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LITERATUR Leben im toten Winkel

aus DER SPIEGEL 25/2003

Vielleicht wird sie es ja noch schaffen, ganz Nordamerika auf ihre Weise literarisch zu kartografieren, all jene kargen, unwirtlichen Hinterwäldlergegenden, die sonst nicht gerade den Enthusiasmus von Erzählern erregen. In ihren Geschichten erweckt die Spätstarterin Annie Proulx, 67, die erst vor anderthalb Jahrzehnten ihren ersten Erzählband veröffentlichte, die toten Winkel des Kontinents zum Leben: Neufundland war es in »Schiffsmeldungen« (1993), Wyoming in »Weit draußen« (1999), und jetzt hat Proulx ihre Fabulierfreude auf einen besonders gottverlassenen Landstrich gerichtet: die Steppe an der Grenze zwischen Texas und Oklahoma.

Schweinefarmen wollen - gegen den Willen der Einheimischen - auf dem billigen, ausgelaugten Ranchland noch ihre umweltverpestende Herrschaft errichten, und der Held von Proulx'' Roman »Mitten in Amerika« ist denn auch ein Späher für ein Konglomerat namens Global Pork Rind ("Globale Schweineschwarte"), der passende Ranches auskundschaften soll. Aber der junge, zu kapitalistischer Hinterhältigkeit denkbar unbrauchbare Träumer Bob Dollar lernt rasch, das Land nicht nach seinem Nutzwert abzuschätzen, sondern als Ort uramerikanischer Traditionen - hier wurde der Cowboy-Mythos geboren - und als Heimat zu betrachten.

Mit seinem wissbegierigen Helden, der vor allem als Auge und Ohr der Autorin dient, liest sich »Mitten in Amerika« weniger wie ein Roman denn wie eine höchst kurzweilige Geschichtsstunde, reich gespickt mit Anekdoten und Fabeln über die Besiedelung des Landes, aber auch mit den Fakten des gegenwärtigen gesellschaftlichen Wandels, der in einer Umweltkatastrophe zu enden droht. Von der Verklärung ihres toten Winkels ist Proulx weit entfernt, auch wenn sie ihn voller Wonne mit Wagenladungen knarziger Typen namens Rope Butt, Ribeye Cluke oder Freda Beautyrooms bevölkert.

Annie Proulx: »Mitten in Amerika«. Aus dem Amerikanischen vonMelanie Walz. Luchterhand Literaturverlag, München; 512 Seiten; 25Euro.

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