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FERNSEHEN Laudate Dominam

Reformation aus dem Geiste des Privatfernsehens: Der RTL-Film »Die heilige Hure« empfiehlt die Erneuerung der katholischen Kirche durch Sadomasochismus.
aus DER SPIEGEL 7/1998

Der Sünder leckt den Lederstiefel der Sado-Lady und betet: »Vater unser ...« Der Priester reißt sich auf der Kanzel die Soutane vom Leib und geißelt sich bis aufs Blut. Der Beichtstuhl erzittert, darin stöhnend ein Paar koitiert.

Der Herr mag sich erbarmen, der Fernsehgott tut''s an diesem Mittwoch abend nicht: »Die heilige Hure« heißt der zur besten Sendezeit (20.15 Uhr) gestartete Angriff auf traditionelle Restbestände religiösen Gefühls im Lande. Der Film zelebriert brünstig den Gottesdienst der Körper, Jesus wird zur Sexdroge, das Wort gequältes Fleisch: Laudate Dominam.

Ursprünglich sollte das Epos am Buß- und Bettag des letzten Jahres laufen, dem sonst wenig zimperlichen Sender aber kamen wegen der an diesem Tage vermuteten religiösen Sensibilitäten Bedenken. Nun will Thoma nicht mehr warten.

Dem Film liegt ein vor sieben Jahren unter dem Titel »Credo an Gott und sein Fleisch« erschienenes Buch der Theologin Heide-Marie Emmermann, 55, zugrunde.

Darin schildert die Autorin ihren bizarren Lebensweg: schwierige Nachkriegskindheit, zweiter Bildungsweg, Soziologiesemester in Frankfurt, Übertritt zum katholischen Glauben, Theologiestudium, Arbeit als Mentorin für Laientheologen.

Schließlich kommt es zum Bruch mit dem muffigen katholischen Milieu, als Emmermann sich in einen Mann verliebt und Opfer der Eifersucht eines Priesters wird. Aus dem Kirchendienst entlassen, von ihrem Freund sexuell ausgebeutet, wird sie schließlich Domina in Hamburg-St. Pauli.

Die Geschichte liest sich streckenweise anrührend, meist aber nerven Naivität und Larmoyanz: Immer sind andere, meistens Kerle, an Emmermanns Schicksal Schuld. Die berechtigte Kritik an kirchlichem Starrsinn verwandelt sich in einen Messianismus, wonach konsequente Triebentsorgung die Wurzel allen Glücks ist. Das Buch schließt mit der pornographisch-platten Verklärung des Berufs der Domina.

Was in Emmermanns Autobiographie nur wie Beiwerk erscheint, die Berufung auf einen Gott, der sich in der fleischlichen Liebe der Menschen mit allen ihren Perversitäten offenbart, spitzt das Drehbuch von Grimme-Preisträger Wolfgang Kirchner zu: Frau Dr. Marie Steiner (beeindruckend: Susanna Simon), die Seelsorgerin der jungen Priesterkandidaten, wird zur Erneuerin des Glaubens stilisiert.

Die Kirche - Film und Emmermann-Buch vertreten die Meinung mit inbrünstiger Einfalt - hat nur ein Problem: die Verdrängung des Triebes. Ein schwuler Diakon springt aus Scham vor seiner Weihe in den Tod. Ein befreundeter Kollege von Frau Steiner wird ihr zum Feind, weil sie seine Zuneigung nicht erwidert. Die kirchliche Hierarchie lügt aus Verklemmtheit.

Die heilige Dr. Marie indes hat ihre unerschütterlichen religiösen Überzeugungen entwickelt: Jesus war »ein ganzer Mann«, zweimal wurde er geküßt, einmal von Judas, dann von Maria Magdalena. Klar: »Die Küsse des Mannes sind Küsse des Verrats, die Küsse der Frau sind Küsse der Liebe.«

Die Priesterkandidaten führt sie zu Dominas, damit die jungen Herren Gott in seinem ganzen sozialtherapeutischen Furor begreifen: »Liebe ist so wichtig, daß sie auch unter den erniedrigendsten Formen ausgeübt werden muß.«

Die Damen mit der Peitsche sprechen Sozialpädagogen-Prosa pur: »Wir Dominas sind Priesterinnen, die Rituale vollziehen, die die Macht besitzen, durch Unterwerfung und Hinzufügung von Schmerzen eine reinigende Erfahrung zu vermitteln.«

Frau Marie, der ebenfalls theologische Weisheiten in gestochenen Formulierungen aus dem Mund tropfen - Marquise Posa als Marquise de Sade--, muß eine echte Gottesprüfung bestehen: Sie durchleidet eine wilde Affäre mit einem Maler und Kunstrestaurator. Da wälzen sich beide in heißer Umarmung zu Bach-Klängen, der Künstler brennt der Theologin ein Tattoo auf den wohlgeformten Hintern, beträufelt sie mit heißem Wachs und liebt die Gottesfrau im Beichtstuhl. Bibelsprüche heizen das sündig-heiße Getechtel an. Der Maler indes ist verheiratet. Die getäuschte Gottesknechtin hüllt sich in ein Domina-Gewand und verabreicht dem Kerl eine Abreibung.

Schade - die Kunstfertigkeit der Schauspieler unter der Regie von Dominique E. Othenin-Girard kommt nicht an gegen den Plot und dessen simple Botschaft von der Versöhnbarkeit von Trieb und Religion durch Sankt Sado und Sankt Maso.

Zumal der Film die Tyrannei der Lüste mit genauso ehern unbefragbarer Dogmatik ausstaffiert, wie es die Kirche bei der Verdrängung der Triebe tut. »Strafe ist Erlösung«, heißt es lapidar, oder die Dominas verkünden peitschenknallend: »Die Seelen der Männer sind verloren, wir reinigen ihnen die Köpfe.«

Am Ende der »Heiligen Hure« kommt der Allerhöchste ins Spiel. Den sündigen Priester packt die Reue. Da fällt von oben göttlich-helles Licht ein, die heilige Hure nimmt den Sünder in den Arm und geleitet ihn zum Altar - Marie, die Gebenedeite der Lustarbeit, erscheint zur Priesterin erhoben.

Den Beobachter überfällt indes eine schlimme Ahnung: Die Kirche der Zukunft könnte zur Psycho-Selbsthilfegruppe werden, die sich vor allem um sich selbst dreht - mit hohen Frauen an der Spitze.

Das als reaktionär abgetane Apostelwort, wonach die Frau in der Kirche zu schweigen habe - vielleicht müßte man über das dann doch noch mal nachdenken.

* Mit Felix Bresser.

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