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ENTERTAINER »Langes Fädchen, faules Mädchen«

Im Film brilliert Stephen Fry als Oscar Wilde. Nun legt der Brite einen rotzfrechen Roman vor - wie, so fragt das Buch, wäre die Geschichte ohne Hitler verlaufen? Von Joachim Kronsbein
Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 43/1997

Seinen Landsleuten erscheint der Alleskönner seit Jahren wie eine Sphinx ohne Geheimnis.

In Interviews, Enthüllungsstories und seiner Autobiographie bleibt kaum eine Wendung seiner kurvenreichen Vita unerwähnt. Die Briten wissen längst alles über die Depressionen, Selbstmordversuche, Kreditkartendiebstähle in jungen Jahren, die Drogeneskapaden und den Alkoholkonsum - aber auch über die erste, mit 27 Jahren verdiente Million.

Da auch das betrüblich lange darniederliegende Sexleben des Helden die Öffentlichkeit hinreichend beschäftigte, nahm die Nation vor kurzem erleichtert zur Kenntnis, daß der schreibende Schauspieler Stephen Fry endlich einen neuen Liebhaber gefunden hat.

Wer wie Fry, 40, soviel Intimes auspackt, der hat wohl - eine Weisheit vom Grabbeltisch der Psychologen - etwas zu verbergen. Welches tiefsitzende Unglück es in diesem Falle ist, darüber kann nur spekuliert werden.

Im Moment lesen und hören die Bürger des Vereinigten Königreichs über ihren Liebling hauptsächlich eines: daß der Schriftsteller und geistreiche Entertainer mal wieder ungemein erfolgreich ist.

Frys Konterfei ziert unzählige Filmplakate im Lande, auf denen er, süffisant und leicht rülpswangig lächelnd, als verblüffend überzeugende Wiedergeburt von Oscar Wilde (1854 bis 1900) erscheint.

Der britische Regisseur Brian Gilbert hat das bewegt-buntscheckige Leben des ebenso provokanten wie eleganten viktorianischen Dandys, Bühnen- und Prosaautors ("Das Bildnis des Dorian Gray") fürs Kino eingedampft. Doch der Film, Ende der Woche auch bei uns zu sehen, ist eine merkwürdig plüschige Hommage auf Britanniens berühmtesten Homo.

Dabei basiert »Oscar Wilde«, der Film, auf der gleichnamigen, umfassenden und gleichwohl spannenden Meister-Biographie des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Richard Ellmann - und konzentriert sich auf die dramatischste Zeit im Leben des begnadeten Aphoristikers, der von sich behauptete, sein »ganzes Genie« in sein Leben und in sein Werk nur das »Talent« gesteckt zu haben.

Im Jahr 1892, Wilde war mit der Komödie »Lady Windermeres Fächer« gerade sein bislang größter Bühnenerfolg gelungen, traf er auf den jungen, gefährlich verführerischen Lord Alfred Douglas. Der Aristokrat und der um 16 Jahre ältere, von der Gesellschaft umschwärmte Familienvater stürzten sich kopfüber in eine rauschhaft-zerstörerische Affäre. Tiefer und tiefer zieht Bosie, so der Kosename für den Epheben mit dem unschuldigen Lächeln und dem gewissenlosen Wesen, den Schriftsteller ins Verderben.

Wilde, der zuvor weitgehend nur kokettiert hatte mit der homosexuellen Attitüde, kommt nun mit der realen, der schwitzenden Seite der Männerliebe in fiebernde Berührung. Bosie stößt ihn in die notgedrungen heimliche, schwule Welt des bigotten Fin de siècle, in eine Welt voller Gier, Angst und Erpressung.

Liebe ist nun keine Sache eines geschliffenen Bonmots mehr ("Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung"), sondern eine komplizierte Angelegenheit von kurzen Glücksmomenten und quälend langen Abschnitten der Demütigung durch Douglas.

Wilde trifft sich heimlich mit Bosie in Hotelzimmern, frequentiert mit seinem Galan ein Burschenbordell und muß auch noch zusehen, wie es der Lustlümmel mit einem Stricher treibt - für sein Geld, versteht sich.

Das Ende der Affäre ist logisch, traurig und unrühmlich. Wilde wird von Bosies Vater, dem cholerischen und vulgären neunten Marquess of Queensberry, per Visitenkarte, die er im Club des verhaßten Autors abgibt, beleidigt: »Für Oscar Wilde, den posierenden Sodomiten«.

Wider alle Vernunft und von Bosie aufgehetzt, verklagt Wilde den Marquess auf Verleumdung und muß vor Gericht erleben, wie die letzten Reste seiner bürgerlichen Fassade eingerissen werden. Am Ende verurteilt ihn die Justiz zu zwei Jahren Zwangsarbeit wegen Unzucht mit Männern. Seine Frau verläßt mit den beiden Söhnen unter falschem Namen das Land.

Wilde stirbt 1900 verarmt in einem Pariser Hotel. Er hinterläßt Schulden und ein letztes Bonmot: »Ich sterbe, wie ich gelebt habe: über meine Verhältnisse.« Doch dieses banale Finale zeigt der Film schon nicht mehr. Er endet mit Wildes Entlassung aus dem Zuchthaus und einem erneuten Aufflackern der Bosie-Beziehung im sonnendurchglühten Italien.

Regisseur Brian Gilbert sucht das Drama fast einzig in der Hauptfigur und vernachlässigt die gesellschaftlichen Gegebenheiten der viktorianischen Epoche. Der tiefe Fall des Oscar Wilde vom literarischen Dandy zum totgeschwiegenen Paria - das wäre mehr als nur einen geschmackvollen Kostümfilm wert gewesen.

Immerhin läßt Stephen Fry, eine fast schon zu stimmige Idealbesetzung, der Figur Wilde ihre Würde und Widersprüchlichkeit - und befördert den Film so zu einer sehenswerten Charakterstudie.

Was Wilde verbergen mußte, »die Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt«, das ist für Fry eine Selbstverständlichkeit. In seinen erfolgreichen Büchern ("Der Lügner«, »Das Nilpferd") ist Homosexualität fast immer ein Thema. Und auch in seinem jüngsten, gerade auf deutsch erschienenen Roman, »Geschichte machen«, taucht das Motiv, wie die Einlösung einer selbstauferlegten Verpflichtung, marginal wieder auf, obwohl es Fry in Wirklichkeit um den großen Weltentwurf geht: um die Frage, wie die Geschichte ohne Hitler verlaufen wäre*. Der Roman, in Großbritannien längst ein Bestseller, ist kompliziert konstruiert, wenn auch im Grunde einfach gedacht - wie der Streich eines Pennälers, mit dem die Phantasie durchgegangen ist.

Michael Young, ein Cambridge-Student der Geschichte, schreibt seine Doktorarbeit über Hitlers Jugendjahre. Er lernt den

* Stephen Fry: »Geschichte machen«. Haffmans Verlag, Zürich; 472 Seiten; 48 Mark.

alten, aus Deutschland emigrierten Physik-Professor Leo Zuckermann kennen. Der bastelt an einer bizarren Maschine, mit der er in die Vergangenheit eintaucht. Die beiden ungleichen Wissenschaftler spielen nun das alte, ebenso faszinierende wie nutzlose Spiel »Was wäre, wenn?«

Was wäre geschehen, wenn Hitler gar nicht erst geboren worden wäre? Die Welt wäre, klare Antwort, ein lebenswerterer Platz. Wirklich? fragt das Buch.

Und antwortet mit einem verwegenen Experiment. Zuckermann und Michael gelingt es, den Brunnen in Braunau, Hitlers Geburtsort, sozusagen retrospektiv mit Hilfe der Zeitmaschine zu vergiften. Eine Chemikalie verhindert, daß die Braunauer Frauen schwanger werden. Hitler bleibt nur eine fruchtlose Paarung seiner Eltern.

Und doch: Ein anderer, spinnt Fry in seinem Buch die Geschichte rotzfrech weiter, hätte das Kommando an sich gerissen. Dieser Rudolf Gloder, ein Offizier, Schwätzer, Feigling und Angeber, hätte eben auch eine Partei gegründet, sie beherrscht, wäre Reichsführer geworden und hätte ebenfalls die Juden vernichtet - nur perfider.

Denn in den Kulissen der Historie warteten, so meint Goldhagen-Fan Fry, schon schicksalhaft die willigen Vollstrecker. Die Zeit war, so glaubt der Autor, einfach reif für den Diktator, irgendeinen, der den latenten Antisemitismus organisierte. Doch Fry ist zu sehr Entertainer und gewiefter Erzähler, als daß er die Gedankendreherei in theoretische Knäuel verhedderte. Er baut geschickt eine lustige Love-, eine anrührende Lügen- und eine parodistische Geheimdienst-Story in sein Nazi-Szenario ein. Das Spiel mit doppelten Böden und der ständige Ebenenwechsel sind seine Passion. Und er beherrscht sie glänzend.

Der Ursprung des Projekts liegt tief in der Fryschen Familiengeschichte. Seinen Großvater mütterlicherseits, einen Wiener Juden, hatten die Engländer über den Kanal geholt, weil er eine Koryphäe für den Zuckerrübenanbau war.

Die Briten, die bislang ihren Süßstoff aus importiertem Zuckerrohr gewannen, wollten durch Rübenzucht autark werden. Martin Neumann aus Wien blieb und nannte sich fortan Newman.

Wenn der kleine Stephen ihn später fragte, was denn aus der österreichischen Verwandtschaft geworden sei, hörte er: »Hitler hat sie umgebracht.« Der Junge stellte sich dann vor, einer namens Hitler sei mit dem Messer oder der Pistole losgezogen und hätte Onkel, Tanten, Vettern und Cousinen eigenhändig ermordet.

Wohl weil Opa Newman bis ins hohe Alter und nach Jahrzehnten in anglophoner Umgebung immer noch mit starkem germanischem Akzent radebrechte, eignete sich Enkel Stephen eine überakzentuierte englische Sprechweise an und freut sich trotzdem noch heute an den deutschen Sinnsprüchen der Großmutter: »Langes Fädchen, faules Mädchen«.

Fry gilt längst als Parade- und, wenn nötig, Parodie-Besetzung für den steiflippigen britischen Oberschichtler: ein bißchen blasiert, zum Ausgleich ironisch und wenn überhaupt sexuell, dann, wie in seinem ersten Kinoerfolg »Peter''s Friends«, lieber vom gleichgeschlechtlichen Geschwader.

Nicht schön, aber reich und berühmt. Was kann da noch schiefgehen? Fry, Oscar Wilde an Witz und Reaktionsschnelle nur wenig unterlegen, hat die passende Replik parat: »Wie bringst du Gott zum Lachen? - Erzähl ihm deine Pläne.«

* Stephen Fry: »Geschichte machen«. Haffmans Verlag, Zürich;472 Seiten; 48 Mark.

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