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ABENTEUER Lausig kalt

Allein im Höhenballon über den Atlantik - ein amerikanischer »Haudegen« schaffte es als erster. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Tausende hatten sich vor der amerikanischen Provinzstadt Caribou (US-Staat Maine) versammelt. Ein Mann hielt eine Ansprache über »Wagemut des einzelnen« und »die Größe der Nation«, die Menge sang, die rechte Hand am Herzen, »God Bless America«.

Dann ließ Joe Kittinger Champagner schäumen, küßte seine Freundin und bestieg die Gondel seines heliumgefüllten Ballons. »Ich will alle Rekorde brechen«, rief er und schwebte von hinnen. Solche Männer braucht das Land.

84 Stunden später, am Dienstag letzter Woche, purzelte der Ballonfahrer wie eine reife Frucht wieder hernieder: von einem Baum unweit des italienischen Städtchens Savona (nahe Genua), auf dem sein Ballon gelandet war.

»Ich wurde aus der Gondel geschleudert«, erzählte er, »dann verspürte ich einen stechenden Schmerz im Fuß« - der Knöchel war gebrochen. Kurze Zeit später bargen die Rettungsmannschaften den Ballonier und brachten ihn ins Krankenhaus von Nizza. Das Bein in Gips, das Selbstbewußtsein ungebrochen, verkündete er dort: »That's the American way.«

Kittinger, 54, hat die an wagemutigen und übermütigen Unternehmungen reiche Geschichte der Ballonfahrt um ein weiteres Kapitel bereichert: Er ist der erste, dem mit einer Gashülle die Solo-Überquerung des Atlantiks gelang. Obendrein stellte er auf seinem 5600-Kilometer-Trip einen Langstreckenrekord für Solo-Ballonfahrten auf. Gegen die Langeweile half ein Cassetten-Recorder mit Country-und-Western-Musik, gegen die Kälte in der oben offenen Plastikgondel von der Größe eines VW-Golf half nichts: »In 5000 Meter Höhe«, so die Erkenntnis des Luftschiffers, »ist es lausig kalt.«

Während eines großen Teils der Reise wurden Kittinger und sein Leviathan der Lüfte, dem er den seltsamen Namen »Rosie O'Grady Balloon of Peace« gegeben hatte, von langsamen Propellerflugzeugen begleitet - gechartert von amerikanischen Zeitungen und TV-Gesellschaften, die den »einsamen Mann in den Wolken« ("New York Post") nach erfolgter Bruchlandung sogleich zum Helden aufpumpten: »Ein historisches Ereignis«, jubelte die »Washington Post«, die »Daily News« sprach von einer »Ruhmestat«, und für die Fernsehgesellschaft NBC war Kittinger der »Stolz der Nation«. Der Mann wird nicht umhin können, seinem Präsidenten und Mrs. Reagan die Aufwartung zu machen.

Denn der ehemalige Fallschirmspringer und Düsenjägerpilot ist ein Mannsbild so recht nach dem Geschmack von Reagan und seinem Amerika: ehemaliger Oberst der US-Luftwaffe, 1972 über Hanoi abgeschossen, ein Jahr lang in vietnamesischer Gefangenschaft, Tapferkeitsmedaille - »ein Haudegen«, wie er über sich sagt, der schon immer »den Gipfel des Abenteuers suchte«. 1960 etwa sprang Kittinger, auch dies ein

Rekord, fallschirmbewehrt in einer Höhe von 31 Kilometern aus einer Ballongondel und durchsauste 26 Kilometer im freien Fall.

Hätten ihn widrige Gewitterwinde nicht in Italien zur Erde gedrückt, wäre der Wagehals mit seinem »Ballon des Friedens« weiter nach Osten geschwebt - wenn möglich sogar bis ins Zentrum des »Reichs des Bösen« (Reagan), nach Moskau. »Ich wollte dies nicht aus politischen Gründen«, so der Pilot des Jumbo-Ballons, »sondern weil es die längstmögliche Strecke ist.«

Daß die Russen solchem Rekordstreben in ihrem Luftraum nicht unbedingt verständnisvoll begegnen, hatten der deutsche Ballonier Hugo Kaulen und seine zwei Begleiter schon vor 71 Jahren erfahren müssen. Mit ihrem Wasserstoffballon »Duisburg« waren sie am 13. Dezember 1913 in Bitterfeld gestartet; vier Tage später - der Langzeit-Rekord hatte über ein halbes Jahrhundert Bestand - landeten sie in der 2827 Kilometer entfernten Ural-Stadt Perm. Halb erfroren wärmte sich das Trio zunächst in einer Schnaps-Budike, dann kam die zaristische Geheimpolizei und verhaftete die Ballonfahrer als Spione. Sechs Tage später wurden die drei abgeschoben.

Doch der Traum-Trip aller Ballonfahrer war seit jeher die Überquerung des Atlantik. Den ersten Versuch unternahm vor 111 Jahren der Amerikaner W. H. Donaldson; er startete mit dem Gasballon in New York und landete wenige Stunden später unrühmlich, aber immerhin lebendig, in den nahe gelegenen Catskill Mountains.

Donaldsons mißglücktem Erstversuch folgten noch zahlreiche Starts über das große Meer: *___Eine Bruchlandung mitten im Atlantik machten 1958 vier ____britische Ballonfahrer, die der Entdecker-Route von ____Columbus nachfliegen wollten. Sie erreichten die Neue ____Welt zu Wasser - in ihrer Gondel, die als Boot ____konstruiert war. *___Mit ihrem Ballon »Free Life« verschwanden 1970 drei ____Ballonfahrer, unter ihnen die Filmschauspielerin Pamela ____Brown, über dem Nordatlantik - sie tauchten nie wieder ____auf. *___Mit einer seltsamen Konstruktion von zehn miteinander ____vertäuten durchsichtigen Ballons versuchte der ____Amerikaner Thomas Gatch 1974 die Atlantik-Reise - 1600 ____Kilometer vor Afrika wurde er zum letztenmal gesichtet; ____seine kugelförmige Überdruckkammer war unsinkbar, er ____offenbar nicht. *___Immerhin viereinhalb Tage hielt sich 1976 der ____Amerikaner Ed Yost, der den Ballon des Rekord-Helden ____Kittinger konstruiert hat, in der Luft; 850 Kilometer ____vor der portugiesischen Küste zwangen ihn Wirbelwinde ____zur Landung - er erreichte Gibraltar an Bord eines ____Frachters.

Erst 1978, bis dahin waren 40 Cross-Versuche gescheitert und sieben Menschen dabei ums Leben gekommen, schafften die Amerikaner Ben Abruzzo, Larry Newman und Maxie Anderson die Atlantik-Überquerung mit einem Ballon: In ihrem »Double Eagle II« gondelten sie von der US-Küste bis in die Nähe von Paris - eine Gegend, die Ballonfahrern gleichsam als heiliger Boden gilt. Dort war 1783 der französische Physikprofessor Jacques Charles nach dem ersten Langstreckenflug der Ballongeschichte (Distanz: 24 Kilometer) gelandet, empfangen von verängstigten Bauern, die mit Mistgabeln auf den Ballon (und den armen Professor) einstachen: Sie dachten, der Mond habe die Erde angegriffen.

Wesentlich friedlicher gestaltete sich 201 Jahre später die Niederkunft des Charles-Epigonen Kittinger, der in Nizza von einer Freundin (einer anderen als in Maine) mit einem Kuß und von zahlreichen Gratulanten mit Hochrufen begrüßt wurde.

Als nächstes wolle er, so gab er bekannt, »möglicherweise den Pazifik« per Einhand-Ballonfahrt überqueren, sich dann um den »Geschwindigkeitsrekord zu Lande« kümmern und dann irgend etwas anderes unternehmen, »bei dem man sich mehr als den Knöchel brechen kann«. God bless.

[Grafiktext]

GRÖNLAND ISLAND Caribou (USA) Flugroute des Freiballons »Rosie O''Grady« Savona (Italien) ATLANTIK AFRIKA

[GrafiktextEnde]

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