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BÜCHER NEU IN DEUTSCHLAND Legendäres Bordell

Maria Vargas Llosa: »Das Grüne Haus«. Rowohlt; 436 Seiten; 24 Mark.
aus DER SPIEGEL 35/1968

In seinem ersten Roman »Die Stadt und die Hunde« wurde eine enge, abgeschlossene Welt, die Kadettenanstalt von Lima, zum Spiegelbild hauptstädtischer peruanischer Gesellschaft. In diesem Zweitling nimmt Vargas Llosa, 32, eine zwar weite, doch kaum minder abgeschlossene Welt ins Visier: die peruanische Provinz.

Vom Anden-Hochland bis zu den Dschungeln des Amazonas -- der Autor erschließt sich dieses weite Feld auf die wohl einzig mögliche Weise: Er erfindet eine erstaunliche Vielfalt von Geschichten, die in verschiedenen Gegenden zu verschiedenen Zeiten beginnen, lianenhaft zu einem abenteuerlichen, zuweilen auch monotonen Roman-Urwald verwachsen und im »Epilog« mühsam, aber kunstreich in eine gemeinsame Gegenwart münden. »Das Grüne Haus«, ein auf Sand gebautes, leicht legendäres Bordell, ist nur der Sammelpunkt dieser Geschichten. Sie handeln von den Nonnen der Missionsstation und den Guardias der Polizeiposten; von den Beutezügen, auf denen man den Eingeborenen die Kinder abjagt, um sie in Helmen der Christianisierung zu unterwerfen; von dem schwindelhaften Handel, mit denen Regierungsprotegés Felle, Gummi und Edelhölzer der »Nacktärsche« an sich bringen; von Weißen und Mischlingen, »Christen« und »Heiden«, ihren Mentalitäten und Methoden.

Aber ob Anwalt oder Arzt, Beamter oder Betschwester, ob Häuptling, Händler, Hure, Honoratior, ob Seelen- oder Flußlotse, Teniente oder Tagedieb -- zunächst einmal sind sie alle nicht repräsentative Typen, sondern reale, plastisch gezeichnete Individuen, und das Buch ist keine polemische Tagespost, sondern ein stilvolles Erzählwerk.

Daß, was es darstellt, auch zeitgenössisch ist, beweist oft nur das Vorkommen von Autos, Motorbooten und Flugzeugen.

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