Zur Ausgabe
Artikel 28 / 58

FERNSEHEN / Telemann LEKTRO-SCHOCK

aus DER SPIEGEL 2/1961

Als unser Fernsehen noch im Stande der Unschuld, aber schon so stark entwickelt war, daß mit einer unziemlichen Liaison jederzeit gerechnet werden mußte, gab es Leute, die aus dem gefallsüchtigen Nymphchen partout eine Tempeljungfrau machen wollten. Den Künsten sollte es sich weihen, das Deutsche Fernsehen, so forderten sie und wiesen ihm, Spalier bildend, den Weg zum Parnaß.

Damals, als die Vokabel »fernseheigen« in Schwang kam und vielerorts geprüft wurde, inwieweit das »neue Medium« ungeahnte Stil- oder Ausdrucksformen zu zeitigen fähig sei, erhob sich auch die Frage: Gibt es eine Fernseh-Kunst? Bietet die Elektronenröhre Musenkindern die Möglichkeit, auf eine besondere, nirgendwo anders denkbare Weise zu wirken? Doch soviel man herumrätselte und forschte - die Antwort hieß: nein.

Doch als das Fernsehen die Allee aus erhobenen Zeigefingern weit hinter sich gelassen hatte und die ersten Annehmlichkeiten einer öffentlich-rechtlichen Gunstbuhlschaft genoß, zeigte es plötzlich, zwischen Quiz und Quakelei, daß es sehr wohl etwas kann, was Film, Hörfunk und Bühne nicht können: Es kann aus hundert Tuschzeichnungen, zehn Seiten Text und ein paar Takten Musik ein Kabinettstück jenes Schmunzel-Humors fertigen, das hierzuland, wo man schon Mühe hat, das Gebräuchliche komisch zu finden, Erstaunen verursacht - kurzum, das »Medium Fernsehen« kann »Lektro-Geschichten erzählen.

Der »Lektro«, Held einer TV -Bilderbuchserie, ist ein kleiner Mann mit Nickelbrille, übergroßer Dienstmütze, Hängeschultern und einem Lächeln, das von Pflichterfüllung, Untermiete und Malzkaffee kündet. Er lebt und läuft mit der Masse, weil er anders nicht Bankpförtner noch Lötstellenkontrolleur sein könnte, kommt aber, während er »schönen Gedanken« nachhängt, ständig mit den Institutionen der Massen-Ordnung in Konflikt.

Der Ton, in dem die Geschichten erzählt sind, ist entweder kunstvollnaiv ("Was die Jagd in den Wäldern so schwierig macht, sind die Bäume") oder von hauchzarter Boshaftigkeit ("Sie sangen und schunkelten und waren unter sich, aber wenn Autos an ihnen vorbeifuhren, erkannten sie an den Nummern, daß sie in einem fremden Lande waren"). Texte und Zeichnungen stammen von dem 30jährigen Münchner Graphiker Reiner Zimnik, die Musik schrieb Rolf Wilhelm, produziert wurden die Fernsehkunst-Stückchen in München-Freimann.

Das Echo, das aus dem bundesdeutschen Antennenwald hervortönte, erreichte in drei »Lektro«-Jahren niemals die Phon-Zahl, die ein fortschrittlicher TV-Direktor mit Unterhaltungssendungen zu erzielen wünscht. Indes, Dr. Clemens Münster ließ sich weder durch Umfrage-Ergebnisse noch durch postalische Unmutsäußerungen beirren.

Eines Tages im Advent jedoch, bald nachdem das sechste von acht geplanten »Lektro«-Erlebnissen ausgestrahlt war ("Von einer Omnibusfahrt nach Italien«, 5. Dezember), ging der Hauptabteilung III wie auch der Unterabteilung »Unterhaltung« eine Hausmitteilung zu, worin zu lesen stand: Reiner Zimnik dürfe in beiden Abteilungen bis auf weiteres nicht mehr beschäftigt werden. Begründung: Die letzte Sendung habe gezeigt, daß man einen so begabten Mann nicht mit Fernseh-Aufträgen überhäufen dürfe, weil dies die Qualität seines Schaffens mindere. Unterschrieben: Clemens Münster.

Möglich, daß dem bayrischen Fernsehdirektor Zimniks letztes Schmunzelwerk derart mißfallen hat, daß er, in heiligem Gralsritterzorn, das Musenkind mit dem Bad ausschüttete.

Möglich.

Es könnte aber auch sein, daß Dr. Münsters künstlerischer Bekennermut schon so tief gesunken war, daß er weiteren Umfrage-Unbilden nicht länger Trotz bieten wollte. Ist doch der Entschluß, den »Kleinen Mann mit der Mütze« vom Bildschirm zu verbannen, ein populärer Entschluß.

Aber darf ein Fernsehdirektor solche Entschlüsse fassen? Darf er die wenigen Eilande, die noch - in Sieben-Meilen-Abständen - aus der Programm - Trübnis herausragen, preisgeben, bloß weil Gevatter Fernsehverbraucher sich darauf nicht heimisch fühlt?

Wenn unsere TV-Obrigkeit der Zuckerwasserflut, die da, aus demoskopischen Quellen gespeist, höher und höher steigt, nichts anderes entgegenzusetzen weiß als ihren lauteren Charakter und das regionale Rundfunkgesetz, wird dieses geschehen:

Gevatter und Gevatterin werden selbander vor der Röhre sitzen, und nichts, aber auch gar nichts mehr wird sie verdrießen oder in Befremdnis versetzen. Die Welt, die tagtäglich in ihr Heim kullert, wird doppelt so rund sein wie ehedem. Kein Ausdruck wird fallen, der nicht zum Mindestpensum einer Hilfsschule gehört; kein heißes Eisen wird so heiß angefaßt werden, wie es aus der Esse kommt.

Nie mehr werden sie abschalten und murren müssen: »Das ist nichts« oder gar: »Das ist zu hoch für uns«. Nicht einmal dann, wenn etwas Lustiges gesendet wird.

Abschalten werden nur noch jene, die einst den »Lektro« ergötzlich fanden. Aber wer fragt schon danach!

Merke: »Dem Individuum ist nicht zu helfen« (Nietzsche, »Die Unschuld des Werdens").

telemann
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 58
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.