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Presse Leicht schief

Neue Krise bei der Tageszeitung, dem Leibblatt von Ökos und Alternativen: Ihr ist wieder mal ein Chefredakteur abhanden gekommen.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Den Redakteuren, die sich Donnerstag voriger Woche um 18 Uhr zur Krisensitzung trafen, wollte der Chef nur noch knapp bemessene Zeit widmen: In anderthalb Stunden müsse er, »tut mir leid, Leute«, zum Geburtstagsempfang des 90 Jahre alten Schauspielers Bernhard Minetti, sagte Arno Widmann, 48.

Nach der so abgekürzten Debattierrunde vertagten sich die Mitarbeiter der Berliner Tageszeitung (taz) auf diese Woche. Sie müssen ein Problem lösen, das ihnen Widmann bescherte: Der Chefredakteur hatte gekündigt.

Wieder einmal muß die Redaktionsspitze des chaotisch-unkonventionellen Blatts neu besetzt werden. Die Zeitung, 1979 als Zentralorgan der Sponti- und Alternativszene gegründet, kommt aus den Turbulenzen nicht heraus.

Widmanns Vorgänger Georgia Tornow, 46, und Michael Sontheimer, 39, hatten es immerhin noch auf jeweils über zwei Dienstjahre gebracht. Nach nur sieben Monaten jedoch nahm Lesejunkie Widmann seinen Abschied.

Voller guter Vorsätze war der taz-Mitbegründer vorigen Sommer nach einem Ausflug zum Mode-Glanzmagazin Vogue und Arbeiten für die Frankfurter Allgemeine zurückgekehrt. Widmann wollte aus den tazlern, die sich vor allem als Schreiber sehen, Redakteure machen. Sie sollten sich um Sprache und Zeitungsoptik bemühen.

Das war des Guten denn doch zuviel. Eine »Redigier-Combo« (Redaktionsschnack), die Seiten und Texte bearbeiten sollte, fand kein Wohlgefallen. Widmann mußte sogar einige Kollegen für die Trocken-Arbeiten zwangsverpflichten, einer der Erwählten entschloß sich zum Boykott. Am Ende zog der Chef sein Projekt zurück.

Auch platzte Widmanns Plan, gestandene Journalisten von außen zu gewinnen - kein Wunder bei taz-Gehältern von durchschnittlich 2100 Mark netto.

»Meine Reform ist gescheitert«, gestand Widmann desillusioniert. Offenbar habe er kaum Chancen gesehen, angesichts »der gewachsenen taz-Strukturen und der finanziellen Engpässe seine Vorstellungen in einer angemessenen Frist umzusetzen«, kommentierte das Blatt in eigener Sache. Da ist was dran: An allen Ecken und Enden fehlt Geld. Der Verlag hat große Mühe, die Probleme der Branche mit steigenden Papierpreisen und stagnierenden Werbeeinnahmen zu lösen.

Jede Woche verliert die taz zudem rund 50 Abonnenten, die Auflage kleckert seit langem bei rund 60 000 Exemplaren. Der Verkauf verlagseigener Produkte - das Velo einer Bremer Fahrradmanufaktur, ein Parteien-Monopolyspiel namens »Raffke«, ein schmucker Stahlthermobehälter ("taz, die Flasche") - bringt wenig.

Nach der neuen Chefkrise fürchten viele Mitarbeiter neue Fehlschläge. Es gebe »eine leichte schiefe Ebene nach unten«, erklärt ein taz-Mann. Die Eigentümer, eine Genossenschaft aus Mitarbeitern und Freunden des Blattes, schieben einen Verlustvortrag von über fünf Millionen Mark vor sich her. Auf der Haben-Seite steht die taz-eigene Immobilie in der Berliner Kochstraße.

Womöglich gibt es im Herbst eine neue Solidaritätsaktion, bei der neue Abonnenten gewonnen werden sollen. Auf den verwaisten Chefposten könnte, so kolportieren Insider, der ehemalige Wochenpost-Chefredakteur Mathias Greffrath rücken.

Widmann wird nach Hamburg wechseln - zum Wochenblatt Die Zeit (Auflage: 477 000). Am Freitag voriger Woche verkündete Chefredakteur Robert Leicht seiner Truppe, nach langer Suche habe er in Widmann den Leiter des Kulturressorts gefunden.

Ihren neuen Ober-Feuilletonisten hatten die Zeit-Schreiber zu seinem taz-Chefdebüt als »unberechenbar, tabulos und garantiert ideologiefrei« charakterisiert. Er sei, so die Zeit ungewöhnlich süffisant, ein »jugendlicher Heinz Erhardt im roten Seidenhemd«. Y

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