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Autoren Lava in der Kuchenform

Von Doja Hacker
aus DER SPIEGEL 6/1995

In Italien ist ein Wunder geschehen. Sein Ort ist der Literaturbetrieb, seine Heldin eine knabenhafte Frau von 37 Jahren, sein Gegenstand ein Roman. »Geh, wohin dein Herz dich trägt« - dieser Maxime eines Samurai aus dem 17. Jahrhundert folgen zur Zeit, zwischen Bozen und Palermo, die lesenden Menschen, vom Enkel bis zur Großmutter.

»Va'' dove ti porta il cuore«, erschienen im Januar 1994, sauste kometengleich in den Bestsellerhimmel und plazierte sich im Herbst direkt hinter dem Papst und noch vor dem neuen Roman von Umberto Eco. Vor wenigen Wochen überschritt seine Auflage die Millionengrenze.

Susanna Tamaro, die das Buch verfaßt hat, erlitt ob des unerwarteten Erfolges einen Nervenzusammenbruch. Jeden Tag sah sie ihr Gesicht in einer anderen italienischen Zeitung und las Sätze, die sie nie gesagt hatte. Sie erhielt Tausende von Telefonanrufen, Säcke voller Post.

Die Menschen dankten ihr von Herzen. Sie hatten, ergriffen von der Zauberformel des Titels und gestärkt durch dessen Botschaft, den Mut gefaßt, ihr Leben zu ändern. »Gestern hab ich meinen Mann hinausgeworfen«, schrieb eine Leserin.

Dabei handelt es sich bei Tamaros nun auch auf deutsch vorliegendem Roman um alles andere als um eine feministische Kampfschrift; das Buch ist ein einziger Appell an die Versöhnung, an die Barmherzigkeit, an die Geduld. Es enthält den Lebensbericht einer 80jährigen, geschrieben an ihre Enkelin in Amerika*.

Der lange Brief ist Großmutters Testament, ein Sammelsurium der Erkenntnisse fürs wahre Leben, selbstgewonnener und quer über den Planeten aufgelesener. Alles verträgt sich gut miteinander: _(* Susanna Tamaro: »Geh, wohin dein Herz ) _(dich trägt«. Aus dem Italienischen von ) _(Maja Pflug. Diogenes Verlag, Zürich; 192 ) _(Seiten; 32 Mark. ) Buddhismus, die alten Griechen, Christliches, Jüdisches, Indianisches, Chinesisches, Japanisches.

Wie ist es möglich, rätselten die italienischen Leser, daß eine Frau von 37 Jahren weiß, was man mit 80 vom Leben begriffen haben kann. Woher diese frühe Altersweisheit? »Ach was«, sagt Tamaro, »ein Schriftsteller muß vom Leben anderer Besitz ergreifen können, sonst ist er keiner.« Sie hat ein paar Jahre mit ihrer Großmutter zusammengelebt. Das mag geholfen haben.

Die Erzählung umfaßt vier Generationen von Frauen, von der Jahrhundertwende über Faschismus und Weltkrieg bis zu den Roten Brigaden.

Die alte Dame berichtet von ihrer Kindheit bei einer Mutter, die der Tochter »regungslos und feindselig wie ein Janitschar« im Gedächtnis geblieben ist; sie beschreibt ihre eigene Tochter, die in eine Zeit hineinwuchs, in der es die Bourgeoisie zu vernichten galt.

Sie erzählt schließlich auch von sich selbst, davon, daß sie ihr Leben lang »nur gelogen« habe, um manchmal glücklich sein zu können. Jetzt, da sich die Enkelin entschieden hat, ihrer Nähe zu entfliehen, will die Großmutter Rechenschaft ablegen.

Es geht um die Ergründung der menschlichen Seele, um keine leichtere Frage als die, ob das Leben des einzelnen vorherbestimmt ist oder nicht, um Zufall und Schicksal. Am Ende stehen zwei, wenn auch nicht gerade froh stimmende, so doch kaum zu widerlegende Erkenntnisse: »Wenn das Leben ein Weg ist, so ist es ein Weg, der immer bergauf führt«, und »wenn das Leben einen Sinn hat, so ist dieser Sinn der Tod«.

Wer glaubt, dieses beides schon zu wissen und das Buch nicht lesen zu sollen, dem würde die Erzählerin antworten: Der Weg ist das Ziel. Jener »geheimnisvolle Weg, der von der Unversöhnlichkeit zur Barmherzigkeit führt«. Ihm ist der Roman gewidmet. Literarisch erinnert er mit seiner bewußten Naivität an Hesses »Siddhartha« und Saint-Exuperys »Der kleine Prinz«.

Das Buch balanciert am Abgrund des Kitsches, es verblüfft durch die Leichtigkeit, mit der das Schwere verhandelt wird, durch das unerschrockene Bekenntnis zur Überlegenheit des Gefühls. Auch durch seine vollständige Freiheit von Sarkasmus, Zynismus, Ironie. »Gefühle«, sagt Susanna Tamaro, »sind heute ein stärkeres Tabu als der Sex.« Und: »Ironie wird in Italien nicht verstanden.«

Die Vergleiche, die die Erzählerin heranzieht, um die Beschaffenheit der Seele zu beschreiben, zeugen immer wieder von einem beherzt hausfraulichen Sprachgefühl: Tränen, die nicht herauskönnen, lagern sich als eine Kruste auf dem Herzen ab und legen es lahm, »wie der abgelagerte Kalk mit der Zeit den Mechanismus einer Waschmaschine lahmlegt«.

Leidenschaft gebärdet sich wie ein Kuchen, bei dem Hefe und Mehl nicht richtig vermischt wurden; solcher Kuchen erhebt sich nur auf der einen Seite, platzt auf, und der Teig quillt wie Lava über den Rand der Form.

Aber das Buch verträgt diese Küchen-Metaphorik schadlos, und die Erzählerin ist allem Spott voraus: »Jeder empfängt Anstöße aus der Welt, die er am besten kennt.«

Vier Bücher hat Tamaro bisher veröffentlicht. Vor »Geh, wohin dein Herz dich trägt« den Roman »Kopf in den Wolken«, den Erzählungsband »Love« mit düsteren fatalistischen Geschichten und ein Kinderbuch. Ihr dichtestes Stück Literatur aber ist ein kleines Heft mit dem Titel »Die Demut des Blicks. Wie ich zum Schreiben kam«.

Es ist ihr poetischer Lebensbericht, die Geschichte eines apathischen Kindes, eines »stumpfsinnigen kleinen Mädchens mit sehr wenig Selbstvertrauen«, dem es gefallen hätte, Offizier zu werden, obwohl es alle Situationen verabscheute, in denen Menschen zechen und prassen.

Ein Mädchen, das mit sechs Jahren zum Einsiedler wurde und eine Leidenschaft entwickelte, die Dinge der Natur zu katalogisieren. Ein Mädchen, das sich später, anstatt über Godard zu diskutieren, lieber in eine Theatergarderobe schlafen legte, und das eines Tages beim Blick auf den schlammigen Tiber die Wörter entdeckte.

Eine junge Frau, die krank wurde und der die Ärzte nicht mehr viel Zeit zum Leben gaben. Eine erwachsene Frau, die zu Kräften kam und ihre Bücher veröffentlichte. Tamaros Geschichte.

Das Foto im Heft zeigt ein koboldhaftes Wesen mit breiter Stirn, von der stümperhaft geschnittene blonde Strähnen widerspenstig abstehen, mit den Ohren um die Wette. Der runden Brille gelingt es nur knapp, die schrägen Augen zu umrahmen. Das Lächeln wirkt ungeschützt. Eine Seite des Hemdkragens ist eingeknickt. Sie sieht aus wie ein Schulkind, das bis zur letzten Minute im Bett geblieben ist und sich dann in Windeseile anziehen mußte.

Seit Fellini ihren Erzählungsband »Love« lobte und seit ihre Ähnlichkeit mit Giulietta Masina bemerkt wurde, wird Tamaro fotografiert wie die Clownfrau in »La Strada«.

Aber Susanna Tamaro ist anders. Sie hat eine dunkle feste Stimme, und sie scheint genau zu wissen, was sie will und kann. Sie lebt lieber mit Frauen zusammen als mit Männern, und sie ist nicht lesbisch, auch wenn die italienischen Journalisten darauf bestehen.

Fellinis Anruf erwischte sie beim Bügeln an einem Sonntag. Sie dachte, jemand erlaube sich einen Scherz, aber dann erkannte sie seine Stimme, »eine sehr weibliche Stimme, sehr knödelnd«. Der Regisseur half ihr im entscheidenden Moment: Als »Love« wegen zu geringer Nachfrage aus den Buchhandlungen zurückgezogen werden sollte, machte Fellini die italienischen Kritiker auf Susanna Tamaro aufmerksam.

Eher geschadet, so glaubt sie, habe ihr dagegen der Vergleich mit dem Großonkel, dem Triester Schriftsteller Italo Svevo. Wenn sie etwas mit Svevo gemein habe, so sei es die Reaktion der Verleger auf die frühen Manuskripte. »Miserables Italienisch«, lautete der Vorwurf. »Danach habe ich mir eine italienische Grammatik besorgt.«

Tamaro, die zusammen mit einer Freundin, vielen Katzen und einem Hund in der Nähe von Orvieto wohnt, fühlt sich immer noch »deplaziert« in Italien. Sie stammt aus Triest, nicht aus Rom; sie gehöre eher zu einer nordischen, europäischen, sogar deutschen Kultur, sagt sie.

Fast zehn Jahre erhielt die Schriftstellerin von den Verlagen nur Absagen. »Keinerlei Talent« wollte man ihr bescheinigen, ihre Erzählungen seien »zu deutsch«. »Sklerotische Elefanten, die sich nicht mehr bewegen können«, nennt Tamaro heute diese Verleger.

Sie schreibt nur wenige Monate im Jahr, in dieser Zeit aber 14 Stunden am Tag. Den Rest des Jahres widmet sie ihrem Gemüsegarten, dem Kampfsport Karate, oder sie studiert Insekten. Wenn sie melancholisch wird, löst sie mathematische Gleichungen.

Bis zu ihrem 40. Lebensjahr möchte Tamaro noch zwei Bücher schreiben. Dann keins mehr. »Je weiter ich mit dem Schreiben komme, desto dichter stehe ich vor einer Mauer. Diese Mauer zu durchdringen, würde mich umbringen.«

Für die kommende Dekade ihres Lebens plant sie, Medizin zu studieren und Kinderärztin zu werden. Das Geld, das sie mit ihrem Erfolgsroman verdient hat, soll helfen, den Traum zu verwirklichen. Für diese Chance dankt sie dem Ruhm. Der Rest sei Qual.

»Schreiben ist eine physische Haltung«, sagt Tamaro. »Eine Tür öffnet sich, man begeht einen Raum, den man noch nie gesehen hat. Dieser Prozeß vollzieht sich in einer ungeheuren Anspannung.« Weil sie sich vor dem Reisen fürchtet, träumt sie, wenn sie zu schreiben beginnt, von Schiffen, Eisenbahnen, Flugzeugen.

Neulich träumte sie von einer U-Bahnfahrt. Die Stationen wurden immer finsterer und leerer. »Bei der Endstation öffne ich die Tür, und ein Mönch steht vor mir. Ich frage ihn nach dem Ausgang, er antwortet, nein, Sie müssen noch tiefer, und schlägt die Tür wieder zu.« Der Traum macht ihr angst. »Deshalb werde ich mit dem Schreiben aufhören. Ich möchte noch etwas leben.« Y

Beim Blick auf den schlammigen Tiber entdeckte sie die Wörter

* Susanna Tamaro: »Geh, wohin dein Herz dich trägt«. Aus demItalienischen von Maja Pflug. Diogenes Verlag, Zürich; 192 Seiten;32 Mark.

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