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»Langeweile ist das Wesen unseres Daseins«

aus DER SPIEGEL 25/1979

Der 1922 in Pachtino geborene Alexander Sinowjew, im Krieg mehrfach dekorierter Kampfflieger der sowjetischen Luftwaffe, war von 1962 bis 1976 Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität Moskau. Anfang der 70er Jahre begannen sowjetische Kollegen, Sinowjew als Wissenschaftler zu diskreditieren. Nach seiner großen Satire über die Sowjet-Union, »Gähnende Höhen« (1976), verlor er alle Ämter und wurde boykottiert. Das Buch »Lichte Zukunft« des inzwischen in München lebenden Autors (Alexander Sinowjew: »Lichte Zukunft«. Diogenes-Verlag, Zürich; 464 Seiten; 34 Mark) erscheint am 25. Juni. Die Satire auf den heutigen Sowjet-Kommunismus ist eine verschlüsselte Autobiographie der letzten Moskauer Jahre Sinowjews. Der Titel spielt auf ein Denkmal an, das in Riesenlettern verkündet: »Es lebe der Kommunismus -- die lichte Zukunft der Menschheit!« Neue Probleme

Die Zwischenräume zwischen den

Buchstaben erwiesen sich als sehr geeignet: auf der einen Seite (und zwar auf der Seite »Es lebe der Kommunismus") für amoureuse Abenteuer der Jugend, auf der anderen Seite ("die lichte Zukunft der Menschheit!"), die näher zum Café »Jugend« und zur Spirituosenhandlung lag, für die Gelage der lokalen Alkoholiker. Die Zwischenräume waren so angeordnet, daß man die Liebespaare und die Besoffenen nur aus den vorbeiflitzenden Autos sehen konnte. Den Betroffenen war das scheißegal. Die Versuche der Polizeihelfer und der Miliz, diese Stätten des Lasters zu liquidieren, führten zu nichts, weil die Verliebten und die Säufer mit ihnen freundschaftliche Kontakte aufnahmen. Später tauchten in der Umgebung der Losung nicht ganz koschere Damen auf. Im Wort »lichte« wurde der Handel mit harten Drogen aufgenommen. Das Wort »Kommunismus« hatten in Kürze die Homosexuellen mit Beschlag belegt.

Genau das brachte bei den Werktätigen den Kelch der Geduld zum Überlaufen. Man beschloß, die Losung mit einem Metallgitter abzuschirmen und elektrischen Strom durchzuschicken. Aber die hierfür vorgesehenen Mittel wurden auf dem Weg durch die verschiedenen Instanzen verpulvert, und man mußte sich mit einem gewöhnlichen Holzzaun mit Stacheldraht obenauf zufriedengeben. Diese Maßnahme verstärkte jedoch (wie Dima bemerkte) lediglich die objektive Tendenz der Gesellschaft zur Hurerei und Trunksucht, denn aus dem Zaun wurde auf der Stelle eine Anzahl von Brettern herausgerissen, um einen Durchschlupf zu

C Diogenes-Verlag, Zürich.

schaffen, und da hinter dem Zaun auch tagsüber nichts mehr zu sehen war, wurde die Losung zu einer Brutstätte des Lasters rund um die Uhr.

Bald fanden sich regelmäßig Ausländer, Schwarzhändler und natürlich auch Spitzel ein. Allmählich zeichnete sich die Perspektive ab, die Losung in eine Art internationalen Salon zu verwandeln. Der KGB-Journaiist Wladimir Kouis wurde zum Stammgast. Die nonkonformistische Künstlergruppe »Müllgrube« beschloß, ihre nächste Ausstellung auf dem Gelände der Losung zu organisieren, um damit ihre Loyalität gegenüber der Sowjetmacht zu demonstrieren. Im Stadtkomitee fand eine geschlossene Sitzung statt, auf der man sich an Jagodizyn erinnerte und feststellte, daß der gar nicht so unrecht gehabt hatte.

Russischer Gastaustausch

Dima hat vorgeschlagen, als besonderen Terminus »Gastaustausch« (im Unterschied zu »Gastfreundschaft") für eine spezifisch russische Art des Zeitvertreibs, das wechselseitige Abstatten von Besuchen, einzuführen. Dieser Gastaustausch hat -- wie er erklärte -- nichts mit Gastfreundschaft zu tun. Wir zum Beispiel sind überhaupt keine gastfreundlichen Leute, aber wir tauchen regelmäßig bei anderen auf und empfangen selbst auch häufig Gäste bei uns. Wir gehen übrigens keineswegs nur zu Leuten, die wir gerne mögen oder die wir wenigstens einmal wiedersehen wollen. Und ebenso kommen oft Menschen zu uns, die uns ausgesprochen unsympathisch sind. Das Ganze ist eine rein soziale Erscheinung. Welcher Art?

Ich will nur einige Aspekte anführen, die sie wenigstens zum Teil erklären. Ins Kino gehen bringt nichts. Einmal im Jahr taucht allenfalls ein einigermaßen erträglicher Film auf, alles übrige ist Mist. Früher wurden wenigstens viele ausländische Filme gezeigt. Heute nicht mehr. Das Theater? Bisweilen gibt es gute Aufführungen, aber sie besuchen ist praktisch unmöglich. Die Eintrittskarten bekommen Ausländer und Funktionäre oder, unter der Hand, die eigenen Leute. Theater gibt es viele, aber zu sehen gibt es da nichts, ebensowenig wie im Kino. Dasselbe in der Musik, Malerei und Literatur. Wenn zufällig einmal etwas Ordentliches erscheint, dann reißt sich ganz Moskau um die Nummern der Zeitschriften, die man dann weder kaufen noch in den Bibliotheken ausleihen kann. Und das sind gewöhnlich zeitkritische Werke. Lange hältst du das nicht aus. Fernsehen? Hockey, Fußball, Aktivisten der kommunistischen Arbeit, Spitzenarbeiter der Landwirtschaft (aber zu fressen gibt es nichts!), Reden, Sitzungen, Verabschiedungen ...

Früher gab es wenigstens noch Krimis, ausländische Filme, Shows mit einheimischen und westlichen Künstlern. Heute ist davon so gut wie nichts mehr übriggeblieben. Die ausländischen Künstler, die man uns serviert, unterscheiden sich kaum von den unsrigen. Westliche Kultur wird für uns nur in solcher Form und Menge ausgewählt, daß sie nicht unsere Grundlagen untergraben und keine unerwünschten Vergleiche provozieren kann. Restaurants und Cafés? Erstens sind sie in der Regel abstoßend, zweitens muß man Schlange stehen, und die Bedienung ist trist. In die wirklich anständigen kommt man gar nicht erst hinein, außerdem sind sie zu teuer und schließen früh.

Von welcher Seite man es auch immer betrachtet, es gibt nur einen Ausweg: Geh zu Besuch, lade dir Gäste ein. Dabei ist der Gastaustausch keineswegs nur durch die Umstände bedingt, er spielt auch eine positive Rolle: Man tauscht Informationen aus, die nicht in den Zeitungen stehen, man pflegt die Beziehungen, man redet über die Arbeit, man hat das Gefühl des Gebrauchtwerdens (was bei der allgemeinen Tendenz zur Isolierung und Entwertung des Individuums besonders wichtig ist), man findet Verwendung für seine Talente (Verse, Witze, Erzählungen, Zeichnungen).

Dazu gibt es natürlich schmackhaftes Essen. Im allgemeinen ist man bemüht, den Gästen das Beste vorzusetzen. Es hat sich sogar ein eigentümlicher Wettstreit entwickelt. Die Frauen zeigen sich, das heißt, sie zeigen ihre Toiletten. Woanders ist dazu gar keine Gelegenheit. Dabei wird ein ziemlicher Aufwand getrieben. Es wäre doch schade, wenn"s keiner sähe. Und die Selbstbestätigung.

Da hat es zum Beispiel einer geschafft, ins Ausland zu fahren. Das ist an sich schon ein Vergnügen. Aber noch wohltuender ist die Befriedigung, diesen Erfolg den anderen mitzuteilen, von der Reise zu berichten und für einige Zeit im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit zu stehen. Mit einem Wort, der russische Gastaustausch ist eine spezifisch soziale Erscheinung. Nein, ich korrigiere mich sogleich, ich kann kein Urteil über seine Verbreitung in anderen Teilen des Landes und in den verschiedenen Gesellschaftsschichten abgeben. Ich weiß nur, es ist eine typische Erscheinung in den Kreisen der Moskauer Funktionärsintelligenz. Vermutlich gibt es Variationen, je nach Gegend, sozialer Schicht, Jahreszeit, nationaler Eigenart.

»Komisch«, sagt Dima, »wir sind im zwanzigsten Jahrhundert, leben in einem zivilisierten Land und reden über uns, als ginge es um die Beschreibung der Lebensweise irgendeines kürzlich entdeckten wilden Stamms: Feuer erzeugen sie durch Reibung, ernähren tun sie sich von Würmern und Wurzeln, die Frauen bereiten die Nahrung zu, die Männer gehen mit Speeren auf die Jagd ...«

»Da ist gar nichts Komisches dabei«, sagt Anton. »Die Negation der Negation. Wir sind tatsächlich Wilde. In gewisser Weise befinden wir uns wieder am Anfang der Geschichte der Menschheit. Und wir müssen aufs neue den Weg bahnen, der zur Entstehung und Entwicklung der Zivilisation führt. Wir selbst wissen das nur noch nicht. Und im Westen wissen sie's noch weniger. So daß eine wahrhafte Beschreibung unserer Lebens- und Produktionsweise bis in die kleinsten Details hinein ein gewaltiges Werk der Selbsterkenntnis ist und zugleich der Erkenntnis dessen, was der Kommunismus bedeutet.«

»Nun, das ist noch nicht der Kommunismus«, sage ich. »Im Kommunismus wird es das nicht geben. Im Kommunismus wird, wie du weißt ...«

»Wir haben längst den echten Kommunismus«, sagt Anton. »Man nimmt von jedem, was er hergibt, und jeder bekommt, was er braucht. Es ist höchste Zeit zu begreifen, daß das alles leere Phrasen sind, die man kreuz und quer interpretieren kann. Unsere Gesellschaft bestimmt, welches deine Fähigkeiten und Bedürfnisse sind. Das ist eine soziale Erscheinung und keine psychologische. Wir alle sind nach Rubriken, Rängen, Zellen aufgeteilt. Unsere soziale Stellung entscheidet über alles weitere, was unser Leben betrifft. Die Korytows machen Urlaub in Italien. Hättest du dir das für dein Geld etwa nicht leisten können? Sogar ich hätte es gekonnt, wenn wir uns eingeschränkt und gespart hätten. Ihr wollt jetzt nach Bulgarien an den Goldstrand. Das hätten selbst wir ohne Schwierigkeiten geschafft, nur ... verglichen mit dir ist Kanarejkin ein vollendeter Kretin. Er ist Akademiemitglied. Und wo immer man über unsere großen Philosophen spricht, ist von ihm und nicht von dir die Rede. Wenn ihr zusammen auftretet, hat er immer den Vortritt. Und, entschuldige, Lebedew ist um einiges besser als wir alle zusammen. Dennoch wird er so gut wie nie erwähnt. Wenn doch, bist du im Vergleich zu ihm ein Genie. Die Gesellschaft weiß, wer welche Fähigkeiten und welche Bedürfnisse hat.«

»Du bist doch ein kluger Kopf, Anton«, sagt Dima. »Das ist eine interessante Situation. Ihr kennt ja den offiziellen Standpunkt: Der wissenschaftliche Kommunismus (das heißt die Wissenschaft vom Kommunismus) ist vor hundert Jahren entstanden, und den Kommunismus selbst als Realität gibt es noch nicht.«

»Es gibt erkennbare Anzeichen, einzelne Erscheinungen«, sage ich.

»Unsinn«, sagt Anton. »Die kommunistische Gesellschaft ist als empirische Erscheinung gedacht und nicht als abstraktes System. Jeder Wissenschaftler kennt die Binsenwahrheit: Wenn es keinen Gegenstand gibt, dann kann es auch keine empirische (das möchte ich betonen) Wissenschaft von ihm geben. Das Projekt eines Hauses, einer Maschine? Ein Projekt ist keine Wissenschaft, begreif das doch! Ein Projekt kann unter Zuhilfenahme der Wissenschaft realisiert werden, aber es ist selbst keine Wissenschaft. Es ist ein Projekt und nichts mehr. Die empirischen Wissenschaften eröffnen die universalen Gesetze ihrer Forschungsobjekte, Man kann ein Projekt irgendeiner zukünftigen Gesellschaft planen, indem man sich der Wissenschaft be-

* Mit Gattin Olga Mironowna und Tochter Polina nach der Ankunft in München im August 1978.

dient, zum Beispiel der Soziologie, der Psychologie, der Geschichte, der Naturwissenschaften. Man kann ein wissenschaftlich fundiertes Projekt entwerfen.

»Aber das, was ihr mit wissenschaftlichem Kommunismus bezeichnet, ist nicht einmal ein wissenschaftlich begründetes Projekt. Gerade vom Standpunkt der modernen Wissenschaft ist es dummes Zeug, wenn man ihn wörtlich auffaßt. Unsere eigene Erfahrung bestätigt uns, daß er ein rein ideologisches Hirngespinst ist. Andererseits ist der Gesellschaftstyp, der sich bei uns tatsächlich herausgebildet hat (ich nenne ihn auch realen Kommunismus), wissenschaftlich noch ganz unerforscht.

»Das, was wir gelegentlich daran feststellen (zum Beispiel den Gastaustausch), ist so etwas wie ein Anfang seiner wissenschaftlichen Erfassung. Aber eben nur ein Anfang. Die Sammlung der Fakten. Gerade die wissenschaftliche Erforschung dieser Gesellschaft enthüllt die Tatsache, daß in einem bestimmten (und noch dazu dem einzig realistischen, gesunden) Sinn alle Ideale und Prinzipien des ideologischen ("wissenschaftlichen") Kommunismus bei uns realisiert sind. Staat und Partei sind insofern abgestorben, als sie ihren politischen Charakter verloren haben. Moral und Recht sind als Produkte der Zivilisation und des Schutzes der Menschen voreinander und gegenüber der Macht abgestorben und durch eine Regelung für das »technische« Verhalten der versklavten Geschöpfte ersetzt. Alle haben die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und ihre Bedürfnisse zu befriedigen, nur eben im Rahmen des Vernünftigen, das von der Gesellschaft festgelegt wird.

»Bei uns übt in der Tat die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung die Gewalt über eine Minderheit aus. Es stimmt zwar, daß sie sich dabei selbst vergewaltigt und der Verhöhnung durch manchmal sehr wenige aus freiem Willen aussetzt. Aber das sind bereits Kleinigkeiten. Selbst über Geld verfügen wir nicht mehr im Marxschen Sinne. Was ist das schon für Geld, wenn du für ein und dieselbe Summe mehr erhältst als ich, wenn du etwas für dein Geld bekommen kannst und ich nicht!«

»Ich stimme mit dir völlig überein«, sagt Dima. »Für mich als Naturwissenschaftler ist das absolut klar. Die Wissenschaftlichkeit im Begriff Gesellschaft besteht nicht darin, daß man ihm Werkbänke, Maschinen, Traktoren und dergleichen zugrunde legt, sondern vor allem darin, daß man von realen empirischen Fakten ausgeht. Worin ihre Wechselbeziehungen bestehen, das muß noch erforscht und nicht a priori verordnet werden. Wer weiß, vielleicht ist für unsere Gesellschaft eben die Ideologie das entscheidende Charakteristikum? Auch die Ideologie ist ein empirischer Tatbestand. Bei Marx gab es viele interessante Ideen und Überlegungen. Aber sie sind in einem Meer ideologischen Unsinns untergegangen, und die folgenden Generationen von Marxisten haben eben den ideologischen Aspekt aufgebläht, bis man ihn schließlich bei uns zur Staatsideologie erhoben hat.«

»Aber die Ideologie ist doch auch notwendig«, sage ich.,. Nicht unbedingt«, sagt Anton, »aber sie ist auch eine Realität, die man berücksichtigen und als empirisches Faktum studieren muß.« Da konnte ich mich nicht länger beherrschen. Ich warf meinen Gesprächspartnern Unkenntnis der elementarsten Dinge vor: Materie, Bewußtsein. das Ideelle.

»Weiß der Teufel«, sagt Dima, »du bist doch eigentlich ein normaler Mensch und nicht dumm. Aber man braucht dich nur ein bißchen anzukratzen, dann gibst du einen solchen Stuß von dir, daß sich daneben selbst Kanarejkin wie ein Titan des Geistes ausnimmt. Wir wollen dir doch nicht deine Ämter und Gehälter nehmen. Schreib du ruhig deine Traktätchen. Sei, was du willst. Davon ist hier nicht die Rede. Unter uns können wir doch offen spreehen.

»Unser Problem heißt: Ist der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft normal oder nicht, wird er sich künftig reproduzieren, gehören dabei die Massenrepressionen ebenso zur Norm wie das Fehlen der Redefreiheit und der Freizügigkeit in der Wahl des Wohn- und Arbeitsplatzes? Dein Marxismus kann darauf keine ehrliche Antwort geben. Das muß die Wissenschaft leisten, eine echte Wissenschaft. Warum? Nun, und sei es nur deshalb, daß man irgendwie sein eigenes Leben planen kann. Wenigstens ein kleiner Teil der Gesellschaft. Wer dieses Bedürfnis nicht hat, soll es lassen. Aber in unserer Gesellschaft gibt es einige, die ganz ausgesprochen dieses Bedürfnis haben.

»Das ist doch nicht das erste Mal, daß wir darüber reden. Vielleicht aus beruflichem Interesse? Komm! Selbst bei dir ist das rein menschliches Interesse. Und dein Saschka? Und Lenka? Und ich? Was, zum Teufel, hab ich damit zu tun? Und doch, nachts kann ich nicht schlafen, meine Gedanken wandern im Kreis. Die Leute interessieren sich dafür nicht ohne Grund. Die Welt ist von den Erfolgen des Kommunismus aufgestört und möchte wissen, worin sein Wesen besteht. Es waren übrigens nicht die Bücher von Solschenizyn, die das Interesse der Welt an uns geweckt haben, sondern umgekehrt, das natürliche Interesse der Welt an der wachsenden Bedrohung durch den Kommunismus hat den Büchern von Solschenizyn das Interesse und den Erfolg gesichert.«

Im Fernsehen wird ein Meeting in irgendeiner Fabrik anläßlich der Übergabe eines Ordens an den Betrieb gezeigt. An dem Meeting nehmen fast sämtliche Spitzenfunktionäre und allen voran Er höchstpersönlich teil.

»Warum sind sie denn alle haufenweise gekommen?« wundere ich mich.

»Was heißt, warum?« staunt Dima über meine Verwunderung. »Es hatte doch dort während des letzten Parteitags Stunk gegeben. So eine Art Streik. Jetzt wollen sie die Arbeiter wieder weichmachen.«

Das Präsidium des Meetings wird gezeigt, völlig gleichförmige, hölzerne, aufgedunsene Physiognomien. Und Orden. Orden. Orden ... Ereignisse

In der Kneipe habe ich einige Bekannte, die sich dort ebenso regelmäßig einfinden wie ich. Wer sie sind, weiß ich nicht. Und sie wissen nicht, wer ich bin. Unausgesprochen waren wir übereingekommen, dieses Thema nicht zu berühren. Einer von ihnen heißt Wiktor Iwanowitsch. Er ist etwas über Dreißig, macht aber den Eindruck eines soliden und bedeutenden Menschen. Mein Saschka wird es bis ins hohe Alter niemals zu solcher Seriosität bringen. Ein anderer heißt Edik. Er ist wie ich weit über Fünfzig. Er hat eine Glatze. Die Hälfte der sichtbaren Zähne fehlt ihm. Aber er wirkt wie ein Junge, hört gern gute Witze und erzählt manchmal selber welche. Er kennt alle Witze, die in Moskau kursieren. Ich vermute, daß er auch selbst welche erfindet.

Etwas seltener taucht ein gewisser Rebrow auf. Einfach Rebrow. Gewöhnlich ist er betrunken. Er spricht fast gar nicht, aber an seinen Augen kann man sehen, daß er wie ein kluger Hund alles versteht. Dann ist da noch Lew Borissowitsch, ein stets informierter, geschäftiger Mensch, der immer in Eile ist. Aber ich vermute, daß er nicht einmal den Doktor hat. Und noch einige namenlose Menschen. Ich mitten unter ihnen. Ich finde das amüsant. Was denken sie über mich? Wahrscheinlich irgend etwas nicht besonders Schmeichelhaftes, am ehesten wohl, ich sei ein Spitzel.

Diesmal traf ich Rebrow. Er fragte, wie es ginge. Ich zuckte mit den Schultern: Wie immer, nichts Besonderes. In den USA wächst die Arbeitslosigkeit. Dort herrscht Inflation. In Südamerika hat es irgendwo ein Erdbeben gegeben. Die Ägypter haben uns zum Teufel gejagt. Wir haben uns in Angola eingemischt. Die werden uns demnächst auch zum Teufel jagen. Solschenizyn hat eine neue antisowjetische Rede gehalten. Die progressive Weltöffentlichkeit ... Und bei uns wie üblich Sollübererfüllungen, neue Pläne, Reden, Initiativen, Inangriffnahmen, Ankurbeleien. Da gesellte sich einer der Namenlosen zu uns.

»Langeweile ist das Wesen unseres Daseins«, sagte er. »Unser normales Sowjetleben verläuft prinzipiell ereignislos. Da darf sich nichts Außergewöhnliches ereignen. Das wäre ein Abweichen von der Norm. Wie zum Beispiel Begabung oder Originalität oder unabhängiges Denken:«

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen widerspreche«, sagte Rebrow zu unserem großen Erstaunen (er kann also sprechen!). »Außergewöhnliche Ereignisse gibt es auch bei uns. Und nicht seltener als im Westen. Wir wissen nur ihre Außergewöhnlichkeit nicht zu würdigen. Da schickt mich zum Beispiel meine Frau auf den Markt, um Kartoffeln zum dreifach überhöhten Preis zu kaufen. Sonst kommen am Abend die Gäste, und zu fressen gibt es nichts. Ich gehe am Obst- und Gemüseladen vorbei. Mein Mund verzieht sich zum Grinsen. Gemüse? Ha-ha-ha-ha! ... Gemüse im Geschäft?!

Ha-ha-ha-ha! ... Das erzähl einem andern! ... Und Obst erst!! Wie ißt man das überhaupt? Ha-ha-ha-ha ... Und plötzlich -- na, denk ich, schau doch mal rein! Und ich schaue rein. Und was glauben Sie, was ich da sehe?! Kartoffeln!! In Säcken!! Und nicht mal alle faul!! Einige scheinen sogar eßbar zu sein!! Nein, so was! Und Sie wollen behaupten, es ereignet sich nichts bei uns! Oder hier ein anderes Beispiel -- die Geschichte mit meinem Nachbarn. Ob Sie"s glauben oder nicht, geht da mein Nachbar den Lenin-Prospekt entlang und sieht plötzlich, da gibt's Pulverkaffee! Allerdings muß man ein Kilo faule Äpfel dazunehmen. Aber das macht ja nichts. Hauptsache -- Kaffee! Oder nehmt diese Geschichte. Ein Bekannter hat sich schwarz eine echte Pelzmütze verschafft. Er setzt sie auf, will damit angeben. Und unten im Hauseingang knallt man ihm -- klatsch! -- einen Ziegelstein auf den Schädel! Die Mütze haben sie natürlich geklaut. Er -- hin zur Miliz. Dort wird ein Verfahren gegen ihn eingeleitet: Er habe die Mütze selbst versoffen, wolle das sowjetische Volk verleumden.

Die Moskauer Miliz hatte zu der Zeit gerade eine sozialistische Selbstverpflichtung übernommen: die hundertprozentige Verbrechensaufklärung. Und ein nichtbegangenes Verbrechen zählt als aufgeklärtes. Einen ganzen Monat lang war sein Institut damit beschäftigt, meinem Bekannten aus seiner schwierigen Situation herauszuhelfen. Mit Mühe und Not gelang es. Man verbürgte sich für ihn. Aber sie ließen ihn erst ziehen, nachdem er allen Milizangehörigen je eine Pelzmütze geschenkt hatte ... Er kam mit einer Verwarnung davon.«

Einer der Namenlosen hatte Rebrow mit Vergnügen zugehört. »Oho«, sagte er, »Sie sind ja, wie mir scheint, ein Denker. Ich gebe mich geschlagen! Sie haben sicher recht. Mir ist das irgendwie bisher nicht aufgefallen. Natürlich! Für einen sowjetischen Intellektuellen ist es zweifellos weit schwieriger, für seinen Sohn gleich nach Schulabschluß und ohne Beziehungen einen Platz an der Universität zu besorgen, als für einen Leutnant aus Korsika, Kaiser von Frankreich zu werden.«

»Für Sie ist das wohl ein aktuelles Problem?« fragte ich. »Na schön, ich will versuchen, Ihnen zu helfen. Natürlich nicht, um ihn zum Kaiser zu machen, sondern um ihn bei der Moskauer Universität unterzubringen. Und welche Fakultät?«

»Mein Gott«, sagte der Namenlose, »ist das nicht ganz gleich?! An die geisteswissenschaftliche? Von mir aus. Dann eben die geisteswissenschaftliche. Auch wenn er die Philosophie haßt und von der Physik träumt. Wenn er mal drin ist, wird man dann schon sehen!«

»Sehen Sie«, sagte Rebrow zu dem Namenlosen. »bei uns sind sogar Wunder möglich.« Nachdem Rebrow gegangen war, wollte ich mir die Telephonnummer des Namenlosen aufschreiben und ihm meine eigene geben. Er nannte mir seinen Namen, und mir sprangen fast die Augen aus dem Kopf.

»Sie sind doch nicht etwa der . .

fragte ich. »Und sogar Sie haben Probleme mit der Universität? Und sogar in Physik? Sachen gibt's!«

Und ich nannte ihm meinen Namen. »Ich hoffe«, sagte der Namenlose, »nicht der ...«

»Leider«, sagte ich, »eben der.« Da mußten wir beide lachen.

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