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AUTOMOBILE Langsam peinlich

Ein zweiter Außenspiegel könnte Unfälle vermeiden helfen, doch deutsche Autohersteller liefern ihn meist nur gegen Aufpreis. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Für ihre Spitzenmodelle war den BMW-Managern nichts zu teuer: Viel Nützliches (ABS-Bremsen) und viel Schnickschnack (Leseleuchten) gehören zur Grundausstattung der neuen Siebener-Reihe. Doch für einen zweiten Außenspiegel hat es nicht gereicht - den gibt es nur auf Wunsch und gegen Aufpreis.

Seit Jahren schon fordern Verkehrsexperten und Automobilclubs, der Spiegel auf der Beifahrerseite solle endlich zur Standardausrüstung der Wagen gehören. In Ortschaften - dort darf rechts überholt werden - gibt es oft Unfälle, weil Autofahrer von der linken auf die rechte Spur wechseln und den da vorbeiziehenden Wagen nicht sehen.

Wer bei den BMW-Modellen 730 bis 750i (Preis: 59000 bis 102000 Mark) den zweiten Spiegel haben will, muß für die »Sonderausstattung« mindestens 255 Mark zahlen. Nur beim 119000 Mark teuren Spitzenmodell 750iL sind die

Münchner Autobauer großzügig: Dort gehört er dazu.

Wie die Bayern sparen die meisten deutschen Hersteller ausgerechnet an diesem überaus nützlichen Teil. Der Schminkspiegel in der Sonnenblende scheint ihnen wichtiger - der gehört meist zur Serienausstattung.

Daimler-Benz rüstet nur Kombis- für die ist es gesetzlich vorgeschrieben - und die Top-Modelle 560 SEC und SEL mit einem Spiegel auf der Beifahrerseite aus. Bei allen anderen Wagen, auch wenn sie mehr als 100000 Mark kosten, verlangen die Stuttgarter dafür gut 300 Mark extra.

VW, Audi und Opel lassen sich den rechten Außenspiegel bei vielen Modellen ebenfalls zusätzlich bezahlen. Nur Ford ist fast vorbildlich: Bis auf zwei Modelle statten die Kölner ihre Wagen stets serienmäßig mit zwei Spiegeln aus.

Die erklärten Gründe für die unerklärliche Sparsamkeit sind durchweg peinlich. Mal wird auf den einige Hundertstel geringeren Luftwiderstand ohne Spiegel verwiesen, mal auf die zusätzlichen Kosten. Manche Hersteller erklären auch nur lakonisch, daß einfach nicht jeder Kunde einen haben will.

Tatsächlich muß der Fahrer sich erst an den Blick in den rechten Außenspiegel gewöhnen. Dann aber, so ADAC-Sprecher Andreas Kippe, bringe der »wesentlich mehr Sicherheit«. Deshalb sei die Zurückhaltung der Hersteller auch »absolut unverständlich«.

Eine andere Fahrerlobby, der Auto-Club Europa, glaubt, die Hersteller per Gesetz zur vernünftigen Ausstattung ihrer Wagen zwingen zu müssen: Er hat den Bonner Verkehrsminister aufgefordert, einen entsprechenden Passus in die Zulassungsordnung aufzunehmen.

Schneller als Gesetze könnten allerdings die Konkurrenten aus Japan die deutschen Hersteller eines Besseren belehren. Nissan und Honda rüsten schon lange alle Modelle serienmäßig mit einem rechten Außenspiegel aus.

Nissan-Sprecher Michael Köhler wundert sich: »Das muß den deutschen Firmen doch langsam peinlich sein.«

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