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UNTERHALTUNG / BEAT Lauter Schmerzen

aus DER SPIEGEL 21/1967

Mit einem Präzisionsschallpegelmesser vermaßen bayrische Verwaltungsrichter die Geräusche im Münchner Circus-Krone-Bau. Beim Auftritt der britischen Beat-Band »The Who« registrierten die Juristen die Ton-

* In einer Parodie auf Shakespeares »Sommernachtstraum«.

stärke einer Hammerschmiede: 117 Phon im Umkreis der Artisten und 105 Phon im Auditorium -- ein Lärm an der Schmerzwelle.

Solch gesundheitsschädliches Getöse, entschied jetzt der Vierte Senat des Verwaltungsgerichtshofs München, darf nicht mehr als Musik gelten -- es ist vielmehr ein Vergnügen. Und deshalb sind Beat-Vorstellungen in Bayern von nun an vergnügungssteuerpflichtig -- im Gegensatz zu Konzerten und sonstigen musikalischen und gesanglichen Aufführungen«. Für alle öffentlichen Beat-Laute sind künftig zwischen Main und Alpen 20 Prozent der Veranstaltungseinnahmen in die Gemeindekasse abzuführen.

Anlaß zu dieser Entscheidung gab der Nürnberger Gastspielmanager Karl Buchmann, 43, der gerichtlich geklärt haben wollte, ob die Stadt München ihm zu Recht 37 498,24 Mark Vergnügungssteuer für ein »Beatles«- und ein »Rolling Stones« -Konzert abverlangen darf.

Der Gastspieldirektor hatte die Zahlung verweigert und sich auf die liberale Neufassung des bayrischen Vergnügungssteuergesetzes berufen. Danach dürfen im Freistaat auch Überschall-Musiker steuerfrei trommeln, blasen und singen. Im neuen, 1965 erlassenen Gesetz nämlich verzichtete der bayrische Landtag auf den früheren dehnbaren Zusatz, wonach nur Musikveranstaltungen »von künstlerisch hohem Wert« abgabenfrei waren. (Berlin und Hamburg beispielsweise belasten Beat-Veranstaltungen schon immer mit zehn Prozent Vergnügungssteuer.)

Dennoch hatte die Münchner Stadtverwaltung Buchmann für seine bayrischen Beat-Darbietungen eine Steuerrechnung ins Haus geschickt. Den Widerspruch des Managers wies die Regierung von Oberbayern ab: »Durch zahlreiche elektrische Tongeräte wird die Musik in einem Maße verstärkt, das sie des Charakters der Musik im üblichen Sinne weitgehend entkleidet und schier als Lärm erscheinen läßt.«

Diese Laien-Meinung über die »erste kosmopolitische Volksmusik der Geschichte« (so der Bachpreisträger Werner L. Fritsch zum Beat) focht Buchmann zunächst erfolgreich vor dem Verwaltungsgericht an -- doch die Stadt München legte Berufung ein und fand in den bayrischen Richtern der letzten Instanz Gleichgesinnte.

Denn auch sie sind der Meinung, daß ein Beat-Abend durch »Schreien, Pfeifen, Stampfen, gymnastische Verrenkungen usw.« gekennzeichnet sei, »was zusammen mit der übermäßigen Lautstärke der Darbietung zu einer infolge der hohen Phonzahl das körperliche Wohlbefinden eines normalen Durchschnittsmenschen beeinträchtigenden Situation führt« (so die Berufungsschrift).

Nach dem Urteil klagte Buchmann-Anwalt Alfred Meier: »Nun sind alle großen Beat-Konzerte für Bayern gestorben«.

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