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Lauter Treffer

Band 24 der SPIEGEL-Edition: Hans Magnus Enzensberger untersucht in seinen Essays die Bewusstseinsindustrie der jungen Bundesrepublik.
Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 4/2007

Die in den »Einzelheiten« gesammelten Essays entstanden zwischen 1957 und 1962. Sie stammen also alle aus den deutschen Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderjahren, ja, sie bilden diese in einer luziden, analytischen, aber auch hinterhältig-vergnüglichen Weise ab.

Der junge Enzensberger, damals in seinen späten Zwanzigern, nahm sich das Triviale wie das Hohe der gerade etablierten Bundesrepublik vor, er untersuchte die Gruppe 47 genauso wie den Neckermann-Katalog. Und er zeigt schon damals seine ganze Meisterschaft. Er ist genau, er ist beweglich, er ist tänzelnd leicht. Er schreibt, wie Muhammad Ali boxte, als er noch Cassius Clay hieß. Beide feierten ihre frühen Siege etwa zur gleichen Zeit.

Als einer der Ersten überhaupt beugte sich Enzensberger über das, was er »Bewusstseins-Industrie« nannte, jenes komplexe Erzeugungssystem von Meinungen, intellektuellen Strategien, Propaganda und Diskursen, das den Marxschen »Überbau« mitkonstruierte und von den Kulturkritikern um Adorno und Horkheimer als »Verblendungszusammenhang« oder »falsches Bewusstsein« kritisiert wurde.

In seinen Erkundungen geht Enzensberger mäandernd vor. Er stürmt nicht sofort dem Feldherrnsessel der zentralen theoretischen Erklärung zu, sondern er erkundet das Gelände. Er mischt sich unter die Leute, buchstäblich, er ist mittendrin.

Wenn er etwa den gerade massenhaft siegenden Taschenbuchmarkt beschreibt, steht er mit den Kunden am Drehregal, und die Bilder, die er erzeugt, sind in ihrer Eindrücklichkeit die eines Lyrikers. »Harmlos, beinah leichtfertig, wie ein anmutiges Spielzeug steht der neue Baum der Erkenntnis vor den gläsernen Ladentüren ... Ein Fingerdruck versetzt es, wie ein kleines Karussell, in sanfte Rotation. Seine bunt lackierten Früchte gleiten einladend vorbei.« Ein paar Absätze lang hängt diese Lust am Mobile über den Sätzen, und mit jedem Kreisen ergibt sich ein neuer Gedanke, eine neue Komplikation, eine neue Deutung, bis es schließlich Zeit wird für ein paar zusammenfassende Feststellungen.

In Partikeln der Trivialkultur, schon damals, entdeckte Enzensberger oft mehr Wahrheit als im Staatsakt. Später sollte er seine linke Gefolgschaft genau mit dieser Methode provozieren. Enzensberger war viel zu sehr Künstler, um je den Versuchungen zu erliegen, die von den Herrschaftsposen der Dogmatiker ausgingen.

Das heißt nicht, dass nicht auch Enzensberger zu Rigorismus in der Lage war. Im Gegenteil. Das berühmte Kernstück seines Essay-Buches »Einzelheiten« ist ohne Zweifel seine Untersuchung »Die Sprache des Spiegel«, in der er dem Magazin die Leviten liest. Er ist sich der Virtuosität seiner Mittel bewusst. Er ist der Kritiker des Journalismus, und er führt gleichzeitig überaus elegant vor, wie sich dessen Bestecke handhaben lassen: die Recherche, die Analyse, die Glosse. Die Aufbereitung des Materials und die überraschende Wendung. Kein Wunder, dass sich Rudolf Augstein, der SPIEGEL-Herausgeber, die Pointe nicht entgehen ließ, Enzensbergers zunächst als Radio-Dialog veröffentlichten Beitrag im SPIEGEL selber abzudrucken.

Als Enzensberger damals für seine Zusammenarbeit mit dem SPIEGEL als inkonsequent kritisiert wurde, antwortete er mit der ihm eigenen Geschmeidigkeit: Warum solle man seine Kritik nur in den der reinen Linie verpflichteten Rand-Medien äußern, wenn man stattdessen das ganz große Megafon zur Verfügung gestellt bekommt?

Tatsächlich war Enzensbergers Kritik sehr genau. Er beschrieb die eigens im SPIEGEL erfundene Sprache und ihre Funktionen. Es war eine oft sehr unterhaltsame, polemische, interessante Kunstsprache, die sich, wie Enzensberger feststellte, ihre Leser regelrecht erzog. Bis weit in die neunziger Jahre hinein war es nicht üblich für Redakteure, ihre Beiträge namentlich zu kennzeichnen. Ja, bisweilen bestand die Wucht von SPIEGEL-Auftritten gerade darin, dass sie von einem anonymen Kollektiv - also dem gesamten SPIEGEL-Apparat - ausgewiesen wurden.

So ganz zu sich selbst kommt seine Sprache, wenn es um poetologische Fragen geht, um das Verhältnis von Politik und Lyrik, wenn er die Geschichte des Herrscherlobs untersucht und die totalitären Schüler Platons mit den »politisch unzurechnungsfähigen Söhnen des deutschen Bürgertums« vergleicht und keinen Zweifel daran lässt, dass seine Sympathie den Letzteren gehört, den nicht domestizierbaren, den nicht »brauchbaren« Trakl und Stadler und Mandelstam und Eliot.

Enzensbergers Essays lassen sich bis heute mit Gewinn lesen. Sie haben den Test der Zeit bestanden, nicht zuletzt, weil sie neben dem Interesse, das sie an ihren Gegenständen wecken, immer auch mit der Geschmeidigkeit ihres Stils beeindrucken - mit einer Eleganz, die auch heutzutage ein seltener Glücksfall ist. MATTHIAS MATUSSEK

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