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Aids Leiden verlangsamt

Die bislang genaueste Verlaufstudie über Aids zeigt: Aids-Kranke leben länger als noch vor wenigen Jahren, doch das Siechtum wird grausamer.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Insgesamt 6705 männliche Patienten der City Clinic von San Francisco krempelten in den Jahren 1978 bis 1980 die Ärmel hoch, ließen sich Blut abnehmen und gaben Mitarbeitern der städtischen Gesundheitsbehörde detaillierte Auskünfte über ihr Geschlechtsleben. Alle Probanden waren nach eigenen Angaben homo- oder bisexuell und bereit, an einer Studie über Häufigkeit und Verlauf der Behandlung der Infektionskrankheit Hepatitis B teilzunehmen.

Diese Form des Leberleidens ist unter Homo- und Bisexuellen weit verbreitet. Krankheitsauslöser ist ein Virus, das im Blut nachgewiesen werden kann; übertragen wird die Krankheit vor allem beim Geschlechtsverkehr.

Knapp sechs Prozent der Männer, in deren Blut der Hepatitis-Erreger nicht entdeckt worden war, wurden für den Versuch mit einer neuen Schutzimpfung ausgewählt. Die Ergebnisse des Tests (der noch läuft) werden in der Fachwelt vergleichsweise wenig beachtet.

Dennoch ist die Kohorte der 6705 Männer aus der kalifornischen Großstadt »in die Medizingeschichte eingegangen«, wie der derzeitige Direktor der Studie, der Seuchenexperte Alan Lifson, erklärt. Wie keine andere Untersuchung dokumentiert das Hepatitis-B-Projekt den Verlauf der Immunschwächekrankheit Aids, die seit neun Jahren San Franciscos Homosexuelle heimsucht.

Im Oktober 1983 begannen die Verantwortlichen der Hepatitis-Studie von den Testteilnehmern die Erlaubnis einzuholen, das eingelagerte Blut auch für eine Aids-Untersuchung verwenden zu dürfen. Zugleich wurden die Teilnehmer, die einwilligten, zu regelmäßigen Nachuntersuchungen gebeten.

»Mit dem Zeitpunkt der Hepatitis-Studie hatten wir unglaubliches Glück«, sagt Lifson. Die Ausweitung zur Aids-Studie habe dazu geführt, daß »wir inzwischen über die genauesten epidemiologischen Aids-Daten verfügen«.

Aus den jährlich veröffentlichten Zwischenergebnissen - der jüngste Report kam im vorletzten Monat heraus - geht unter anderem hervor, daß in einer Gruppe von 445 HIV-infizierten Homosexuellen sich 345 schon 1980 oder früher angesteckt hatten. Knapp die Hälfte von ihnen ist der Seuche mittlerweile erlegen, 32 Prozent sind an Aids oder Aids-typischen Leiden erkrankt. Etwas mehr als 20 Prozent der Infizierten, die sich zwischen 1977 und 1980 angesteckt haben, sind noch symptomfrei.

Die Daten wie auch die Befunde der restlichen 100 infizierten Testteilnehmer werden in jeweils dreijährigen Intervallen zusammengestellt. Sie erlauben Rückschlüsse auf die Inkubationszeit des Virus, auf die Überlebenschance und wohl auch auf die sexuellen Verhaltensweisen der Homosexuellen.

Zwischen 1981 und 1983 hatte die Zahl der Neuinfektionen noch bei 72 Männern gelegen; danach nahm sie beständig ab. Den Aufklärungs- und Safer-Sex-Kampagnen schreiben es die Mediziner vor allem zu, daß sich zwischen 1984 und 1986 nicht mehr als 17, im anschließenden Erfassungszeitraum nur noch 11 der Teilnehmer mit dem Aids-Erreger infizierten. Bevor es zum Ausbruch der Krankheit Aids kommt, so zeigt das jüngste Zwischenergebnis, vergehen durchschnittlich 11,1 Jahre.

Ob die statistisch gesicherte Erhöhung der Lebenserwartung bei Aids-positiven Männern auf die Einnahme von Medikamenten wie AZT zurückzuführen ist, bleibt vorerst ungewiß: Viele der symptomfreien Langzeit-HIV-Träger schlucken die Arzneimittel nicht. _(* In der San Francisco City Clinic, ) _(unter einem Plakat der deutschen ) _(Aids-Hilfe. )

Zu dieser Gruppe gehört etwa der Programmierer Gordon Gross, 40, der schon seit 1979 HIV-infiziert ist und sich in regelmäßigen Abständen Blutproben ziehen läßt. »Ich bin ungewöhnlich, und ich will es bleiben«, sagt Gross.

Obwohl die Aids-Experten Gross eine »gesundheitlich hervorragende Verfassung« attestieren, mögen sie den Optimismus ihres Patienten nicht so recht teilen. Bei jedem dritten derzeit noch gesunden Mann, der sich zwischen 1977 und 1980 mit dem Virus infiziert hat, beginnt nach den jüngsten Erkenntnissen die Anzahl der T-Zellen des Immunsystems zu fallen - normalerweise ein Vorbote des Krankheitsausbruchs.

»Aids«, sagt der städtische Gesundheitschef David Werdegar, »bleibt eine Krankheit, die zum Tode führt«; das verlangsamte Siechtum nehme der Seuche nichts von ihrem Schrecken, im Gegenteil, das Krankheitsbild werde »immer grausamer«. Denn je länger das Leiden dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß der Erreger auch das Gehirn des Aids-Patienten schädigt. Werdegar: »Die Fallmeldungen über einen Aids-typischen Schwachsinn nehmen zu.«

* In der San Francisco City Clinic, unter einem Plakat der deutschenAids-Hilfe.

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