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Lebewohl dem Kalten Krieg

aus DER SPIEGEL 47/1989

Als sie die Mauer bauten, arbeitete ich in der britischen Botschaft in Bonn und flog mit einem Kollegen nach Berlin, um mir das Ganze anzusehen. »Hör auf zu grinsen«, sagte er, als wir vor der Mauer standen. Daß ich grinste, war mir gar nicht bewußt, und es gab ja auch wirklich nichts zu grinsen. Also war es wohl nur so ein Verlegenheitsgrinsen, wie es einen in besonders feierlichen Augenblicken überkommt, bei Begräbnissen, zum Beispiel, oder einem Lunch mit Mrs. Thatcher.

Die Mauer war ohne jeden Zweifel das widerlichste Symbol politischen Versagens, das ich je gesehen hatte. Und wie das Glück es wollte, schenkte sie mir das Thema zu einem Buch, nach dem ich damals suchte. Schriftsteller sind nun einmal Opportunisten.

Ich hatte keine Ahnung, daß ich im Begriff war, einen großen Bestseller zu schreiben, aber ich war nie zorniger über ein politisches Ereignis gewesen, und dieser Zorn gab meinem Schreiben Schwung. Ich schrieb in den frühen Morgenstunden, in den Mittagspausen und in jedem freien Moment an meinem Schreibtisch in der Botschaft. Die diplomatischen Cocktail- und Dinner-Partys, versteht sich, gingen auch in der Krise weiter, es waren muntere Abende wie immer. Ich schrieb jeden Tag während der Überfahrt auf der Fähre von Königswinter, wo ich wohnte, nach Bad Godesberg. Für die eigentliche Schreibarbeit brauchte ich nicht mehr als fünf Wochen, der Rest waren Streichungen und Politur.

Die Geschichte war total frei erfunden. Ich wußte sehr wenig über die Art Spionage, die ich beschrieb. Ich war nie in Ost-Berlin gewesen, geschweige in Ostdeutschland. Nach meiner Kenntnis unserer Nachrichtendienste besaßen sie weder den Witz noch die Skrupellosigkeit, um so eine teuflisch geniale Operation auszuhecken. Das Buch war Fiktion von Anfang bis Ende.

Die Intelligence-Leute müssen das genauso gesehen haben, denn sie gaben ihm ihren wohlwollenden Segen. Nur das gute alte Foreign Office war, wie sich später herausstellte, wütend, bloß wußte es anscheinend selber nicht genau, warum. Einem hohen SIS-Beamten zufolge, der mich zum Essen einlud, handelte »Der Spion, der aus der Kälte kam« von »so ungefähr der einzigen Doppelagenten-Operation, die jemals geklappt hat«. Er dachte wohl dabei eher an britische als an sowjetische Operationen, denn sein eigener Dienst hatte eine ganze Menge Doppelagenten in Lohn und Brot. Und sie waren sogar sehr tüchtig, selbst wenn sie gegen ihn arbeiteten.

Der Botschaftskollege, der mich zur Mauer begleitet hatte, war weniger begeistert: »Ich habe dein Buch verschlungen wie ein Hund sein Erbrochenes«, sagte er. Da wußte ich, daß ich einen Bestseller geschrieben hatte.

Inzwischen erhob mich die Presse zum großen Meisterspion, und dagegen ließ sich nicht viel machen. Also hielt ich sie mir tunlichst vom Hals und kümmerte mich um meine eigenen Phantasien. Es war kein Verlust. Als Diplomat wünscht man die Presse ohnehin zum Teufel, und diese herzliche Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Was mich betrifft, so waren mir bald auch Diplomaten zuwider, aber das nur nebenbei.

Erst in meinem nächsten Buch, das unter dem Einfluß des Schweinebucht-Desasters entstand, wagte ich die Konfusionen und Kriegsnostalgien jener Welt zu schildern, in der ich für kurze Zeit eine unbedeutende Rolle gespielt hatte. Der Roman mißfiel nicht nur Kritikern und Lesern, diesmal waren auch die Spione verstimmt. Und da die britischen Geheimdienste große Teile der Presse kontrollierten, wie sie es meines Wissens auch heute noch tun, gaben sie mir ihren Groll zu spüren. Den einzigen Trost spendete ausgerechnet Allen Dulles, der gerade seinen Job als CIA-Chef an den Nagel gehängt hatte. Er nannte den Roman erschreckend realitätsnah.

Ich arbeitete unverdrossen weiter, aber das Thema des Kalten Krieges im engeren Sinne ließ ich vor zehn Jahren fallen, als ich George Smiley noch einmal zur Berliner Mauer schickte, wo er seinen abtrünnigen sowjetischen Gegenspieler, Kodename Karla, in Empfang nehmen sollte: _____« »George, du hast gewonnen«, sagte Guillam, während » _____« sie langsam zum Auto gingen. » _____« »Wirklich?« sagte Smiley. »Ja, na gut, das habe ich » _____« wohl.« »

Man kann nicht mehr tun, als zu seiner Sache stehen. Smiley hatte gewonnen, wie jetzt der Westen gewonnen hat. Aber die Süße des Sieges bleibt uns versagt, so wie sie Smiley versagt blieb - teilweise deshalb, weil er vergessen hatte, wofür er kämpfte, zum Teil, weil er fürchtete, daß seine Oberen die Annehmlichkeit dauerhafter Feindschaft der Mühsal neuer Optionen und Wege vorzogen. Der arme alte George war auch in seiner besten Zeit nie ein glücklicher Kalter Krieger. Immer ächzte er unter seiner ethischen und ehelichen Bürde. Immer bewahrte er sich den humanitären Funken in einem Konflikt, der ihm endlos erschien.

Um 1979 hatten Smiley und ich, aus unterschiedlichen Gründen, die Nase voll. Wir schienen die einzigen zu sein, die das merkten. Schließlich gibt es eine Grenze, über die hinaus sich ein Patt nicht mehr dramatisieren läßt. Smiley wurde zu alt, und so ging es dem Kalten Krieg, so auch mir. 19 Jahre lang hatte ich versucht, unsere politische Sackgasse zu beschreiben, nun ließ ich den Vorhang fallen, wo ich ihn aufgezogen hatte, an der Berliner Mauer, und sprach ein lautes »Dank dir, Smiley, und gute Nacht!«

Ich fühle mich geschmeichelt von Leserbriefen, die noch mehr Smiley von mir verlangen, und vielleicht werde ich eines Tages seine gesammelten Fälle oder seine Memoiren oder - Halleluja! - seine geheimen erotischen Tagebücher herausbringen. Aber sicher ist das nicht. Es hängt davon ab, ob ich so alt werde wie er und, falls ja, wie ich mich dann fühle.

In meinem nächsten Buch jedenfalls gab es keinen George Smiley mehr und keinen Kalten Krieg, und die Geschichte könnte sich morgen wieder ereignen. Mein Thema war der arabisch-israelische Konflikt. In diesem Ring schlägt keiner den Gong. Das Buch danach war ein autobiographischer Blick zurück. Es erzählt von einem privaten Pakt vor 40 Jahren zwischen einem britischen Spion und einem tschechischen Spion. Die gleiche Geschichte könnte ebensogut heute wie in 20 Jahren spielen. Keine Berliner Mauer ist dabei vonnöten.

Mein letztes Werk, schamlos polemisch, beschwor noch einmal den Kalten Krieg, nur um zu zeigen, daß er vorbei war, außer für die Profis. Daß die Mauer jetzt fällt, während mein Buch noch präsent ist, erfüllt mich mit stiller Freude. Mr. Bush allerdings, um nach seiner jüngsten Pressekonferenz zu urteilen, freut sich nicht so sehr. Er sei, sagt er uns, kein leidenschaftlicher Mensch. Die Wahrheit, fürchte ich, ist düsterer: Der Westen, der das bekommen hat, was er all die Jahre über ausdrücklich wollte, weiß nicht hinten noch vorn, was er damit anfangen soll. Da liegt irgendwo ein Roman drin, und zwar einer von Dauer. Vielleicht erzählt er uns von dem Mann, der einer schönen verheirateten Frau den Hof macht und sofort in Deckung geht, sobald sie geschieden ist.

Ich selber habe nie daran gezweifelt, daß Britannien und die Vereinigten Staaten unter schweren Entzugserscheinungen zu leiden haben werden, wenn sie von ihrem Kalten-Kriegs-Trip runter müssen. Eine Menge Methadon, eine Menge liebevoller Fürsorge werden nötig sein für unsere sichere Rückkehr von der Sucht zur Normalität.

Ich habe meine alten Geschichten vom Kalten Krieg wieder aufgewärmt, weil Smiley und ich kürzlich, vor allem in der westlichen Presse, unsere Nachrufe lesen durften: Die Spionage-Story sei mit der Mauer gestorben. Aber die Kolumnisten, die ihre Nekrologe schreiben, beschwören nicht das Dilemma des kleinen Romanciers, sondern das einer ganzen Nation mit Entzugssymptomen, verursacht durch die bedrohliche Aussicht auf Frieden. Nicht mal eines wirklichen Friedens, wie die Dinge stehen. Wirklich vorbei ist ja nur die tödliche Bedrohung durch einen Feind, an den wir uns gewöhnt haben und der sich jetzt erfrecht, das Spiel nicht mehr mitzuspielen. Wird Amerika sich sicherer fühlen, wenn Castro verschwindet? Wie es im Augenblick aussieht, wird die Regierung eher wie ein verlorenes Kind durch den Wald irren und nach Onkel Fidel rufen, damit er es nach Hause bringt.

Wenn der Spionage-Autor von heute sich der Herausforderung zu stellen vermag, ist er fein raus. Er kann die Spinnweben einer alt und kalt und müde gewordenen Welt wegfegen, kann das obligatorische Gepäck des Kalten Kriegs in den Mülleimer werfen und sich vielerlei neuen Jagdgründen zuwenden. Eine Ära versinkt, für das Spionage-Genre beginnt eine lange und stürmische Renaissance. Die Frage ist nur: Wie werden die Schriftsteller damit fertig?

Der Spionage-Autor kann sich fast jedem Winkel auf dem Erdball in der vollen Gewißheit zuwenden, daß die Agenten, Waffenhändler und humanitären Hochstapler schon vor ihm da sind: in Angola, El Salvador, Sri Lanka, Kambodscha, Nord-Burma, Eritrea, Äthiopien, Libyen, dem Tschad. Um diese Schauplätze zu beschreiben, brauchen die Verfasser weit mehr Informationen als je zuvor. Die alten Klischees und Vorurteile des Ost-West-Konflikts werden ihnen in Zukunft sowenig nützen wie den Politikern unserer Tage. Gefordert sind: präziseres Denken, umfassenderes Wissen, Information sowohl wie Spannung, Provokation sowohl wie Unterhaltung. Versagt der Autor, dann nicht deshalb, weil Mr. Gorbatschow ihm sein Spielzeug weggenommen hat.

Wieviel wußten wir von den Greueln auf Haiti vor Graham Greenes »Stunde der Komödianten«? Von Batistas Kuba vor »Unserem Mann in Havanna«? Der Spionage-Roman ist nicht im Kalten Krieg entstanden. Der Kalte Krieg hat ihn nur aufgebläht, weil das Spionage-Genre genau in die Welt paßte, in der wir leben. Das gleiche galt für die Spione. Aber bilden wir uns bloß nicht ein, daß die Spitzel, nur weil der Kalte Krieg vorbei ist, keine Konjunktur mehr hätten. In unsicheren Zeiten wie den unseren wieseln und wuseln die internationalen Nachrichten-Industrien wie nie zuvor, und in kommenden Jahrzehnten wird sich das Spionage-Milieu weiterhin als die Kollektiv-Couch erweisen, auf der die Nationen ihr Unterbewußtes preisgeben, ihre verborgenen Neurosen, Psychosen, Haßgefühle und Phantasien in die Mikrophone wispern.

Wer sonst als die leidenschaftlich individualistischen Franzosen hätte jenes Greenpeace-Schiff versenkt, das ihr souveränes Recht bedrohte, den Erdball ohne Rücksicht auf seine Bewohner zu verseuchen? Wer sonst als die unheilbar optimistischen Amerikaner hätte sich der Illusion hingegeben, daß sich das kubanische Volk wie ein Mann erheben und Amerikas tragische Invasion begrüßen würde? Wer anders als die Briten mit ihrem Geheimhaltungstick wäre auf die Idee gekommen, diese Obsession ausgerechnet in den Zeiten von Glasnost noch zu steigern?

Aber seine Inspiration findet der Autor dort, wo er sie immer fand: im Wechselspiel zwischen Realität und Selbstbetrug, dem Kern so vieler Geheimdienst-Existenzen. Auf dem schmalen Grat zwischen Raffinesse und Idiotie. Im blinden Vertrauen, das Politiker, aus Verzweiflung oder Ungeduld, in oft unkontrollierbare Nachrichtendienste setzen - mit katastrophalen Folgen. In unser aller Fähigkeit, die Wahrheit so lange zu manipulieren, bis sie uns sagt, was wir hören wollen. In der Art und Weise, wie die Spionage-Story uns ins Herz der Konflikte führt, auch wenn sich herausstellt, daß es unsere eigenen Konflikte sind. In der unendlichen Vielfalt der Motive für Loyalität und Verrat, und in den Motiven des Verräters, in denen sich die Moral unserer Zeit widerspiegelt.

Für eine Weile, in den Nachwehen des Kalten Krieges, mag die Spionage beim Publikum an Faszination verlieren, obwohl ich das bezweifle. Wie das Gewerbe, das er beschreibt, wird der Spionage-Autor nicht verschwinden, er wechselt nur die Position. Wenn sich die Reihen lichten und die Qualität zunimmt - um so besser für uns alle. Schön, wenn es mit den Spionen genauso käme. Ein netter Mann schrieb mir neulich, ob ich nicht mit ihm zusammen eine Skulptur für das CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia, entwerfen wolle. Aus Diskretion will ich das Sujet seiner Skizze verschweigen, aber es war bestimmt kein Grabstein.

Zwei Ereignisse der jüngsten Zeit machten mir klar, daß die Spionage-Branche ihre traditionellen Praktiken nicht so schnell ändert, wie man glaubt. Da sind erstens die lachhaften Public-Relations-Versuche des KGB, das sich im sowjetischen Fernsehen darstellte als ein Philantropen-Verein freundlich lächelnder Onkels, die - und nun kommt's - »über keine persönlichen Dossiers von Sowjetbürgern verfügen«.

Der zweite, näherliegende Fall betrifft meinen jüngsten Roman, »Das Rußland-Haus«, und einen Kommentar darüber, den angeblich ein »ungenannter aktiver Beamter des britischen Geheimdienstes« für ein französisches Magazin verfaßt hat. Der Plot des Romans sei unmöglich, erklärte er, weil der britische Geheimdienst »nie und nimmer einen versoffenen Schürzenjäger als Agenten anwerben würde«. Ich las diese köstlichen Worte mehrere Male, bevor ich zu glauben wagte, daß jemand so etwas schreiben konnte. Sie erinnerten mich an ein BBC-Team, das den britischen Botschafter in Paris um Erlaubnis gebeten hatte, in seiner Botschaft für den Film »Smileys Leute« drehen zu dürfen. Die frostige Antwort lautete: Nein; das Foreign Office befasse sich mit Fakten, nicht mit Fiktionen.

Angesichts solch unerschütterlicher Unschuld spinnen die Spionage-Schriftsteller ihr Garn vergebens.

»Wir haben gewonnen, aber der Sieg bleibt uns versagt.«

»Bilden wir uns nicht ein, daß Spione keine Konjunktur mehr hätten.«

John Le Carre
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