Verlogenes »Layla«-Verbot Singt es laut heraus!
Bordellfenster in Hamburg (Archivbild)
Foto:Christian Charisius/ dpa
Es ist Urlaubszeit, die Deutschen enthemmen wieder auf Mallorca oder feiern Open Airs. Und auch ein Sommerhit zeichnet sich ab: Der Gassenhauer »Layla« des Musikerduos DJ Robin & Schürze steht seit drei Wochen auf Platz eins der Charts – und nun auch auf dem Index von Volksfestbetreibern in Würzburg und Düsseldorf. Denn es geht darin um eine Prostituierte.
Den Song deshalb auf Partys zu verbieten, ist allerdings weitaus problematischer, als das Lied zu singen. Denn es offenbart die deutsche Doppelmoral im Umgang mit Sexarbeit.
Es gibt hierzulande so viele Sexarbeitende, dass Deutschland oft »Bordell Europas« genannt wird. Genaue Zahlen sind schwierig zu erheben, denn keiner gibt gern einen Puffbesuch zu, aber Schätzungen zufolge nehmen jeden Tag eine Million Männer eine sexuelle Dienstleistung in Anspruch. Es sind junge und alte Männer, Arbeitslose und Manager, manche kommen am Vormittag, andere nachts nach dem Besuch des Schützenfests oder der Kirmes. Das ist in Würzburg so und auch in Düsseldorf.
Natürlich muss man »Layla« nicht mögen. Es ist ein schlechter Ballermannhit. Ein karnevalistisch stampfender Synthesizer-Sound, in den Strophen kaum Melodie. Der Refrain ist dafür gemacht, ihn mit sehr schwerer Zunge mitzugrölen: »La-la-la-la-la-la-la-Layla«, gereimt wird dann schlicht auf »geiler«. Das anstößigste Wort in dem Text ist »Puffmama«. Das ist niedlich im Vergleich zu anderen Bezeichnungen und noch weit entfernt von sexistischen Raptexten.
Nun ist es jedem freigestellt, auf seiner Party nur Songs zu spielen, die er gut findet. Das gilt auch für Volksfeste. Doch die scheinheilige Begründung, gestützt von der Politik, ist ärgerlich. Der Chef des Düsseldorfer Schützenvereins ließ verlauten, der Text von »Layla« entspreche »in keiner Weise den Gepflogenheiten seines Traditionsvereins«. Diese Entrüstung ist interessant: Darf man nur von Dingen singen, die man selbst auch praktiziert? Gibt es womöglich Menschen mit Waffenschein, die noch nie vom horizontalen Gewerbe gehört haben? In solchen Fällen von Weltfremdheit wäre »Layla« natürlich ein Schocker.
Auch der Sprecher der Stadt Würzburg Christian Weiß sagte, er wolle den Text von »Layla« nicht hören. Damit verkennt die Stadtverwaltung aber eine gesellschaftliche Realität. Macht die Augen auf!, möchte man den Stadtobersten zurufen: Sex ist hierzulande eine Dienstleistung, die gewollt und seit zwanzig Jahren gesetzlich geregelt ist.
23.700 Prostituierte tragen zurzeit einen sogenannten Hurenpass, so wie es das – freilich umstrittene – Prostituiertenschutzgesetz von 2017 vorschreibt. Vor Corona waren es mehr als 40.000. Die Dunkelziffer liegt wesentlich höher, weil die meisten Sexarbeiterinnen diese Registrierung ablehnen. In einer Branche, in der ausschließlich unter Decknamen gearbeitet wird, möchten sie nicht ihre Anonymität aufgeben und sich mit Namen, Adresse und Foto als Prostituierte etikettiert anbieten.
Eine Zensur von Liedern wie »Layla« verschärft diese soziale Ausgrenzung. Sie geht auf Kosten der Frauen, während Männer sich moralisch erheben über das, was andere Männer als Dienstleistung fordern. Denn ein Maulkorb sät Scham und drängt Dinge ins Verborgene. Wer nicht mit dem Wort »Puffmama« in einem Partysong daran erinnert werden will, dass es in seiner Stadt Prostitution gibt, sorgt dafür, dass diese Frauen unsichtbar bleiben.
Es wäre ehrlicher, auf dem Volksfest über Prostitution zu singen und damit zuzugeben, dass es sie gibt. Nicht moralinsauer zu verurteilen, sondern realitätsnah zu bleiben. Es würde Sexarbeitenden helfen, wenn offen über sie geredet werden würde. Darüber, wie Zwangsprostitution verhindert und freiwillige Sexarbeit von ihrem Stigma befreit werden kann. Darüber, welche Bedürfnisse Frauen im Gewerbe haben. Nur so könnten Strukturen entstehen, die allen Seiten das Leben erleichtern und Einvernehmlichkeit erst möglich machen könnten.
Es ist eine Debatte, die im Feminismus permanent geführt wird und in der die Positionen sehr weit auseinanderliegen. Die einen sagen, nur Legalisierung könne helfen, Prostitution zu entstigmatisieren, und argumentieren, Sexkauf müsse als Fakt akzeptiert werden. Andere entgegnen, saubere Prostitution gebe es nicht. Sex gegen Geld könne nie einvernehmlich sein und sei deshalb immer eine Form von Gewalt.
Fest steht: Zuhälterei und Gewalt entstehen vor allem dort, wo Prostitution tabuisiert wird. Wenn Frauen sich aus Angst vor Vorverurteilung nicht an die Polizei wenden können, sondern andere »Beschützer« brauchen. Man darf deshalb nicht so tun, als habe man von einer Puffmama Layla nie gehört. Damit ist niemandem geholfen. Singt es besser laut heraus.