Zur Ausgabe
Artikel 75 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Lausche dem Wasser

Ein reichhaltiges Angebot an Indianerfilmen bringt das Kolumbus-Jahr. Neu im Kino: »Halbblut«, ein Western aus dem Elend der Reservate.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Sehen Sie sich das an: die Dritte Welt, und das mitten in Amerika«, sagt in Michael Apteds Thriller »Halbblut« der alterprobte FBI-Mann Frank ("Cooch") Coutelle (Sam Shepard) zu seinem Partner. Betreten blickt der junge Ray (Val Kilmer), frisch angereist aus Washington, in die Trostlosigkeit des Indianerreservats, auf die verwahrlosten Figuren vor morschen Bretterbuden und Wohnwagen, umgeben von Autowracks und spielenden Kindern im Müll. _(* Mit Val Kilmer, Graham Greene. )

Weil er selber, was er längst schon glücklich aus seinem patriotisch reinen Herzen verdrängt hatte, von einem versoffenen Halbindianer gezeugt worden ist, soll Ray als unverdächtiger Bruder unter Brüdern bei den Sioux im öden Landstrich von South Dakota in einem Mordfall ermitteln - ein wirklich heikler Auftrag angesichts der schweren Zerwürfnisse im Stamm.

Denn wüst terrorisieren die Rabauken des skrupellos regierungstreuen Stammespräsidenten die Gemeinde. Sie zerschlagen gerade den Rest von der Bewegung militanter Traditionalisten, die »wieder ihr Tipi und die Büffeljagd wollen«, wie Cooch erläutert; und womöglich noch »ganz Amerika beanspruchen, von Alaska bis hinunter nach Argentinien oder so«.

Seit Kevin Costner vorletzten Winter im überschwenglich gefeierten Epos »Der mit dem Wolf tanzt« die wahre Seele des roten Mannes fürs Kino entdeckte, seiner Kultur und Sprache huldigte und sein freischweifendes Leben in inniger Harmonie mit den Naturgeistern pries, erscheint der amerikanische Indianer, ob friedfertig oder wutentflammt, in neu ausgeleuchteter Gestalt auf der Leinwand; und in mancherlei neuen Variationen, grundverschieden vom klassischen Western, entrollt sich seine wilde, blutige Saga vom Weg ins Verderben der weißen Zivilisation.

Eine Fülle von Bildern und Thesen über die indianische Tragödie in Vergangenheit und Gegenwart bescheren unter anderem vier Produktionen im Kolumbus-Jahr.

So spinnt der US-Regisseur Michael Mann noch einmal das fabelhafte Garn vom »Letzten Mohikaner« frei nach James Fenimore Coopers unverwüstlichem »Lederstrumpf«-Zyklus; es ist nun schon die 13. Version seit dem ersten Stummfilm des Jahres 1911. Aus den uralten Zeiten der Irokesen und Huronen, denen jesuitische Missionare die frohe Botschaft bringen, erzählt auch Bruce Beresfords »Black Robe«, verfilmt nach dem Roman »Schwarzrock« des Iren Brian Moore.

Im kanadischen Horror-Drama »Die Rache des Wolfes« dagegen, inszeniert vom eingewanderten Polen Richard Bugajski, ist es ein Einzelgänger unserer Tage, der bestialisch Vergeltung übt für die mit Bulldozer-Macht hemmungslos vorangetriebene Zerstörung seiner heimatlichen Wälder: Er kidnappt einen Holzfabrikanten, verschleppt ihn in die Wildnis, treibt ihn im Katz-und-Maus-Spiel immer tiefer ins Entsetzen und zieht dann seinem Opfer nach etlichen anderen Folterritualen mit dem Jagdmesser genüßlich die Haut vom Bein.

Graham Greene heißt der wuchtige Typ, der die Rolle des Rächers spielt. Als Medizinmann Strampelnder Vogel hat der Kanadier vom ureingeborenen Volk der Oneida bereits in Costners Prärie-Pastorale dem weißen Helden so ziemlich die Schau gestohlen. Als Stammespolizist Walter Krähenhengst, smart angetan mit Sonnenbrille, kurvt er nun auch im Reservats-Western »Halbblut« des Engländers Michael Apted durch die bizarre Felswüste der Badlands, ein Pokerface von lakonischer Art und durchtriebenem Witz und ein sinnesscharfer Fährtenleser dazu.

»Sie sollten mal auf den Wind hören«, rät Krähenhengst der »Rothaut aus Washington«, dem »FBI-Indianer« Ray, während er ihm auf die Sprünge hilft im Slum der verschlossenen, verbitterten, verächtlichen Gesichter. »Lausche dem Wasser«, mahnt Grandpa Sam, der in seinem Wohnwagen ständig vorm Fernseher hockt, aber auch regen Kontakt unterhält mit den Geistern der Ahnen. Derweil jagt Ray ahnungslos nach dem flüchtigen Jimmy Zweiblick, dem »letzten Messias« der Protestbewegung, den Cooch sich von Anfang an schon als Täter auserkoren hat.

Die Handlung ist natürlich frei erfunden, aber wirklichkeitsfremd ist sie keineswegs, und bitter real ist der Schauplatz, auf dem sie Apted mit einem großen Aufgebot an einheimischen Akteuren inszenierte: Das Pine-Ridge-Reservat in South Dakota, bevölkert von 12 000 Sioux, figuriert in den Statistiken über Arbeitslose, Trunksüchtige, Kriminelle und Selbstmörder, den Bilanzen von schwer alkoholgeschädigten Säuglingen, fehlernährten Kindern und Jugendlichen ohne Schulabschluß als das elendeste Indianerterritorium der Vereinigten Staaten.

1973 haben die Schlagzeilen aus Pine Ridge die ganze Nation aufgeschreckt, als die Bürgerrechtskrieger vom American Indian Movement aus Protest gegen die Reservatspolitik der Regierung und allem aufgefahrenem Militärgerät zum Trotz 70 Tage lang die Siedlung von Wounded Knee besetzt hielten, jene Walstatt der Schande, auf der an einem verschneiten Dezembertag 1890 die 7. US-Kavallerie ihre letzte Schlacht der Indianerkriege schlug und mindestens 200 _(* Mit Ron Lea, Floyd Red Crow Westerman. ) wehrlose Männer, Frauen und Kinder massakrierte.

Wie es zugeht in der Misere von Pine Ridge, hat Apted schon in einem von Robert Redford mitproduzierten Dokumentarfilm gezeigt. Sein »Incident at Oglala«, in deutschen Kinos bislang nicht dargeboten, nimmt den Fall des Indianerrechtskämpfers Leonard Peltier wieder auf - der sitzt wegen Mordes an zwei FBI-Beamten seit 16 Jahren im Gefängnis, verurteilt aufgrund äußerst fragwürdiger Indizien, wie Apted durch Zeugenaussagen belegt.

Die schmutzige Geschichte vom angehängten Mord hat er nun im Detektivfilm effektvoll variiert. »Fangen wir diesen Indianer-Spinner, und verschwinden wir endlich«, sagt Cooch zu Ray. Doch Ray durchschaut bald mit Hilfe von Krähenhengst und der jungen Lehrerin Maggie Adlerbär das abgekartete Spiel; und bei Nacht und Nebel entdeckt er schließlich auch, worum es in der ganzen Affäre wirklich geht, weshalb der Fluß verseucht ist und die Kinder erkranken: Im Quellgebiet auf dem Rothirsch-Plateau wird heimlich nach Uran gebohrt. In einem Bohrloch liegt Maggies Leiche.

Als abtrünniger Agent auf der Seite der Geschundenen, von Geistererscheinungen heimgesucht, überläßt sich das Halbblut Ray der magischen Welt seiner Väter und erblickt im tiefsten Elend sogar schon die Zeichen einer besseren Zeit. Denn nach der großen Autoverfolgungsjagd, beim kunstgerechten Showdown, als Ray seinen Häschern bereits auf Gnade und Barmherzigkeit ausgeliefert scheint, taucht zum ironisch-triumphalen Finale auf dem Kamm des Berges eine Übermacht indianischer Krieger auf.

So siegt auch bei Apted der Traum von der Gerechtigkeit über die finsteren Mächte der Realität.

* Mit Val Kilmer, Graham Greene.* Mit Ron Lea, Floyd Red Crow Westerman.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 75 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.