Zur Ausgabe
Artikel 68 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NACHRUF Laurence Olivier

aus DER SPIEGEL 29/1989

Den »Statthalter Shakespeares auf Erden« hat man ihn genannt, und als erster seiner Zunft wurde er (1970) zum Peer auf Lebenszeit erhoben, Lord Olivier, Mitglied des Oberhauses.

Der Sohn eines anglikanischen Geistlichen aus Surrey und Hugenotten-Nachkomme, der mit neun Jahren in einer Schüleraufführung von »Julius Caesar« den Brutus, mit 15 in »Der Widerspenstigen Zähmung« die Katharina, mit 75 im Fernsehen noch einmal den König Lear spielte, war der berühmteste britische Schauspieler dieses Jahrhunderts. Er war ein King und »colossus« ("The Times") des kulturellen England auch als Shakespeare-Verfilmer, Chef des »Old Vic«-Ensembles und erster Direktor des britischen Nationaltheaters in London.

Nach einem Kritikerwort »Komödiant aus Instinkt, Tragöde durch Kunst«, brillierte Olivier in den großen Shakespeare-Rollen (Photo: als »Heinrich V.") wie auf dem Boulevard, als John Osbornes »Entertainer« und Terence Rattigans »Schlafender Prinz«, den er auf der Bühne neben Vivien Leigh, seiner zweiten Frau, im Film ("Der Prinz und die Tänzerin") neben Marilyn Monroe spielte, von deren depressiven Extravaganzen bis an den Rand des Fiaskos genervt.

Seine Verwandlungs-Virtuosität, seine Kunst, Verse wie melodiöse Prosa und Prosa als Wörtermusik zu sprechen, bezauberten das Publikum. Sein Perfektionismus wurde legendär - für den Hamlet ließ er sich vom Freud-Biographen Ernest Jones in der Theorie des Ödipus-Komplexes unterweisen, für den Othello trainierte er sich mühsam eine tiefere Stimmlage und »afrikanische« Bewegungen an.

Als er eines Abends besser denn je war und mit Ovationen überschüttet wurde, schloß er sich verstört in seine Garderobe ein. Kollegen, die ihm versicherten, er habe nie besser gespielt, beschied er gequält: »Aber ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe.«

Gern hätte Olivier, aller Klassiker-Priorität zum Trotz, als ein zweiter Cary Grant Hollywood erobert. Das gelang nicht, 1931 lehnte Greta Garbo den jungen Mann als Filmpartner ab; zu mehreren »Oscars« reichte es immerhin. Seine herrische Eleganz und sein »animalischer Magnetismus« (Kollege Ralph Richardson) triumphierten in Filmen wie William Wylers »Stürmische Höhen« und Hitchcocks »Rebecca«, und sie machten auch spätere Auftritte in schwächeren Filmen, darunter so kuriose wie eine Darstellung des Spandau-Häftlings Rudolf Heß, sehenswert.

1982, längst von Krankheiten (Gicht, Muskelschwund, Krebs) zermürbt, erzählte er in seinen bekenntnisfreudigen Memoiren von dem »gnadenlosen Lampenfieber«, unter dem er just auf dem Höhepunkt seiner Karriere fünf Jahre lang gelitten hatte; als er als barfüßiger Ödipus die Bühne betrat, reckten sich seine großen Zehen »kerzengerade in die Höhe«.

Um seine Kunst wollte er kein Geheimnis und kein Brimborium machen. Er sei, schrieb er, immer nur einem einzigen Trieb gefolgt: »to show off«, sich zu produzieren. Seine dritte Frau, die Schauspielerin Joan Plowright, antwortete auf die Frage, ob sie erkennen könne, wann ihr Mann schauspielere und wann nicht: »Oh, Larry spielt immer Theater.«

82 Jahre alt, starb Laurence Olivier - »friedlich«, berichteten Angehörige - letzten Dienstag in seinem Haus in West Sussex.

Zur Ausgabe
Artikel 68 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel