Retrospektive gesichert.

In der Ausstellung, versteht sich, gibt es mehr nachzudenken als anzuschauen; so sind in den Vitrinen Schriftstücke, Hühnereier (Jahrgang 1960) und wohlverschlossene Büchsen aufbewahrt. Ein ästhetisches Vergnügen bieten nur Manzonis Bilder.

Auch diese Augenlust indes ist nicht vollkommen. Zwar pflegte Manzoni seine Leinwände durch körniges oder lineares Relief zu gliedern, doch schließlich färbte er sie gleichmäßig zu weißen »Achromen« ein Gegenstücken zu den blauen und goldenen »Monochromen« seines ebenfalls jung verstorbenen französischen Rivalen Yves Klein (1928 bis 1962), mit dem er sich in hitzigen Streitgesprächen duellierte.

Sein Achrom-Prinzip, mit dem er »die Fläche befreien« und »die unbegrenzte Bedeutung eines totalen Raumes entdecken« wollte, wandte der Künstler auch auf Reliefs aus weichen Materialien wie Watte, Glaswolle und Kaninchenfell sowie auf Objekt-Assemblagen an, die er beispielsweise aus Brötchen komponierte. So wurde das reale Backwerk -- getüncht -- in einen Zwischen-Raum von Kunst und Leben versetzt.

In diesem Raum operierte Manzoni mit mannigfaltigen, teils utopischen Ideen. Er verfremdete die geographische Wirklichkeit, indem er auf der Landkarte von Irland die Stadt Valencia und auf Island das Kap Hoorn einzeichnete. Er setzte sich geduldig an Rotationsmaschinen, um durchlaufende Papierrollen mit Linien bis 7200 Meter Länge zu markieren, barg die derart fixierten Strecken geheimnisvoll in versiegelten Papp- und Metallzylindern und gestand am Ende unersättlich: »Ich möchte sogar eine weihe Linie entlang des ganzen Meridians von Greenwich ziehen.«

Unausführbares plante Manzoni auch mit elektronischen Environments oder einem »pneumatischen Theater«, das, aufgepumpt, seine Besucher wie ein Mutterleib umschließen sollte ("Placentarium")

Das Problem der »pneumatischen Skulpturen« hingegen hatte er schon um 1960 gelöst -- mit einer frei im Luftstrom balancierten Kugel und serienweise verkauften Luftballons, die mit dem »Atem des Künstlers« gefüllt waren.

Mit seiner eigenen Persun nämlich trieb Manzoni einen mystischen Kult. Er »weihte« (Manzoni) hartgekochte Eier durch seinen Daumenabdruck und ließ sie gelegentlich -- ein echter Dada-Erbe -- zu gründlicherem Kunstgenuß vom Publikum verspeisen. Er verteilte Blechbüchsen, die laut mehrsprachiger Aufschrift je 30 Gramm »Merda dartista«, »Artist's Shit« oder »Künstlerscheiße« enthielten ("Made in Italy"). Auch dachte er daran, der Welt in Fläschchen sein »Künstlerblut« zu spenden.

Die religiöse Attitüde ist allerdings verständlich, da in Manzonis Auffassung die Wirklichkeit allein durch Künstler-Macht, wie durch Magie, in Kunst verwandelt wird. So stellte er die Erde auf den Sockel, so konstruierte er eine »magische Basis« für jedermann, so gab er Freunden Zertifikate aus ( gilt fortan als authentisches Kunstwerk"), so signierte er nackte Mädchen und beabsichtigte -- ein seither viel kopierter Einfall -, »lebende Personen auszustellen«. Nicht genug damit: Manzoni wollte überdies verstorbene Mitmenschen »unter Verschluß bringen und in durchsichtigen Plastikblöcken konservieren

Dieser Künstler-Wille wird in Mönchengladbach nun symbolisch vollstreckt: Aussteller Cladders verteilt die Kataloge mit dem Namenszug »Manzoni« in transparenten Plastik-Kassetten.

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